Die Niederlande reisen wieder einmal mit einer besonderen Mischung aus Hoffnung, Qualität und alten Wunden zu einer Weltmeisterschaft. Kaum eine große Fußballnation steht so sehr für große Turniermomente, herausragende Einzelspieler und schmerzhafte Enttäuschungen wie Oranje. Drei WM-Finals, kein Titel, dazu mehrere Halbfinalteilnahmen und immer wieder das Gefühl, dass der ganz große Wurf möglich gewesen wäre. Auch 2026 gehört die Mannschaft von Ronald Koeman nicht zum engsten Favoritenkreis. Doch wenn die Schlüsselspieler rechtzeitig in Form kommen, ist ein tiefer Lauf definitiv möglich.
Niederlande: Verletzungssorgen bremsen die Euphorie
Ein Blick auf die Form dürfte Trainer Ronald Koeman eigentlich ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Die Qualifikation verlief absolut überzeugend. Die Niederlande blieben in ihrer Gruppe ungeschlagen, gewannen sechs von acht Spielen, erzielten 27 Tore und kassierten nur vier Gegentreffer. Auf dem Papier spricht also vieles für ein stabiles, reifes Team.
Doch die Vorbereitung auf das Turnier wurde deutlich komplizierter als erhofft. Koeman muss vor der WM mit einer ganzen Reihe an Verletzungen und Formfragen umgehen. Xavi Simons fällt mit einem Kreuzbandriss komplett aus, auch Stefan de Vrij und Matthijs de Ligt stehen nicht oder zumindest nicht rechtzeitig in Topform zur Verfügung. Dazu hatten Spieler wie Frenkie de Jong, Denzel Dumfries, Nathan Ake, Memphis Depay oder Jurrien Timber in den vergangenen Monaten immer wieder mit kleineren Blessuren zu kämpfen und fanden kaum Rhythmus. Dementsprechend ist die Stimmung rund um Oranje etwas zurückhaltender.
Catenaccio statt Totaalvoetbal: Oranje sucht Stabilität
Eigentlich stehen Koeman und die Niederlande für eine klare fußballerische Idee: 4-3-3, viel Ballbesitz, technische Kontrolle und der Anspruch, Spiele aktiv zu dominieren. Diese Oranje-DNA dürfte bei diesem Turnier aber nur eingeschränkt zu sehen sein. Durch die vielen Verletzungen und Formfragen wirkt es unwahrscheinlich, dass Koeman das klassische niederländische Ideal konsequent durchziehen kann.

Stattdessen könnte sich der Fokus zwangsläufig verschieben. Weniger Spektakel, weniger offensive Leichtigkeit, dafür mehr Stabilität, mehr Absicherung und ein stärkerer Blick auf die Defensive. Mit Virgil van Dijk, Micky van de Ven und Denzel Dumfries sowie weiteren Optionen bringt Oranje defensiv enorme Qualität mit. Wenn Koeman daraus ein stabiles Fundament formt, kann genau diese Defensive zum Schlüssel für ein erfolgreiches Turnier werden. Schwer wiegt allerdings auch hier der Ausfall von Jurrien Timber, für den Lutsharel Gertruida nachnominiert wurde.
Van Dijk als Gesicht einer neuen Oranje-Statik
Im Zentrum dieses neuen Fundaments steht Virgil van Dijk. Der Liverpool-Kapitän ist der klare Anführer dieser Mannschaft. Er organisiert die letzte Linie und ist für Koeman der verlängerte Arm auf dem Platz. Seine Bedeutung für Oranje kann kaum hoch genug eingeschätzt werden. Die Niederlande werden bei diesem Turnier die Spiele nicht nur über Dominanz und Spektakel gewinnen, sondern vor allem über Geduld, Stabilität und defensive Kontrolle. Van Dijk ist der wichtigste Spieler auf dem Feld.
Neben dem 34-Jährigen dürfte Micky van de Ven stärker ins Rampenlicht rücken. Der Tottenham-Verteidiger bringt mit seinem Tempo und seiner Physis eine ganz andere Komponente mit. Gerade wenn die Niederlande höher stehen oder Räume hinter der Abwehr absichern müssen, ist van de Ven enorm wichtig. Mit Denzel Dumfries auf rechts und möglicherweise Nathan Ake, Jan Paul van Hecke oder Jorrel Hato auf links ist die Viererkette insgesamt sehr gut besetzt und bringt viel Athletik, Erfahrung und internationale Klasse mit.

