Erling Haaland bestreitet mit 25 sein erstes großes Turnier — und braucht keine 45 Minuten, um zu zeigen, was der Weltfußball fast drei Jahrzehnte verpasst hat. Beim 4:1 gegen den Irak trifft er doppelt und führt Norwegen zu einem Auftakt, der die Außenseiter-Quote von 26,00 auf den Titel fast trotzig wirken lässt. Ein nüchterner Blick auf eine späte Premiere.
Die Eckdaten tragen die Geschichte. Norwegen ist erstmals seit 1998 wieder bei einer WM, Haaland — einer der besten Stürmer der Welt — hatte aufgrund der norwegischen Qualifikations-Dürre nie zuvor auf dieser Bühne gespielt. Der Doppelpack in der ersten Halbzeit egalisierte nach Berichten bereits eine Bestmarke, und das 4:1 war nie gefährdet. Für eine Mannschaft, die der Markt klar außerhalb des Favoritenkreises sieht, ist das ein Auftakt mit Wucht.
Die Quote und die kurze Distanz
Aus der Logik des Bewertens heraus ist Norwegen der klassische Fall einer Mannschaft, deren Wert nicht im Titelmarkt steckt, sondern in den kürzeren Distanzen. Die 26,00 auf den Titel sind realistisch — ein Kader, der über Haaland und wenig dahinter funktioniert, gewinnt selten sieben K.-o.-Spiele. Aber ein Stürmer dieser Abschlussqualität kann eine Gruppe im Alleingang prägen und im Torjäger-Markt, wo Haaland bei rund 15,00 notiert, über eine kurze Serie sehr weit kommen. Genau das hat der Auftakt gezeigt: Norwegen ist keine Titelmannschaft, aber ein Gegner, dessen Stürmer jede Abwehr des Turniers in Schwierigkeiten bringt.
Das Duell, das die Gruppe entscheidet
Für die Gruppe I hat der Norweger Doppelpack eine konkrete Folge. Mit drei Punkten und 4:1 Toren hat Norwegen im Fernduell mit Senegal — das gegen Frankreich verlor — die bessere Ausgangslage für Platz zwei hinter dem Favoriten Frankreich geschaffen. Das direkte Duell am 22. Juni im MetLife Stadium wird damit zum Schlüsselspiel der Gruppe: zwei Mannschaften mit Weltklasse-Offensive, von denen eine den Achtelfinal-Weg über den Gruppenzweiten nimmt und die andere auf die Rechnung der besten Gruppendritten hoffen muss.
Was die Premiere wert ist
An Norwegens Auftakt ist die Freude verständlich und die Einordnung nüchtern. Ein 4:1 gegen den Irak ist ein Pflichtsieg, kein Titelnachweis — der eigentliche Test heißt Senegal, und danach Frankreich. Was der Abend aber zweifelsfrei geliefert hat, ist die Antwort auf eine 28 Jahre alte Frage: wie Haaland auf der größten Bühne aussieht. Die Antwort ist unbequem für jeden Gruppengegner. Norwegen wird das Turnier kaum gewinnen. Aber es wird niemandem ein angenehmer Gegner sein.

