Danish Dynamics: Mehr als eine gute Geschichte

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Trending: Nach dem Einzug ins Viertelfinale der EM ist für Dänemark weiterhin alles möglich. Das Team von Kasper Hjulmand begeistert mit attraktivem Offensivfußball und sorgt bisher für die schönste Geschichte dieses Turniers.

  • Dänemark: Teamgeist als Basis
  • flexibler, anpassungsfähiger Fußball
  • Überraschungsmannschaft? Wie weit kann es gehen?


 

Die tapferen Dänen – Teamgeist als Grundlage

Menschen lieben gute Geschichten und das gilt auch und ganz besonders für den Fußball. Ein guter Underdog weiß beispielsweise immer die Herzen der Fans zu erobern. Mit Dänemark ist es bei dieser Europameisterschaft nochmal ein bisschen spezieller. Nicht mal 45 Minuten waren für sie beim Turnier vorbei, da schien das Turnier bereits abgeschrieben zu sein. Ihr wichtigster Spieler, Christian Eriksen (29), kämpfte um sein Leben und gewann diesen Kampf nur knapp. Der Sport rückte in den Hintergrund, aber der Teamgeist und der Zusammenhalt der Spieler untereinander in den Vordergrund. Jeder für jeden und alle für Eriksen.

Kaum jemand hatte für möglich gehalten, dass diese Mannschaft die frühe Katastrophe so schnell in positive Energie umwandeln könnte. Aber sie schafften es. Schon bei der unglücklichen 1:2-Niederlage gegen Belgien und dann beim entscheidenden 4:1-Erfolg über Russland, der sie ins Achtelfinale brachte.

Photo: Moritz Müller/imago

Dänemark – Flexibilität als Erfolgsfaktor

Und dort zeigten sie am Samstagabend erneut, dass mit ihnen zu rechnen ist. Ein souveräner 4:0-Sieg gegen Wales bedeutet, dass Dänemark unter den besten acht Mannschaften Europas steht. Es ist ein hochverdienter Erfolg, der den Fans auf aller Welt nach all den Geschehnissen besonders nahe geht. Doch Dänemark steht nicht nur deshalb im Viertelfinale, weil sie mit all den Rückschlägen derart bemerkenswert umgegangen sind. Auch nicht nur deshalb, weil sie einen zweifelsohne herausragenden Teamgeist verkörpern.

Die Art und Weise wie sie Fußball spielen, geht in all den guten Geschichten rund um dieses Team fast schon unter. Denn Dänemark zählt zu den flexibelsten und dynamischsten Mannschaften des gesamten Turniers. Wie sie in der Gruppenphase nach vorn verteidigt haben und mit dem Ball temporeich und variabel angegriffen haben, hinterließ großen Eindruck.

Wales Dänemark Hjulmand

Photo: Imago

Auch gegen Wales zeigte sich das wieder, obwohl die Dänen zunächst Startschwierigkeiten hatten. Trainer Kasper Hjulmand (49) entschied sich vor der Partie für eine 3-4-3-Grundausrichtung, die gegen den Ball zum 5-2-3 wurde. Wales kam damit gut zurecht, fand früh Wege in die gegnerische Hälfte und kam zu ersten Abschlüssen. Insbesondere auf der rechten Seite zogen die Waliser die offensiven Halbraumspieler der Dänen immer wieder aus ihrer Position, um Gareth Bale (31) im Zwischenraum anspielen zu können – eine natürliche Schwachstelle des 5-2-3.

Hjulmand schaute sich die erdrückende Dominanz der Waliser genau zehn Minuten an, dann reagierte er. Andreas Christensen (25) begann zunächst als rechter Halbverteidiger in der Dreier- beziehungsweise Fünferkette, positionierte sich dann aber im Sechserraum, um die Zwischenräume besser zu schließen und es den Achtern zu erlauben, etwas breiter zu verteidigen. Dänemark war fortan also im 4-3-3 unterwegs. Und tatsächlich: Bale bekam kaum noch Räume für seine Aktionen, weil Dänemark jetzt konsequenter verschieben konnte.

