Deutschland geht als haushoher Favorit in das Sechzehntelfinale von Foxborough, und daran ändert auch Paraguays bescheidene Offensive nichts. Das eigentliche Risiko liegt nicht in der Qualität des Gegners, sondern in einem tief stehenden Block, der genau die Schwächen bestraft, die das DFB-Team gegen Ecuador gezeigt hat — und in einer Aufstellung, die Julian Nagelsmann noch nicht beantwortet hat.
Der Gegner: limitiert, aber unangenehm gebaut
Paraguay ist nach sechzehn Jahren erstmals wieder bei einer WM, und der Weg dorthin sagt einiges über die Mannschaft. Unter dem argentinischen Trainerroutinier Gustavo Alfaro, der eine verkorkste Qualifikation drehte, schlug die „Albirroja“ Ende 2024 sowohl Brasilien (1:0) als auch Weltmeister Argentinien (2:1) — beide Male aus einer kompakten, defensiven Anlage heraus. Das Prunkstück ist die Abwehr: In achtzehn Qualifikationsspielen kassierte Paraguay nur zehn Gegentore. Die Offensive dagegen ist harmlos; in der Gruppenphase gelangen nur zwei Tore in drei Spielen, in der Qualifikation blieb das Team in acht von achtzehn Partien torlos.
Der Plan ist entsprechend eindeutig. Alfaro lässt auf dem Papier im 4-5-1 verteidigen, bei gegnerischem Ballbesitz fällt ein Sechser in die letzte Linie zurück und macht eine Fünferkette daraus. Abwehrchef Omar Alderete, einst siebzehn Spiele bei Hertha BSC, organisiert das Ganze; der gesperrte Diego Gómez fehlt im Mittelfeld. Der Weg durch Gruppe D passt ins Bild: 1:4 gegen die USA, dann ein 1:0 gegen die Türkei trotz langer Unterzahl, schließlich ein 0:0 gegen Australien. Das ist kein Gegner, der Deutschland das Spiel macht. Es ist ein Gegner, der darauf wartet, dass Deutschland es ihm leicht macht.
Das Ecuador-Muster
Und hier liegt die Pointe. Paraguays Bauplan trifft präzise auf das, was Deutschland zuletzt selbst zum Problem gemacht hat. Nach der Niederlage gegen Ecuador benannte Nagelsmann die Themen offen: zu viele Ballverluste, fehlende Kontrolle nach der frühen Führung, Mühe gegen körperlich intensive Gegner. Genau das sind die Eigenschaften, die ein tiefer Block bestraft. Fällt kein frühes Tor, wird die Partie zur Geduldsprobe, und je länger es eng bleibt, desto eher wittert ein Gegner wie Paraguay seinen einen Moment — über einen Konter, über einen ruhenden Ball. Das ist nicht die Prognose eines Ausscheidens, sondern die Beschreibung des Stolperdrahts. Ecuador, spielerisch sogar etwas stärker als Paraguay, hat ihn vorgeführt.
Die Personalfrage als Hebel
Gegen einen tiefen Block sind zwei Werkzeuge entscheidend: Kontrolle im Zentrum und ein Vollstrecker, der enge Räume löst. Beide stehen im Mittelpunkt der deutschen Personaldebatte. Die Forderung nach Joshua Kimmich im Zentrum — von Lothar Matthäus über Philipp Lahm bis Markus Babbel — zielt auf die Kontrolle; der Ruf nach einem Startelf-Einsatz von Deniz Undav, dem effizientesten Scorer des Turniers, zielt auf die Durchschlagskraft. Nagelsmann hat beide Wechsel bislang offengelassen und vertraut den Stammkräften. Es ist die naheliegende Bühne, um zu zeigen, ob er gegen einen tiefen Block die Mittel anpasst — oder darauf setzt, dass Florian Wirtz und Jamal Musiala die Abwehr ohnehin knacken.
Der Favorit bleibt der Favorit
Bei aller Vorsicht: Die Rangordnung ist eindeutig. Deutschland hat die spielerische Qualität, diese Defensive zu öffnen, und alles andere als ein Weiterkommen wäre eine Enttäuschung — Paraguay ist offensiv limitiert und spielerisch unter dem Niveau von Ecuador. Der Markt bildet das ab und führt Deutschland klar; eine vergleichende Übersicht der WM Wetten zeigt zugleich, dass die Erwartung an diese Mannschaft nie die eines Titelfavoriten war, sondern die eines Teams mit Halbfinal-Decke. Diese Ceiling-Frage gehört aber zu einem späteren Spiel. Für heute zählt nur, ob Deutschland den Gegner ernst genug nimmt, um ihn nicht zum Problem werden zu lassen.
Die Hürde heißt Geduld
Wer Paraguay anhand der Namen oder der Weltranglistenposition einschätzt, misst das Falsche. Die Hürde ist nicht das Niveau des Gegners, sondern der Stil: ein tiefer Block, der Geduld erzwingt, und eine deutsche Mannschaft, die zuletzt bewies, dass ihr Geduld unter Druck nicht selbstverständlich von der Hand geht. Löst Deutschland das früh, kippt das Spiel schnell und deutlich. Löst es das nicht, bekommt es denselben zähen, nickligen Abend, den schon Australien gegen Paraguay erlebt hat — nur mit ungleich höherem Einsatz. Die Klasse spricht für den Favoriten. Der Stilbruch ist die Prüfung.

