Thomas Tuchel wäre nicht Thomas Tuchel, wenn er irgendetwas dem Zufall überlassen würde. Im Sommer 2025, noch bevor Englands Nationalmannschaft sich für die WM qualifiziert hatte, simulierte der Trainer also bereits den Ernstfall. Er ließ seine Spieler in beheizten Zelten auf dem Ergometer strampeln und schwitzen, um die extremen Bedingungen in den USA nachzustellen. „Leiden ist eines der bestimmenden Themen dieser Weltmeisterschaft“, prognostizierte er damals.
Und Tuchel behielt recht. Im Viertelfinale von Miami bei hohen Temperaturen und extremer Luftfeuchtigkeit überstanden seine Engländer den Abnutzungskampf gegen Norwegen und zogen ins Halbfinale gegen Argentinien (Mittwoch, 21.00 Uhr MESZ/MagentaTV und ARD) in Atlanta ein.
Der Sieg allein stellte Tuchel aber nicht zufrieden. Vielmehr forderte er im Interview mehr Präzision und eine bessere Leistung. „Glücklich“ sei der Erfolg gegen Norwegen gewesen – und Glück lässt sich bekanntlich nicht kontrollieren.
Tuchel will England zum Triumph führen
Für Tuchel ist das ein nur schwer zu ertragender Zustand. Es ist dieser Perfektionismus, der den Deutschen antreibt und der ihm in England viel Respekt einbringt. „Tuchels Interview hat mir sehr gut gefallen“, sagte der frühere Torjäger Alan Shearer, Wayne Rooney fand Tuchels klare Aussage gar „großartig“. Doch wenn es wirklich etwas werden soll mit dem WM-Titel und dem Ende der „60 years of hurt“, muss sich England noch steigern.
Tuchel bewies erneut, dass er für den maximalen Erfolg auch nicht vor großen Namen zurückschreckt. Gegen Norwegen war es Declan Rice, der zur Hälfte raus musste, weil der Profi des FC Arsenal überhaupt nicht ins Spiel fand. Schon vor Turnierbeginn hatte Tuchel namhafte Spieler wie Phil Foden oder Trent Alexander-Arnold aussortiert. Auch mit Jude Bellingham hatte der 52-Jährige seine Auseinandersetzungen. Tuchel stellte den Stammplatz des Real-Stars infrage – und trieb Bellingham damit zu Höchstleistungen an. Bei der WM ist er neben Kane der Unterschiedsspieler Englands.
Doch was all das wert ist, wird sich zeigen. Tuchel ist erst der dritte ausländische Nationaltrainer Englands – und der erste Deutsche. Noch nie hat ein ausländischer Coach die Weltmeisterschaft gewonnen. Das hält Tuchel jedoch nicht davon ab, nach dem historischen Triumph zu greifen.
Seit 1966 wartet die große Fußball-Nation England auf den zweiten WM-Titel, jetzt soll ausgerechnet ein Deutscher das lange Warten beenden. Vor der WM hatte Tuchel beteuert, dass er für die Titelmission nicht die 26 talentiertesten Spieler brauche, sondern „Spezialisten für jedes Szenario“.
Ein Team müsse auf dem Platz stehen. Zusammenhalt, Fleiß und Kampfkraft seien die Schlüssel zum Erfolg, predigte er. Zweimal müssen seine Engländer nun für den großen Traum noch leiden – und zunächst am Mittwoch die von Messi angeführten Argentinier schlagen. Tuchel wird bei der Vorbereitung nichts dem Zufall überlassen.

