Ein WM-Spiel, das mittendrin abgebrochen wird – nicht wegen einer Verletzung, nicht wegen eines Unwetters, sondern weil jemand auf der Tribüne die falsche Flagge zeigt. Genau das droht Irans Sportminister Ahmad Donjamali an. Und er meint es ernst.
Die Drohung ist keine leere Geste
Donjamali hat nach eigenen Angaben die FIFA bereits schriftlich informiert: Sobald im Stadion politische Parolen gegen die islamische Führung laut werden oder die alte persische Flagge mit dem Löwen-Sonnen-Emblem auftaucht, würde das Teammanagement das Spiel unterbrechen – und das Team vom Platz führen. Das ist keine Drohkulisse für die Galerie. Der iranische Fußballverband unter Verbandschef Mehdi Taj hat die FIFA in mehreren Briefen aufgefordert, den Zugang für solche Symbole zu unterbinden.
Was auf den ersten Blick wie eine absurde Eskalation wirkt, hat einen klaren politischen Hintergrund: Die alte Flagge gilt als Symbol des Widerstands gegen das Regime der Islamischen Republik, sie wird bei Protestkundgebungen der Diaspora weltweit gezeigt. Für Teheran ist sie eine Provokation. Für Hunderttausende Exil-Iraner ist sie Identität.
„Tehrangeles“ als Bühne des Protests
Zwei der drei iranischen Vorrundenspiele finden in Los Angeles statt – ausgerechnet dort, wo die mit Abstand größte persische Diaspora der USA lebt. Kein Zufall, dass die Stadt im Volksmund „Tehrangeles“ oder „Irangeles“ genannt wird. Fast zwei Millionen Iraner und ihre Nachkommen haben sich dort über Jahrzehnte niedergelassen, viele von ihnen Gegner des islamischen Systems.
Für diese Menschen ist die WM keine reine Fußballveranstaltung. Sie ist eine seltene Gelegenheit, mit globaler Aufmerksamkeit ihren Protest sichtbar zu machen – in einem Stadion, vor laufenden Kameras, zur besten Sendezeit. Die iranische Regierung weiß das. Und genau deshalb sind die Nerven so blank.
Doppelte Isolation: Krieg und Einreiseverbot
Die Situation des iranischen Teams ist ohnehin ohne Parallele in der WM-Geschichte. Wegen US-Einreisebeschränkungen – verschärft durch den militärischen Konflikt zwischen den USA und Iran – wurde das Teamquartier ins mexikanische Tijuana, südlich von San Diego, verlegt. Die Spieler dürfen nur an den jeweiligen Spieltagen auf US-Territorium einreisen. Und Donjamali forderte öffentlich, die USA müssten die iranische Nationalmannschaft mit dem gebotenen Respekt behandeln – eine ungewöhnliche diplomatische Note für eine Sportveranstaltung.
Die FIFA hat sich zu der Spielabbruch-Drohung bislang nicht konkret geäußert. Beobachter zweifeln daran, dass ein Verbot bestimmter Flaggen in amerikanischen Stadien überhaupt rechtlich oder praktisch durchsetzbar wäre.
Ein Spiel, das weit über Fußball hinausgeht
Die Gruppenspiele des Iran im Überblick:
| Datum | Gegner | Austragungsort | Uhrzeit (MESZ) |
|---|---|---|---|
| 16. Juni | Neuseeland | Los Angeles | 03:00 Uhr |
| 21. Juni | Belgien | Los Angeles | 21:00 Uhr |
| 27. Juni | Ägypten | Seattle | 05:00 Uhr |
Was in Los Angeles passiert, wenn Zehntausende Exil-Iraner mit der alten Flagge ins Stadion strömen, lässt sich heute noch nicht sagen. Was man aber sagen kann: Eine WM, die politisch so aufgeladen war wie diese, hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben. Und das Spiel Iran gegen Neuseeland könnte der Moment werden, an dem Fußball und Weltpolitik auf eine Weise kollidieren, die niemand so schnell vergisst.

