Sechs Spiele, sechs Siege, 16:2 Tore – Frankreich kam als Abrissbirne dieses Turniers nach Dallas. 90 Minuten später steht der Topfavorit ohne eigenen Treffer da, und Spanien im Finale. Das 0:2 war keine Überraschung mit Verspätung. Es war eine Vorführung mit Ansage.
Die Ausgangslage: Wer hier eigentlich das Bollwerk war
Vorab wurde dieses Halbfinale gern als Duell der Naturgesetze verkauft: die unaufhaltsame Kraft gegen das unverrückbare Objekt. Nur waren die Rollen anders verteilt, als es das Etikett suggerierte. Die unaufhaltsame Kraft, das war Frankreich – bester Angriff des Turniers, makellose Bilanz. Das unverrückbare Objekt stand in Rot: Spanien reiste mit nur einem Gegentor aus sechs Partien an. In Dallas löste La Roja das Paradoxon auf die unbequemste Art, die man sich als Gegner vorstellen kann. Sie war einfach beides zugleich.
Der Ballbesitz? 49 zu 51 Prozent, fast pari. Wer glaubt, Spanien habe Frankreich in gewohnter Manier totgepasst, hat das falsche Spiel gesehen. De la Fuentes Elf kontrollierte nicht primär den Ball – sie kontrollierte die Zonen. Frankreich durfte haben, was ungefährlich war. Alles andere wurde zugestellt, weggepresst, abgeräumt.
Das Zentrum: Rodri gibt den Takt, Rabiot bleibt in der Kabine
Das vermeintliche Kräftemessen im Mittelfeld fand nur auf dem Papier statt. Rodri und Fabián Ruiz bildeten die Doppelsechs, davor pendelte Dani Olmo als Verbindungsspieler zwischen den Linien – und dieses Trio nahm der physisch so robusten französischen Zentrale den Hebel aus der Hand: den Zweikampf. Wer den Ball mit zwei Kontakten weiterlaufen lässt, muss nicht gewinnen, was gar nicht erst stattfindet. Tchouaméni und Rabiot liefen hinterher, Rabiot holte sich früh eine Gelbe Karte ab. Deschamps zog zur Pause die Reißleine und brachte Koné.
Bezeichnend war die zweite Halbzeit: Frankreich schob das Pressing höher, wollte die spanische Passmaschine am Aufbau stören. Das Ergebnis? Spanien ließ Ball und Gegner laufen und löste sich fast beiläufig aus dem Druck. Der Plan, das Spiel über Wucht zurückzuerobern, verpuffte an drei, vier sauberen Kontakten.
Die rechte Seite: Porro und Yamal zerlegen einen Weltklasse-Flügel
Wenn dieses Spiel einen Tatort hatte, dann Frankreichs linke Abwehrseite. Minute 20: Cucurella flankt, Digne bekommt den Ball nicht unter Kontrolle, übersieht beim Klärungsversuch Yamal in seinem Rücken und trifft den 19-Jährigen am Oberschenkel. Schiedsrichter Barton zeigt sofort auf den Punkt, Oyarzabal verwandelt zu seinem fünften Turniertor – 1:0 (22.). Erstmals bei dieser WM lag Frankreich zurück.
Minute 58: Doppelpass zwischen Pedro Porro und Olmo, die komplette Abwehrkette ausgehebelt, der Rechtsverteidiger vollendet frei vor Maignan ins kurze Eck. Drei Minuten später überläuft Yamal Digne gleich noch einmal und trifft – Abseits, kein 3:0, aber die Botschaft war angekommen. Nebenbei nahm Porro defensiv auch noch Olise und Mbappé aus dem Spiel. Ein Außenverteidiger als Spieler des Abends: Das sagt mehr über dieses Halbfinale als jede Ballbesitzstatistik.
Frankreichs Abend wurde zusätzlich bitter, als Saliba nach einer halben Stunde ohne Gegnereinwirkung verletzt raus musste. Lacroix kam – und stabilisierte immerhin, was hinten zu stabilisieren war.
Umschalten? Womit denn?
