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Talente & Leihspieler im Fokus: Wie Christoph Freund das Bayern-Fundament revolutioniert

8. Juli 2024 | Spotlight | BY Manuel Behlert

Als Christoph Freund im September 2023 seinen Job als Sportdirektor beim FC Bayern München antrat, hatte der Klub gerade eine turbulente Transferphase hinter sich. Harry Kane wurde in die Bundesliga gelotst, andere Baustellen aber nicht behoben. 

Freund, der zuvor bei RB Salzburg sehr gute Arbeit leistete, trat mit einer klaren Vision an. Auf struktureller Ebene sollten die internen Abläufe optimiert werden, inhaltlich ging es darum, vor allem jungen Talenten aus den eigenen Reihen einen klaren Weg aufzuzeigen und den FC Bayern für junge Talente interessant zu machen.

Freund profitiert von Eberl – und umgekehrt

Es ging also darum, das Fundament zu verbessern, schon den Jugendteams Talente hinzuzufügen, die dort in aller Ruhe wachsen und sich entwickeln können. Bei Amtsantritt musste Freund aber neben dieser Aufgabe auch den Transferwinter der Profimannschaft planen. Dort stieß er auf einige Hürden, intern wie extern. Denn der Markt gibt im Winter bekanntermaßen nicht so viel her, viel Budget, um Ideen zu verwirklichen, wurde ihm auch nicht zugestanden. So lief alles ein wenig chaotisch ab, völlig unterschiedliche Spielertypen wurden für die einzelnen Positionen diskutiert. Einen klaren Plan bei der Besetzung von Positionen erkannte man nicht – wie schon im Sommer, vor Freund.



Sacha Boey kam von Galatasaray, Eric Dier wurde von Tottenham ausgeliehen, Bryan Zaragoza früher aus Granada verpflichtet – mit Aufschlag. Gemessen an den Problemen im Kader waren das lediglich solide Ergänzungen, mehr nicht. Aber eben auch keine Vorgriffe für den Sommer. Dass der Sommer bis dato in Sachen Aufgabenverteilung und Klarheit anders läuft, hängt auch mit der Personalie Max Eberl zusammen. Seit März ist der nämlich als Sportvorstand tätig. Eberl und Freund unterstützen sich nicht nur gegenseitig, sie profitieren auch voneinander.

Das Aufgabenspektrum von Freund passt nun deutlich besser zu seinem Profil. Er konzentriert sich mehr auf die Jugend, die Betreuung von Talenten, das Abschließen von Leihgeschäften, kommuniziert aber dennoch weiterhin mit dem Trainerteam, Eberl und der Scoutingabteilung, was Transfers und Ideen angeht. Eberl ist eher derjenige, der medial präsenter ist, als Schnittstelle zum Aufsichtsrat fungiert und mehr für die Abwicklung der größeren Transfers tätig ist. Diese Aufgabenteilung hilft beiden, das Optimum aus sich herauszuholen. Mit Erfolg: Der aktuelle Transfersommer wirkt deutlich durchdachter, Deals wurden im Hintergrund vorbereitet und eingetütet.

Darum will Freund das Fundament des FC Bayern verbessern

Doch zurück zu Freund. Der hat in Salzburg zahlreiche junge Talente verpflichtet, später teuer wieder verkauft und den Profit genutzt, wieder neue Talente nach Österreich zu locken. Ein solches Modell kann nicht das des FC Bayern sein, aber ein Teil des Plans. Denn: Der Markt für Topspieler ist schwierig, Bayern will wirtschaftlich vernünftig handeln. Jedes Jahr zwei oder drei Weltstars zu verpflichten, ist nicht möglich. Stattdessen müssen die großen Transfers klug gewählt werden – und sie müssen sitzen. Entscheidend ist im Endeffekt die Mischung. Je mehr vielversprechende Talente zum Klub gelotst werden, desto größer ist die Chance, dass der ein oder andere am Ende das Niveau für den FC Bayern erreicht.

Freund

(Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)

Und für diejenigen, die es nicht schaffen, springt möglicherweise ein Wechsel zu einem anderen, guten Klub heraus. Als jüngste Beispiele dienen unter anderem Malik Tillman, der zur PSV Eindhoven wechselte, Chris Richards, der bei Crystal Palace spielt oder Joshua Zirkzee, den es zu Bologna zog. Spieler zumindest auf dieses Level zu entwickeln, um jedes Jahr frische Einnahmen zu erzielen, muss ein Modell für den FC Bayern sein, um mit den Superreichen mithalten zu können. 

