Harry Kane hat seine Karriere-Erzählung im Mai bereits umgeschrieben — das Double mit Bayern beendete die Geschichte vom großen Stürmer ohne Titel. Was bleibt, ist eine einzige Lücke, und sie ist die größte: ein Titel mit England. Zwei Siege trennen ihn davon, und es wäre zugleich das Ende einer sechzigjährigen nationalen Wartezeit.
Die umgekehrte Erzählung
Man muss sich die Verschiebung vergegenwärtigen. Noch vor achtzehn Monaten war Kane der prominenteste Beleg für die These, dass individuelle Klasse und Trophäen zwei verschiedene Währungen sind — elf Tottenham-Jahre ohne Silber, dazu die verlorenen England-Endspiele. Dann kam die Saison mit 61 Pflichtspieltoren, Meisterschaft und Pokalsieg, und die Erzählung drehte sich: Aus dem Stürmer ohne Titel wurde der Doublesieger, dem nur noch eines fehlt. Dieses eine ist allerdings die Königskategorie — und die Gelegenheit, sie zu füllen, hat ein Verfallsdatum. Kane ist 32; dieses Turnier ist, nüchtern eingeschätzt, seine letzte WM auf dem Zenit seiner Möglichkeiten.
Die Rolle, die er spielt
Sechs Turniertore stehen in seiner Bilanz, aber die Zahl unterschätzt seine Funktion. Tuchels England läuft über Kane als Fixpunkt: der Wandspieler, an dem sich Bellinghams Tiefenläufe orientieren, der Standard-Vollstrecker, der Elfmeter-Verantwortliche, der Kapitän, der gegen Mexiko zweimal im Zentrum der entscheidenden Szenen stand. Es ist die reife Version seiner Karriere — weniger Volumen-Jäger, mehr Systemanker, und exakt die Rolle, die er unter demselben Trainer schon in München spielte. Dass Tuchel ihn besser kennt als jeder Nationaltrainer zuvor, ist eine der stillen englischen Kanten dieses Turniers.
Die Rechnung
Sechzig Jahre wartet England seit 1966, und die Liste der gescheiterten „goldenen Generationen“ ist die längste des Weltfußballs. Diese Auflage kommt mit weniger Pathos und mehr Substanz daher: ein Trainer ohne Sentimentalität, ein Spielentscheider in Bellingham, ein Kapitän mit vollendeter Klub-Bilanz — und trotzdem ist der Weg kein Selbstläufer. Der Markt führt England gegen Argentinien als exakte Hälfte eines Münzwurfs, und selbst bei einem Finaleinzug wartete dort aller Voraussicht nach der Sieger des vorgezogenen Endspiels zwischen Frankreich und Spanien; eine Übersicht der WM Wettanbieter zeigt, dass Englands Titelwahrscheinlichkeit die eines Mitbewerbers ist, nicht die eines Gesetzten. Kanes letzte Lücke schließt sich nicht durch Erzähllogik. Sie schließt sich durch zwei gewonnene Abende gegen die beste Konkurrenz des Planeten.
Die letzte Lücke
Es gibt im Sport wenige Konstellationen, in denen sich eine individuelle Karriere-Erzählung und eine nationale so exakt überlagern: Kanes fehlender Titel ist Englands fehlender Titel, seit sechzig Jahren beziehungsweise seit Karrierebeginn. Am Mittwoch gegen Argentinien beginnt die Auflösung — in die eine oder die andere Richtung. Sollte sie gelingen, wäre die Geschichte vom Stürmer, der zu spät kam, endgültig umgeschrieben in die vom Stürmer, der genau rechtzeitig fertig wurde.