Frankreichs Spielidee lebt seit Jahren von einer Formel: kompakt stehen, Ball erobern, Tiefe attackieren. Spanien nahm der Formel die erste Variable. Nach eigenen Ballverlusten setzte La Roja sofort nach, eroberte den Ball zurück oder zwang Frankreich zum langen Befreiungsschlag – und die Restverteidigung um Cubarsí und Laporte fing ab, was durchrutschte. Ballgewinne in relevanten Zonen? Fanden nicht statt.
Die Folge: Mbappé bemüht, aber glücklos. Olise in der ersten Halbzeit kein Faktor. Bis zur Pause brachte der beste Angriff des Turniers keine einzige nennenswerte Torchance zustande. Und als in der Schlussoffensive doch mal eine Lücke aufging, stand Unai Simón richtig.
Zwei Schüsse aufs Tor, zwei Tore
Am Ende erzählen drei Zahlen den Abend besser als jede Wortmeldung:
| Kennzahl | Frankreich | Spanien |
|---|---|---|
| Tore | 0 | 2 |
| Expected Goals (xG) | 0,30 | 1,63 |
| Ballbesitz | 49 % | 51 % |
| Schüsse aufs Tor | 3 | 2 |
| Paraden des eigenen Keepers | 0 (Maignan) | 3 (Simón) |
Zwei Bälle brachte Spanien aufs französische Tor. Beide waren drin. Maignan musste keinen einzigen Ball parieren – weil alles, was auf ihn kam, unhaltbar war. Das ist keine Glückssträhne, das ist Chancenqualität als Systemleistung. „Ich kann meine Gefühle schwer in Worte fassen. Wir sind extrem glücklich“, sagte de la Fuente hinterher. Glück hatte damit wenig zu tun.
Der Befund
Für Deschamps endet damit die letzte WM einer Ära – nach dem Turnier übernimmt Zidane, und statt des dritten Endspiels in Serie bleibt das Spiel um Platz 3 am Samstag. Spanien wartet am Sonntag in New York auf den Sieger aus England gegen Argentinien. Frankreich hatte die Namen. Spanien hatte einen Plan. In Dallas war 90 Minuten lang zu besichtigen, was davon ein Halbfinale gewinnt – und was vermutlich auch ein Finale gewinnt.
Häufige Fragen zur Partie Frankreich – Spanien
Warum gab es Elfmeter für Spanien?
Lucas Digne bekam in der 20. Minute eine Flanke von Cucurella nicht unter Kontrolle, übersah beim Klärungsversuch Lamine Yamal und traf ihn am Oberschenkel. Schiedsrichter Iván Barton (El Salvador) entschied sofort auf Strafstoß, Mikel Oyarzabal verwandelte in der 22. Minute zum 1:0.
Wer erzielte die Tore beim 2:0 Spaniens?
Mikel Oyarzabal traf per Foulelfmeter (22.) – sein fünftes Tor bei dieser WM. Pedro Porro erhöhte in der 58. Minute nach einem Doppelpass mit Dani Olmo auf 2:0. Ein weiterer Treffer von Lamine Yamal (61.) zählte wegen Abseits nicht.
Gegen wen spielt Spanien im WM-Finale 2026?
Spanien trifft am Sonntag um 21 Uhr in New York auf den Sieger des zweiten Halbfinals zwischen England und Argentinien. Es ist Spaniens zweites WM-Endspiel nach dem Titelgewinn 2010 gegen die Niederlande.
Wie geht es für Frankreich weiter?
Frankreich bestreitet am Samstag um 23 Uhr das Spiel um Platz 3. Für Didier Deschamps war das Halbfinale das letzte K.-o.-Duell einer 14-jährigen Amtszeit – nach dem Turnier übernimmt Zinédine Zidane das Traineramt.
Warum musste William Saliba ausgewechselt werden?
Der Arsenal-Verteidiger verletzte sich nach rund 30 Minuten ohne Gegnereinwirkung und wurde durch Maxence Lacroix ersetzt. Ob er im Spiel um Platz 3 zur Verfügung steht, ist offen.