Spielkontrolle im 4-3-3

Doch die Umstellung hatte noch weitere Vorteile für die Dänen. Auch in Ballbesitz machte das Mittelfeld zuvor Probleme, weil die beiden Achter im 3-4-3 stets in Unterzahl gegen das walisische 4-2-3-1 waren.

Wales ließ die Flügel ganz bewusst offen, gestaltete das Zentrum jedoch sehr kompakt. Die beiden Sechser konnten sie im dänischen Aufbauspiel recht simpel verhindern und so lief der Ball bei den Dänen meist durch die Dreierkette, irgendwann auf die Flügelverteidiger und von dort fehlten schließlich die Lösungsansätze. Hjulmand erkannte das schnell und seine Umstellung verhalf seiner Mannschaft zunehmend zur Spielkontrolle.

Mit Christensen im Sechserraum war es für die Waliser nicht mehr so einfach, die Wege ins Mittelfeld zu blocken. Plötzlich hatten die beiden Innenverteidiger viel bessere Passwinkel, vor allem aber auch mehrere Optionen, um ins Zentrum zu kommen. Wenn Wales den ballnahen Achter zustellte, gab es die Möglichkeit, über den Sechser aufzubauen und andersherum. Vor allem der überragende Pierre-Emile Højbjerg (25) profitierte von der besseren Raumbesetzung im 4-3-3 und kurbelte das Spiel seiner Mannschaft mal balltreibend und mal mit klugen Pässen an. Auch vorne, wo Kasper Dolberg (23) zunächst fast schon vereinsamte, war plötzlich mehr Präsenz gegeben, weil aus dem Mittelfeld konsequenter nachgeschoben wurde. Das war nur möglich, weil die Spieleröffnung sauberer verlief.

Diese Mannschaft muss erstmal geschlagen werden

Und auch über die Außenbahnen ergaben sich andere Passoptionen. Durch einen zusätzlichen Spieler im Mittelfeld gelang es den Dänen, die Halbräume besser zu besetzen und stärker auf die ballnahe Seite zu verschieben, ohne anfällig für Kontersituationen zu sein. Der Führungstreffer in der 27. Minute ist beispielsweise ein direktes Resultat der Umstellung, weil der herausragende Pass von Außenverteidiger Joakim Maehle (24) nur durch die bessere Staffelung im Mittelfeldzentrum möglich wird. Vor allem deshalb, weil die Waliser im Zentrum anders gebunden wurden, während sie vorher den Raum einfacher verteidigen konnten, weil sie gedanklich kaum gefordert wurden.

Photo: Moritz Müller/imago

Nach der Umstellung mussten sie sich aber immer häufiger zwischen zwei oder gar drei Optionen entscheiden, was wiederum den Dänen Zeit gab, sich besser in den Zwischenräumen zu positionieren. Im 4-3-3 wurde Dänemark – zumal mit der Führung im Rücken – immer dominanter. Sie gaben die Spielkontrolle nicht mehr her, spielten druckvoll und schnell in die Spitze und gewannen letztendlich auch in der Höhe verdient mit 4:0. Wales, so viel steht fest, war dieser Dynamik nicht gewachsen. Sie fanden keinen Weg mehr zurück ins Spiel.

Die Basis dafür legte das dänische Trainerteam in der 10. Minute. Ja, Menschen brauchen gute Geschichten und Dänemark liefert dahingehend alles, was der durchschnittliche Fußballfan braucht, um sich in sie zu verlieben. Aber selbst wenn man all das mal zur Seite schiebt, bleibt auf dem Platz eine Mannschaft, die taktisch und auch individuell dazu in der Lage ist, Großes zu leisten. Und auch wenn Wales nicht der große Gradmesser war: Diese Dänen sind flexibel, dynamisch und attraktiv – womit sie selbst für Teams wie Belgien nur sehr schwer zu schlagen sind. 1992 machten sie als „Danish Dynamite“ auf sich aufmerksam. Im Jahr 2021 sind sie die „Danish Dynamics“ und wer weiß? Vielleicht kann es wieder so weit gehen wie damals für die Dänen.

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photo: imago

Autor: Justin Kraft (@lahmsteiger)

 

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