Das Ziel des Rekordmeisters ist es dabei nicht, jeden x-beliebigen 16-jährigen Youngster zu verpflichten, der dreimal erfolgreich gegen den Ball getreten hat. Auch eine “Loan Army” nach “Vorbild” Chelsea vor einigen Jahren soll und wird es nicht geben. Vielmehr steht im Fokus, den Konkurrenzkampf intern schon früh zu erhöhen, Rohdiamanten zu Stars auszubilden und immer einer Handvoll Spieler, die viel Potenzial mitbringen, die Möglichkeit zu offerieren, bei anderen Klubs, die zu ihnen passen, Spielpraxis zu sammeln. Unter anderem deswegen laufen Gespräche über eine mögliche Kooperation mit der SpVgg Unterhaching, von der in Zukunft beide Parteien profitieren könnten.

Erfolg bei der Verpflichtung junger Talente

Dass Christoph Freund gut vernetzt ist und einen besonderen Blick für Talente hat, bewies er schon in Salzburg. Nun, nach knapp einem Jahr im Amt, muss konstatiert werden, dass er es auch in München schafft, vielversprechende Talente zu verpflichten. In enger Zusammenarbeit mit dem Scoutingteam werden diverse Klubs und Ligen durchleuchtet, Spieler genau unter die Lupe genommen. Anschließend müssen Spieler überzeugt werden. Das funktionierte bisher sehr gut. Nestory Irankunda wurde schon vor Monaten von Adelaide United verpflichtet, stieß in diesem Sommer zum Team. Er soll in Ruhe aufgebaut werden, gilt als athletischer Offensivspieler, der einen fantastischen Abschluss hat. 

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Schon im Winter kam Nachwuchsstürmer Jonah Kusi-Asare aus Schweden, in diesem Sommer wurden zum Beispiel Gibson Nana Alu und Maurice Krattenmacher im Duo aus Unterhaching verpflichtet. Luka Partadze, der 2023 aus Tiflis kam, ist ebenso ein Beispiel. Erst kürzlich sicherte sich der Rekordmeister die Dienste von Guido Della Rovere aus der U19 von Cremonese. Noah Codjo-Evora kam aus Annecy in die U19, die U17 wurde mit Chivano Wijks von Feyenoord und Michael Matosevic vom SV Ried verstärkt. Es wurden also schon einige Erfolge verzeichnet. 

Die Leih-Deals von Freund sind allesamt durchdacht

Verpflichtung und Integration sind aber nur die ersten Schritte. In einem späteren Stadium geht es um die Spielpraxis auf einem hohen Niveau. Ab einem gewissen Punkt reicht es nämlich nicht mehr aus, in der U19 oder in der Regionalliga zu spielen. Jetzt müssen Leihgeschäfte her, idealerweise solche, die stimmig sind. Heißt: Der neue Klub sollte Bedarf auf der entsprechenden Position haben. Zudem wäre es sinnvoll, dass die Spieler gemäß ihrer eigenen Stärken eingesetzt werden (können), dass idealerweise kein Fußball gespielt wird, der komplett konträr zu dem steht, was der FC Bayern anbieten will.

Sahen einige Leihdeals in den letzten Jahren noch etwas undurchdacht aus, herrscht nun eine klarere Struktur. Es werden sich mehr Gedanken gemacht, welche Stationen für Spieler X oder Y in Frage kommen könnten. Auch hier gehen die ersten fixierten Deals klar in die richtige Richtung. Der junge Frans Krätzig, zuletzt bei Austria Wien als Leihspieler aktiv, wurde mit Kaufoption nach Stuttgart verliehen, allerdings sicherte sich der FC Bayern eine Möglichkeit zum Rückkauf des Spielers. Unterhaching-Neuzugang Krattenmacher wechselte zu Zweitliga-Aufsteiger Ulm, wird dort als Leihspieler Fortschritte machen wollen. 

Freund Krätzig Bayern

(Photo by Alex Grimm/Getty Images)

Dass ein Leihwechsel in die 2. Bundesliga sinnvoll sein kann, zeigte zuletzt Paul Wanner, der in Elversberg einen großen Schritt nach vorne machte. So groß, dass er nun künftig für den 1. FC Heidenheim aktiv ist. Ebenfalls in der Bundesliga spielen wird Armindo Sieb. Hier aktivierte Bayern die Rückkaufoption und verlieh ihn nach Mainz. Lovro Zvonarek, das junge kroatische Offensivtalent, spielt beim österreichischen Meister Sturm Graz, der auch an der Champions League teilnehmen wird. 

Noch ist es viel zu früh, um ein Fazit zu ziehen, allerdings etabliert sich langsam aber sicher das „System Freund“ beim FC Bayern. Das Ziel ist es, in einigen Jahren für fast jede Position oder fast jedes Profil eine mögliche Lösung in der Hinterhand zu haben. Der Anfang ist gemacht, die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Und das sind sehr gute Nachrichten für den Rekordmeister. 

(Photo by Leonhard Simon/Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.


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