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90PLUS » Warum Bellingham für die Hand vor dem Mund nicht vom Platz musste — und Almirón schon
WM 2026

Warum Bellingham für die Hand vor dem Mund nicht vom Platz musste — und Almirón schon

Klaus Hürbl
24.06.26, 14:31
Klaus Hürbl
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Jude Bellingham
Foto: Getty Images

Ein Foto von Jude Bellingham, der beim Sprechen mit Ghanas Jordan Ayew die Hand vor den Mund hält, hat eine Debatte ausgelöst. Seit dieser WM kann genau das eine Rote Karte bedeuten — und doch blieb Bellingham auf dem Platz, während Miguel Almirón wenige Tage zuvor dafür vom Feld musste. Der Unterschied liegt in einem Detail, das schwerer zu greifen ist, als die Regel vermuten lässt.

Beim 0:0 zwischen England und Ghana am Dienstag in Boston schaltete sich der Video-Assistent ein, sah sich die Szene an — und entschied auf Weiterspielen. Wer die neue Bestimmung kennt, könnte sich wundern: Hatte nicht am Wochenende Paraguays Almirón für dieselbe Geste die erste Rote Karte dieser Art der WM-Geschichte gesehen? Die Antwort liegt nicht in der Geste selbst, sondern in ihrem Zusammenhang.

Die Regel

Die zur WM 2026 eingeführte Bestimmung verbietet nicht das Verdecken des Mundes an sich. Sie ahndet es nur dann mit Rot, wenn ein Spieler sich im konfrontativen Wortwechsel mit einem Gegner die Hand vor den Mund hält. Eingeführt wurde sie auf Betreiben der FIFA, nachdem im Februar Benficas Gianluca Prestianni von der UEFA für homophobe Äußerungen gegenüber Real Madrids Vinícius Júnior gesperrt worden war. Die Begründung, die FIFA-Präsident Gianni Infantino dafür liefert, ist eine der Haltung: Es gehe um Respekt und um Vorbildwirkung, und wer nichts zu verbergen habe, halte sich beim Sprechen nicht die Hand vor den Mund.

Der Unterschied zwischen Bellingham und Almirón

Den Schlüssel hatte FIFA-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina schon vor dem Turnier geliefert. Eine freundliche Unterhaltung — vor, während oder nach dem Spiel — bleibe erlaubt; erst die konfrontative mache das verdeckte Sprechen zum Vergehen, das mit Rot zu bestrafen sei. Genau an dieser Linie trennen sich die beiden Fälle.

Zwischen Bellingham und Ayew herrschte keine Feindseligkeit. Es war ein Plausch unter Spielern, und ein Plausch ist keine Konfrontation. Almiróns Szene dagegen spielte in einer aufgeheizten Lage: Paraguays Isidro Pitta war nach einem reklamierten Foul der Türkei zu Boden gegangen, es kam zum Gerangel zwischen beiden Mannschaften, und in dieser Situation verdeckte Almirón im Gespräch mit Mert Müldür den Mund. Beide waren am Schubsen nicht direkt beteiligt — aber das Spiel stand unter Strom, und der Video-Assistent riet dem Unparteiischen zu Rot. Die Regel greift also nicht die Bewegung, sondern die Situation.

Das strukturelle Problem

Hier beginnt die eigentliche Schwäche der Bestimmung, und sie ist keine sprachliche Spitzfindigkeit. Eine Regel, deren Anwendung an der Einschätzung hängt, ob eine Situation „konfrontativ“ sei, verlagert die Entscheidung vollständig in das Ermessen des Schiedsrichters — und schafft damit eine Asymmetrie, die sich ausnutzen lässt. Dieselbe Geste ist mal regelkonform, mal ein Platzverweis, je nach einem Kontext, der sich schwer einheitlich bewerten lässt.

In nahezu jedem Spiel dieser WM verdecken Spieler beim Reden den Mund, mitunter sogar die Schiedsrichter selbst. Eine Vorschrift, die das im Normalfall duldet und im Ausnahmefall mit der Höchststrafe belegt, ist zwangsläufig selektiv. Der heiklere Punkt liegt im Anreiz, den sie setzt: Ein Spieler könnte den Anschein einer Konfrontation erzeugen, um den Gegner vom Platz zu bringen. Almirón wirkte nicht aggressiv, und Müldür drehte sich umgehend zum Assistenten um, um die Szene anzuzeigen. Wo eine Regel sich derart leicht provozieren lässt, verschiebt sich der Vorteil zum Provokateur — ein Effekt, den eine Bestimmung, die Fairness schützen soll, kaum beabsichtigt haben dürfte.

Die Sanktion und ihre Reichweite

Almirón hat eine Sperre von einem Spiel erhalten und fehlt Paraguay im abschließenden Gruppenspiel gegen Australien — einer Partie, in der beiden Mannschaften ein Punkt zum Einzug in die Runde der letzten 32 genügen dürfte. Länger hätte die Sperre ausfallen können, wäre beleidigende Sprache nachgewiesen worden.

Bemerkenswert ist die rechtliche Konstruktion. Die Bestimmung ist eine Opt-in-Regel, die ein Wettbewerb übernehmen kann, aber nicht muss — bislang wird sie allein bei dieser WM angewandt. Dass die nationalen Ligen folgen, ist nicht ausgemacht, und der Grund ist genau jene Schwierigkeit, die Regel konsistent durchzusetzen, samt der Gefahr, dass sie sich missbrauchen lässt.

Was die Regel offen lässt

Die Absicht hinter der Vorschrift ist nachvollziehbar. Wer Beleidigungen und versteckte Entgleisungen eindämmen will, setzt an einer realen Lücke an, die Lippenlesen und hochauflösende Kameras zuvor offengelegt hatten. Das Problem ist nicht das Ziel, sondern das Werkzeug. Eine Regel, die auf der Ermessensfrage „Konfrontation oder Plausch“ ruht, ist strukturell anfällig — für Uneinheitlichkeit und für gezielte Provokation.

Der Fall Bellingham und der Fall Almirón zeigen nebeneinander, dass die Linie existiert. Sie zeigen zugleich, wie schmal sie ist. Ob die Bestimmung über das Turnier hinaus Bestand hat, dürfte am Ende weniger von ihrer guten Absicht abhängen als von der Frage, ob die Ligen bereit sind, den Preis ihrer Unschärfe zu zahlen.

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