Die nächste WM, die nächste DFB- Blamage. Die Weichen für die Zukunft muss jemand anderes als Julian Nagelsmann stellen. Ein Kommentar.
„Ich bin immer noch davon überzeugt, dass er wahrscheinlich der Richtige ist, um weitermachen“, sprang DFB-Sportdirektor Rudi Völler Nagelsmann nach der Paraguay-Pleite zur Seite. Der erfahrene Ex-Stürmer kennt das Fußball-Geschäft wie sonst kaum jemand. Dass er dem von ihm sehr geschätzten Bundestrainer erstmal den Rücken stärkt, ist logisch. Völler ist allerdings auch lange genug dabei, um zu wissen, wieviel diese Worte eine halbe Stunde nach Abpfiff tatsächlich wert sind.
Jetzt reinhören: WM-Wecker – Der Daily Podcast zur WM 2026!
Er sei „keiner, der wegläuft“, sagte auch der Bundestrainer selbst nach der Partie und fügte an, dass er „natürlich zur Verfügung stehe“, falls der DFB mit ihm weiterarbeiten möchte. Dass Nagelsmann sich der Verantwortung stellen und beim dringend benötigten Umbruch helfen will, ehrt ihn. Sinnvoll ist ein Verbleib des 38-Jährigen, der sich am ZDF-Mikrofon nach der Partie deutlich schmallippiger und dünnhäutiger gab als seine Spieler, jedoch für niemanden.
Nagelsmann hat beim DFB nur als kurzfristiger Projekttrainer funktioniert
Seit Oktober 2023 steht der frühere Trainer des FC Bayern bei der deutschen Nationalmannschaft an der Seitenlinie. Damals wurde er als Übergangslösung installiert. Mit einem klaren Auftrag: Die Mannschaft rechtzeitig vor der Heim-EM aus der Krise holen und eine Euphorie entfachen.
Das gelang Nagelsmann. Die Stimmung um das DFB-Team war beim Kontinentalturnier so positiv wie lange nicht mehr und auch sportlich verkaufte man sich ordentlich. Als Trainer für ein kurzfristiges Projekt traf der Coach die richtigen Entscheidungen, holte Toni Kroos zurück und verhalf zahlreichen formstarken Akteuren zu ihrem Einstand mit dem Adler auf der Brust.

Der Lichtblick nach den trüben Jahren seit 2018 veranlasste den DFB, mit Nagelsmann auch die WM 2026 anzugehen. Doch seitdem gelang es ihm nicht, die Mannschaft entscheidend weiterzuentwickeln. Das lag nicht nur am Trainer, es war auch viel Pech dabei. Mit Kai Havertz und Jamal Musiala fielen zwei Fixpunkte ewig verletzungsbedingt aus. Allerdings tat sich Nagelsmann mit seiner oft schnippischen und zu selten selbstkritischen Kommunikation – Stichwort Deniz Undav – keinen Gefallen.
Zwischen EM und WM hat der Trainer eine 180-Grad-Wende vollzogen. Betonte er vor dem Heimturnier noch, dass er voll auf das Leistungsprinzip setzen möchte, schien er sich vor der WM schon frühzeitig auf Kader und Stammelf festgelegt zu haben. Ein Plan, der nicht aufging. Schon zu Beginn der Qualifikation wankte die Mannschaft, konnte sich letztendlich aber auf ihre individuelle Qualität verlassen, die nach wie vor gegeben ist. Für eine erfolgreiche Endrunde reicht ein überdurchschnittlich talentierter Kader aber nunmal höchstens zu einem Sieg gegen Außenseiter Curacao und einem Lucky Punch gegen durchwachsene Ivorer.
Stimmung am Tiefpunkt: DFB darf alte Fehler nicht wiederholen
Nagelsmann hat es nicht geschafft, dem Team ein Gesicht, eine klare Identität auf dem Platz zu verleihen. Gegen die tiefen Blöcke und Zweikampfhärte von Ecuador und Paraguay fand die DFB-Elf kein Mittel, einen Plan B schien es weder im Laufe der Spiele, noch bei der Kaderplanung zu geben.
Der Spielaufbau war Nico Schlotterbeck komplett auf den Leib geschneidert, mit dem Ausfall des einzigen linksfüßigen Innenverteidigers brach die gesamte Statik des Nagelsmann-Fußballs auseinander. Taktische Kniffe, wie Florian Wirtz an der linken Außenlinie zu parken und den schnellen Nathaniel Brown in Ballbesitz invers agieren zu lassen, gingen völlig ins Leere.
Inzwischen umgibt den Bundestrainer eine Stimmung, wie sie auch in den späten Löw-Jahren und nach der Katar-WM unter Hansi Flick herrschte. Und das nicht nur wegen der Ergebnisse, sondern auch wegen seines genervt wirkenden Auftretens sowie personellen und taktischen Fehlgriffen. Kaum jemand traut Nagelsmann zu, die deutschen Auswahl wieder in Richtung Weltspitze zu führen, geschweige denn, wieder einen positiven Rückhalt in der Bevölkerung zu generieren.

Daher muss der DFB nun handeln. Als Trainer, der den benötigen Umbau anführt, ist Nagelsmann nicht mehr tragbar. Fachlich ist er unbestritten einer der besten Fußballlehrer, die es in Deutschland gibt und auch er darf Fehler machen. Mit 38 Jahren steht ihm weiterhin eine große Karriere an der Seitenlinie bevor. Mit der Weiterbeschäftigung als Bundestrainer würde der Verband jedoch die Fehler der letzten beiden Weltmeisterschaften wiederholen. 2018 hätte Löw gehen müssen, 2022 Flick. Ein drittes Mal darf der DFB die Chance auf einen klaren Cut nicht verpassen. Um auf Völler zurückzukommen: Nagelsmann ist sicher nicht mehr der richtige.