Frenkie de Jong und die Suche nach Kreativität
Im Mittelfeld hängt enorm viel an Frenkie de Jong. Auch wenn seine Entwicklung auf Vereinsebene etwas ins Stocken geraten ist, bleibt er der Spieler, der das niederländische Spiel am Ball wirklich zum Leben bringen kann. Seine Pressingresistenz und seine Fähigkeit, gegnerische Linien mit Ball am Fuß zu überspielen, sind in diesem Kader nahezu einmalig. Von Bondscoach Koeman bekommt er dafür das volle Vertrauen.
Um de Jong herum ergänzen sich Ryan Gravenberch und Tijjani Reijnders sehr gut. Gravenberch bringt enorme Physis mit, kann Räume mit Ball überbrücken und gibt dem Mittelfeld Dynamik. Reijnders ist etwas kreativer, bietet gerne Läufe in die Tiefe an und sorgt für zusätzliche Torgefahr aus dem Zentrum. Die Alternativen Teun Koopmeiners oder Marten de Roon können je nach Gegner mehr Struktur oder defensive Absicherung geben.
Insbesondere das voraussichtliche Dreiergespann aus de Jong, Gravenberch und Reijnders gehört zu den spannendsten Mittelfeldkonstellationen dieses Turniers. In der Theorie ergänzen sich die drei hervorragend. Gleichzeitig fehlt mit Xavi Simons genau jener Spielertyp, der als klassischer Zehner zwischen den Linien noch mehr Kreativität und Unberechenbarkeit hätte einbringen können. Insbesondere gegen tiefstehende Gegner fehlt so ein Spielertyp im Kader der Niederlande.

Bestätigt Malen seine Form?
Offensiv bleiben die Niederlande dennoch gefährlich. Cody Gakpo hat bereits bei der WM 2022 und der EM 2024 gezeigt, dass er ein echter Turnierspieler ist. Auch wenn seine Vereinssaison beim LFC nicht immer perfekt verlief, wirkt er im Oranje-Trikot häufig wie ein anderer Spieler. Mit Tempo, Direktheit und Abschlussqualität kann er dieser Offensive jederzeit Tiefe und Gefahr geben.
Ein großes Fragezeichen steht hinter Memphis Depay. Der 32-Jährige ist weiterhin Rekordtorschütze der Niederlande und auch für die Kabine enorm wichtig, doch in Topform befindet sich der mittlerweile in Brasilien spielende Angreifer derzeit nicht. Wenn er fit ist, bleibt er ein Unterschiedsspieler. Er lässt sich fallen, verbindet das Spiel und passt mit seiner Kreativität grundsätzlich sehr gut in Koemans System. Kurz vor Turnierstart ist aber offen, wie belastbar er wirklich ist.
Still und heimlich entwickelte sich Donyell Malen in der Rückrunde zu einem der formstärksten niederländischen Offensivspieler. Anders als einige seiner Landsleute kommt der Ex-BVB-Profi mit viel Selbstvertrauen in dieses Turnier. Nach einer starken zweiten Saisonhälfte bei der Roma mit insgesamt 14 Treffern könnte er für Koeman deutlich wichtiger werden, als es noch vor einigen Monaten zu erwarten war.

Zusätzlich verfügt Koeman mit Noa Lang, Justin Kluivert, Crysencio Summerville, Brian Brobbey und Wout Weghorst über unterschiedliche Profile von der Bank. Letzterer bleibt dabei der klassische Turnierjoker, der bei Rückstand benötigt wird um mit seiner körperlichen Präsenz für Gefahr zu sorgen. Trotzdem wirkt die Offensive insgesamt nicht ganz so furchteinflößend wie zu früheren Oranje-Zeiten oder bei anderen Top-Nationen.
Wie weit trägt die Achse der Oranje?
Die große Frage vor dem Turnier lautet deshalb: Trägt dieses Gerüst auch dann, wenn nicht alle Schlüsselspieler in Topform sind? Die Niederlande haben mit Van Dijk, de Jong, Dumfries, Gakpo und Depay eine klare Achse. Wenn diese Spieler funktionieren, kann Oranje gegen fast jede Mannschaft bestehen. Gleichzeitig ist der Kader durch die vielen Verletzungen verwundbarer geworden. Der Ausfall von Xavi Simons nimmt dem Team Kreativität, die Form von Memphis bleibt unklar und auch die Frage, ob Koeman mit dieser Mannschaft im Zweifel pragmatisch genug auftreten kann, ist noch nicht abschließend beantwortet.
Trotzdem sollte man die Niederlande definitiv nicht unterschätzen. Seit dem verlorenen WM-Finale 2010 hat Oranje, Elfmeterschießen ausgenommen, kein WM-Spiel mehr verloren. 2014 und 2022 scheiterte man jeweils an Argentinien im Elfmeterschießen, 2018 war man gar nicht qualifiziert. Diese Mannschaft trägt also auch 2026 wieder den großen Traum einer ganzen Fußballnation mit sich.
Die realistische Zielmarke dürfte mindestens das Viertelfinale sein. Auch ein Halbfinale ist möglich, wenn die Gruppenphase sauber läuft und die Schlüsselspieler rechtzeitig in Form kommen. Für den ganz großen Wurf müsste allerdings sehr viel zusammenpassen. Es kann wieder ein großes Oranje-Turnier werden, aber der Weg dorthin wirkt komplizierter als noch vor einigen Monaten.

