Japan hat seit 2022 Deutschland, Spanien, Brasilien und England geschlagen — zuletzt im März in Wembley. Die Niederlande haben den siebtwertvollsten Kader des Turniers und drei verlorene WM-Finals im Familienalbum. Am Sonntag in Dallas treffen die furchtloseste Mannschaft des Turniers und sein ewiger Konjunktiv aufeinander — und die Buchmacher trauen sich nicht, einen Favoriten zu benennen.
Glatte 2,00 auf Oranje, 3,60 auf Japan, 3,60 auf das Remis. Lesen Sie diese Linie zweimal: Ein 800-Millionen-Euro-Kader mit Van Dijk, Gravenberch und De Jong bekommt gegen einen vermeintlichen Außenseiter eine Münzwurf-Quote. Das ist keine Anomalie der Buchmacher. Das ist Respekt, der sich über vier Jahre angesammelt hat.
Japans Sammlung der Skalps
Man muss die Liste einmal ausschreiben, um ihre Wucht zu spüren: Deutschland, geschlagen bei der WM 2022. Spanien, geschlagen vier Tage später. Brasilien, geschlagen. England, geschlagen — in Wembley, im März, Tuchels zweite Niederlage als Engländer-Trainer. Keine andere Mannschaft des Feldes hat in diesem Zyklus so systematisch Große gestürzt. Und trotzdem trägt Japan eine Statistik mit sich herum wie einen Mühlstein: 25 WM-Spiele, kein einziges Viertelfinale — Rekord. Die Mannschaft, die jeden schlagen kann, hat noch nie die Runde überstanden, in der es zählt. Dieses Turnier ist angetreten, um genau diesen Satz zu löschen.
Oranje und die Kunst des Beinahe
Auf der anderen Seite steht eine Fußballnation, deren Geschichte das Wort „beinahe“ erfunden haben könnte. Drei WM-Finals, drei Niederlagen — 1974, 1978, 2010. Der schönste Fußball seiner Zeit, nie der letzte Jubel. Und die aktuelle Auflage trägt das Erbe sichtbar: ein Weltklasse-Gerüst aus Van Dijk, Van de Ven und dem 90-Millionen-Mann Gravenberch, davor eine Offensive, die seit Simons‘ Kreuzbandriss einen Architekten sucht und mit einem halb fitten Rekordtorschützen Depay improvisiert. Das 0:1 gegen Algerien im letzten Test war kein Unfall, es war ein Symptom: Kontrolle ohne Durchschlag. Gegen die schnellste Umschalt-Mannschaft Asiens ist das eine gefährliche Diagnose.
Das Spiel, das die Gruppe F definiert
Der Sieger dieses Spiels hat den Gruppensieg praktisch in der Hand — dahinter warten nur Schweden und Tunesien —, und der Gruppensieg entscheidet in diesem Turnierbaum über die Härte des Achtelfinal-Wegs. Aber die eigentliche Währung des Sonntags ist eine andere: Glaubwürdigkeit. Japan kann mit einem Sieg über Oranje den Status als gefährlichste Nicht-Favoriten-Mannschaft des Turniers zementieren. Die Niederlande können beweisen, dass die 23,00 auf ihren Titel den Kader unterschätzt — oder bestätigen, dass der Markt den ewigen Konjunktiv längst korrekt bepreist hat. Eine 2,00 gegen Japan: Vor vier Jahren wäre das eine Beleidigung gewesen. Am Sonntag ist es eine ehrliche Zahl. Das allein erzählt, wie sich der Fußball verschoben hat.

