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90PLUS » Kimmich als Fehlbesetzung: Was Lahms Umbauplan wirklich kostet
WM 2026

Kimmich als Fehlbesetzung: Was Lahms Umbauplan wirklich kostet

Klaus Hürbl
28.06.26, 22:13
Klaus Hürbl
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Joshua Kimmich
Foto: Getty Images

Philipp Lahm hält Joshua Kimmich auf der rechten Abwehrseite für fehlbesetzt und fordert in seiner kicker-Kolumne die Rückkehr ins zentrale Mittelfeld — nach Lothar Matthäus der zweite Weltmeisterkapitän mit dieser Diagnose. Die interessante Frage ist nicht, ob Lahm mit Kimmichs Stärken recht hat. Sie lautet, ob sein Umbauplan das Problem beseitigt oder bloß verschiebt.

Was Lahm sagt — und warum der Kern stimmt

Lahms Befund ist in der Sache schwer zu widerlegen. Kimmich, bei Nagelsmann Kapitän und derzeit Rechtsverteidiger, habe im Zentrum über ein Jahrzehnt auf Spitzenniveau agiert; dort kämen seine Stärken — Spielkontrolle, tiefe Pässe, Führung — zur Geltung, dort gebe er der Mannschaft Stabilität. „Rechts hinten tut man Kimmich keinen Gefallen“, schreibt Lahm. Das ist keine steile These, sondern angewandte Positionslogik: Der Wert eines Spielers ist dort am größten, wo seine besten Eigenschaften greifen, und Kimmichs beste Eigenschaften sind die eines Sechsers, nicht die eines Außenverteidigers.

Der empirische Beleg dafür ist sogar zweischneidig. Am Ball ist Kimmich auch als Rechtsverteidiger stark — eine Passquote von 91 Prozent, über die Hälfte seiner langen Bälle kommen an, gegen Curaçao bereitete er von dort zwei Tore vor. Das Problem liegt nicht am Ball. Es liegt gegen den Ball: Gegen die schnellen Flügelstürmer der Elfenbeinküste wurden seine Geschwindigkeitsnachteile offen sichtbar. Genau das ist die Asymmetrie der Fehlbesetzung — auf der rechten Seite ruft Kimmich seine Stärken nur teilweise ab, während er seine eine Schwäche voll exponiert.

Warum Nagelsmann trotzdem nicht falsch liegt

Die Gegenposition ist allerdings besser, als die Forderung zugibt. Nagelsmann verweist darauf, dass Kimmich am Ball im Grunde dieselbe Rolle ausfülle wie bei Bayern — der invertierende Außenverteidiger rückt in der Vorwärtsbewegung ohnehin ins Zentrum, die Trennlinie zwischen Sechs und Rechtsverteidiger ist im modernen Spiel fließend. In dieser Lesart bekommt Deutschland Kimmichs Aufbauqualität bereits, ohne ihn umzustellen. Und der Bundestrainer rät den Spielern, die Lahm aus der Elf nehmen würde, ausdrücklich nicht ab: Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha „machen es sehr gut“, sagt er — und widerspricht damit direkt Lahms Einschätzung, Pavlovic produziere zu viele leichte Ballverluste.

Die Rechnung, die Lahms Plan aufmacht

Hier wird es für einen, der gewohnt ist, ganze Bücher statt einzelner Positionen zu bewerten, interessant. Kimmich ins Mittelfeld zu ziehen, ist kein einzelner Tausch, sondern eine Kette: Pavlovic müsste weichen, Nmecha neben Kimmich rücken — und hinten rechts schlägt Lahm den gelernten Innenverteidiger Waldemar Anton vor. Das aber heißt: Man löst die Fehlbesetzung auf der rechten Seite, indem man dort einen anderen fehlbesetzt. Anton ist kein Rechtsverteidiger, er ist eine Notlösung mit umgekehrtem Vorzeichen — mehr Defensivstabilität, weniger Aufbau und Breite. Der Defekt verschwindet nicht, er wandert.

Ob der Tausch sich lohnt, ist damit keine Glaubens-, sondern eine Saldofrage: Der Gewinn im Zentrum (Kimmich statt Pavlovic) muss größer sein als der Verlust auf rechts (Anton statt Kimmich) plus der Verlust der eingespielten Pavlovic-Nmecha-Achse. Das kann aufgehen — gegen einen Gegner wie Paraguay, der wenig über die Flügel kommt, fällt Antons Tempomanko kaum ins Gewicht, während Kimmichs Kontrolle im Zentrum mehr wiegt. Es muss aber nicht aufgehen, und gegen einen schnellen, breit angelegten Gegner kippt die Rechnung schnell in die andere Richtung.

Der wahre Befund: ein fehlender Rechtsverteidiger

Was die Debatte eigentlich offenlegt, ist weder eine Schwäche Kimmichs noch eine Sturheit Nagelsmanns, sondern eine Lücke im Kader: Deutschland hat keinen natürlichen, erprobten Rechtsverteidiger, dem der Bundestrainer in einem K.o.-Spiel vertraut. Deshalb steht überhaupt ein Kapitän und ehemaliger Weltklasse-Sechser auf einer Position, die nicht seine ist. Jeder vorgeschlagene Ausweg — Kimmich bleibt rechts, Anton rückt rechts, ein Linksverteidiger wird umgezogen — verschiebt nur, welche Position den Kompromiss trägt. Der Markt, der Deutschland für dieses Turnier ohnehin nur im zweiten Favoritenkreis hinter Frankreich geführt hat, preist solche strukturellen Lücken früh ein; ein Blick auf die Einschätzungen der WM Wettanbieter zeigt, dass die Halbfinal-Decke dieser Mannschaft nie eine Frage des Personals auf der Sechs war.

Die verschobene Fehlbesetzung

Lahms Diagnose trifft zu: Kimmichs Stärken gehören ins Zentrum. Seine Therapie ist vertretbar, aber nicht umsonst — sie heilt die eine Fehlbesetzung, indem sie eine andere schafft. Und Nagelsmanns Widerstand ist kein Starrsinn, sondern die nüchterne Einsicht, dass er die Stammkräfte, die er dafür opfern müsste, für gut hält und keine saubere Alternative hinten rechts besitzt. Am Montag gegen Paraguay lässt sich der Umbau risikoarm testen. Die eigentliche Frage stellt sich erst danach: Eine Mannschaft, die ihren besten Mittelfeldspieler hinten rechts parken muss, hat kein Kimmich-Problem. Sie hat ein Problem auf der Position, für die ihr der Mann fehlt.

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