Im Mai waren leere Flaschen erlaubt. Anfang Juni waren sie verboten. Eine Woche vor dem Anpfiff waren sie wieder erlaubt – so halb. Wer verstehen will, wie die FIFA tickt, braucht keine Kongressreden. Eine Trinkflasche reicht.
Die Chronologie: drei Regeln in fünf Wochen
Der Reihe nach. Im Mai stand im FIFA-Verhaltenskodex für die WM-Stadien, dass Fans leere, transparente und wiederverwendbare Plastikflaschen bis zu einem Liter mitbringen dürfen. Klingt vernünftig bei einem Sommerturnier in Nordamerika. Dann, Anfang Juni, tauchte in dem 35-seitigen Dokument plötzlich ein neuer Satz auf: Wiederverwendbare Wasserflaschen dürfen nicht ins Stadion mitgebracht werden – „um Zweifel auszuschließen“, wie es dort hieß. Kein Pressetermin, keine Erklärung, nur eine still geänderte Passage, die erst durch einen Bericht von The Athletic öffentlich wurde.
Der Aufschrei kam prompt. Und keine Woche vor dem Eröffnungsspiel folgte die nächste Wende: FIFA-Betriebschef Heimo Schirgi verkündete per Video, man wolle „etwas Klarheit“ schaffen. Das Ergebnis: Eine werkseitig verschlossene, weiche Einwegplastikflasche mit maximal 590 Millilitern darf pro Person mit ins Stadion – zumindest in den USA und Kanada. Hartplastik bleibt draußen. Wiederverwendbare Flaschen auch. Und Mexiko? Kam in dem Video schlicht nicht vor.
| Zeitpunkt | Regel |
|---|---|
| Mai 2026 | Leere, transparente Mehrwegflaschen bis 1 Liter erlaubt |
| Anfang Juni 2026 | Komplettverbot – auch leere Flaschen untersagt |
| Seit 6. Juni 2026 | Eine verschlossene Einweg-Weichplastikflasche bis 590 ml erlaubt (USA/Kanada) |
Sicherheitsgründe – die Erklärung, die niemand kaufte
Die offizielle Begründung für das Verbot lautete Sicherheit: Flaschen könnten geworfen werden, Spieler und Besucher verletzen. Man kann das ernst nehmen. Man kann aber auch fragen, warum dieselbe Flasche ungefährlich wird, sobald sie am Stadionkiosk bezahlt wurde. Denn verkauft wurde Wasser in Flaschen selbstverständlich weiter – bei der Klub-WM im Vorjahr für vier bis sechs Dollar das Stück.
Torontos Bürgermeisterin Olivia Chow sprach von „reiner Geldmacherei“. New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani meldete öffentlich Bedenken an. Fanorganisationen liefen Sturm. Die Frage ist also nicht, ob das Verbot ein PR-Desaster war – das war es. Die Frage ist, ob die FIFA ohne den Druck zweier Bürgermeister von WM-Gastgeberstädten jemals zurückgerudert wäre. Die Antwort kennt jeder, der diesen Verband länger als ein Turnier beobachtet.
590 Milliliter gegen 35 Grad
Bleibt die Sachfrage: Reicht das? Forschende erwarten für rund ein Viertel der 104 WM-Spiele eine signifikante Hitzebelastung. Sechs Spielorte liegen in den Subtropen, in Miami, Dallas oder Houston drohen Nachmittagsspiele bei 35 Grad. Nur drei der sechzehn Stadien sind klimatisiert. Und Fans stehen vor dem Einlass oft stundenlang in der Sonne – ohne Schatten, ohne Zapfhahn.
Für die Spieler hat die FIFA reagiert: verpflichtende Trinkpausen in jeder Halbzeit, bei allen 104 Spielen. Für die Fans gibt es 0,59 Liter und das Versprechen von Sprühnebelstationen und Trinkbrunnen rund ums Gelände. Wer nachfüllen will, darf das mit seiner weichen Einwegflasche versuchen – die robuste Mehrwegflasche, die man dafür eigentlich bräuchte, bleibt verboten. Das ist kein Hitzeschutzkonzept. Das ist ein Kompromiss, der auf dem Papier funktioniert und auf dem Parkplatz von Dallas an seine Grenzen kommt.
Was der Rückzieher wirklich verrät
Man kann die Kehrtwende als Einsicht deuten. Man kann sie auch als Muster erkennen. Die FIFA ändert Regeln nicht, wenn sie falsch sind – sie ändert sie, wenn der öffentliche Preis zu hoch wird. Erst der stille Eingriff ins Regelwerk, dann das Beharren auf „Sicherheitsgründen“, dann die Rolle rückwärts per Kurzvideo, sobald Bürgermeister und Fanverbände laut werden. Das Drehbuch kennt man. Schon die Gewitternacht von Philadelphia hat gezeigt, wie dieser Verband mit absehbaren Problemen umgeht: reagieren statt vorbereiten.
Und das eigentliche Problem bleibt ungelöst. Es heißt nicht Flasche. Es heißt Hitze – und es spielt bei diesem Turnier bis zum Finale am 19. Juli mit. Die FIFA hat in fünf Wochen dreimal ihre Regeln geändert und dabei kein einziges Mal die Frage beantwortet, wie sie zigtausend Menschen bei 35 Grad sicher durch einen Stadionnachmittag bringt. Wer das für ein Detail hält, hat den Sommer 2026 noch nicht draußen verbracht.
Häufige Fragen zum Wasserflaschen-Thema bei der WM 2026
Darf ich eine Wasserflasche mit ins WM-Stadion nehmen?
Ja, mit Einschränkung: Erlaubt ist pro Person eine werkseitig verschlossene, weiche Einwegplastikflasche mit maximal 590 Millilitern – in den Stadien der USA und Kanadas. Hartplastik und wiederverwendbare Flaschen sind weiterhin verboten.
Warum hatte die FIFA Flaschen überhaupt verboten?
Der Verband begründete das Komplettverbot Anfang Juni mit Sicherheitsgründen – geworfene Flaschen könnten Spieler und Zuschauer verletzen. Kritiker wie Torontos Bürgermeisterin Olivia Chow hielten dagegen, es gehe um Getränkeverkäufe im Stadion.
Gilt die neue Regel auch in Mexiko?
Unklar. Die Kehrtwende der FIFA bezog sich ausdrücklich auf die USA und Kanada; die mexikanischen Spielorte Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey wurden nicht erwähnt. Wer dort ein Spiel besucht, sollte die Hinweise des jeweiligen Stadions prüfen.
Wie groß ist das Hitzerisiko bei der WM 2026?
Erheblich: Forschende rechnen bei rund 25 der 104 Spiele mit signifikanter Hitzebelastung, mehrere Spielorte liegen in den Subtropen. Nur drei der sechzehn Stadien – Houston, Dallas und Atlanta – sind klimatisiert.
Gibt es im Stadion kostenloses Wasser?
Die FIFA verweist auf Trinkstationen, Sprühnebelanlagen und Kühlzonen rund um die Stadien, die gemeinsam mit den Gastgeberstädten eingerichtet werden. Ein flächendeckendes Gratis-Wasser-Angebot auf den Tribünen ist das nicht – Getränke im Stadion bleiben kostenpflichtig.

