Als der Stadionsprecher die Nummer 22 verlas, blieb der Applaus verhalten. „Ihr dürft ruhig klatschen“, half er nach. Zweieinhalb Stunden später hatte Niklas Süle ein Tor erzielt, sein Team sieben kassiert – und die Kreisliga eine Geschichte, die sie noch länger erzählen wird.
0:6 nach einer Stunde
Der 16. August 2026 geht in die Vereinsgeschichte des SV Tiefenbach ein, wenn auch anders als erhofft. Beim 2:7 gegen den Landesliga-Absteiger SG Kirchardt stand der frühere Nationalspieler nach nur drei gemeinsamen Trainingseinheiten in der Startelf – und zwar nicht dort, wo er 13 Jahre lang gespielt hatte. Statt in der Innenverteidigung lief Süle im zentralen Mittelfeld und im Sturm auf.
Zur Pause stand es 0:3, kurz darauf 0:6. Die Abwehr des Aufsteigers bekam keinen Zugriff, die Gäste – sie wollen umgehend zurück in die Landesliga – bedienten sich fast nach Belieben. In der 75. Minute köpfte Süle nach einer Ecke zum 2:6 ein. Er spielte durch. Bei 32 Grad, vor rund 500 Zuschauern.
Ein Satz, mehr nicht
Interviews wollte der 30-Jährige nach dem Spiel keine geben. Eine Frage beantwortete er dann doch. Ob es Spaß gemacht habe? So viel wie ein 7:2 Spaß macht
, sagte Süle.
Trainer Jason Walzel, der zum Freundeskreis des Ex-Profis gehört und den Wechsel überhaupt erst eingefädelt hatte, ordnete es nüchtern ein: Die Niederlage sei hochverdient gewesen, Süle habe nur dreimal mit der Mannschaft trainiert. Er muss auch erst mal wieder reinfinden
, sagte Walzel – und äußerte den Wunsch, dass der Trubel langsam nachlasse.
Was dieser Nachmittag wirklich zeigt
Die Erwartung war schief. Ein Champions-League-Sieger und deutscher Meister spielt Kreisliga – daraus lässt sich leicht eine Dominanzgeschichte bauen. Nur funktioniert Fußball auf diesem Niveau anders. Ein Innenverteidiger, der offensiv aufgestellt wird, kann die Defensive nicht ordnen. Drei Einheiten reichen nicht für Abläufe. Und ein Landesliga-Absteiger ist für einen frisch aufgestiegenen Kreisligisten ohnehin eine andere Hausnummer.
Anfang Juli hatten die Tiefenbacher den Transfer verkündet, drei Monate zuvor hatte sich Süle von Borussia Dortmund verabschiedet. Bei der Bekanntgabe sprach er davon, nach 13 Jahren Profifußball mit seinen Kumpels auf dem Platz stehen zu dürfen. Genau das hat er jetzt getan. Inklusive der Erfahrung, dass man dabei auch mal sieben Gegentore kassiert.
Ein Tor bleibt ein Tor
Rund 500 Menschen kamen wegen eines Namens. Sie sahen ein Debakel – und einen Kopfball, der ihnen wahrscheinlich trotzdem in Erinnerung bleibt. Für den Verein ist das ein Zuschauerrekord mit Ansage, für die Mannschaft ein Arbeitsauftrag.
Prominenz füllt den Platz hinter der Bande. Auf dem Rasen zählt sie elf zu elf.

