La Liga | Atlético Madrid im Titelkampf: Jetzt oder nie

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Nach dem Patzer von Stadtrivale Real hat Atlético Madrid zehn Punkte Vorsprung in La Liga. Die jahrelange Resilienz, Barcelona und Real Madrid hinterherzulaufen, scheint sich nun bezahlt zu machen.

Atlético Madrid – ein Verein im Kampf gegen die Dämonen der eigenen Vergangenheit

Es war der 17. Mai 2014, Tatort: Camp Nou. Für die deutschen Fußballfans war das, was sich in Barcelona abspielte, bestenfalls die Ouvertüre zum Pokalfinale, das wenige Stunden später angepfiffen wurde. In Spanien ging es jedoch um mehr – viel mehr. Es war das Finale um die Meisterschaft.

Die Ausgangslage vor dem 38. Spieltag ist schnell erklärt. Atlético ging als Tabellenführer in die Partie, drei Punkte betrug der Vorsprung auf den FC Barcelona. In Spanien steht bei Punktgleichheit der direkte Vergleich über der Tordifferenz, sodass Barcelona nach dem 0:0 am 19. Spieltag im Vicente Calderón einen Sieg brauchte, um Meister zu werden.

(Photo by QUIQUE GARCIA/AFP via Getty Images)

Schon nach 15 Minuten musste Atlético den ersten Nackenschlag einstecken. Diego Costa, der angeschlagen ins Spiel gegangen war, konnte nicht weitermachen. Der zweite ließ keine 10 Minuten auf sich warten. Denn in der 23. Minute war auch der Arbeitstag von Arda Turan verletzungsbedingt beendet. Und es kam noch dicker: 34. Minute, Cesc Fàbregas flankte den Ball aus dem Halbfeld auf Lionel Messi. Der legte die Kugel mit der Brust auf Alexis Sánchez ab – und der Chilene nahm sie rechts aus zehn Metern Torentfernung volley. An anderen Tagen hätte ein solcher Versuch auch auf La Rambla, der berühmten Promenade im Zentrum Barcelonas, enden können. An diesem jedoch landete der Ball akkurat wie unhaltbar im rechten Winkel. Kategorie: Tor des Monats.

Fans der Rojiblancos werden sich zur Pause gedacht haben: Natürlich passiert das uns und natürlich in diesem Spiel. Schon 1974 hatte man neun Finger am Europapokal der Landesmeister, bevor Katsche Schwarzenbeck sie in der 121. Minute mit einem Urknall von Tor aus 30 Metern aus allen Siegerträumen riss. Das Wiederholungsspiel verlor man 0:4. 1999/2000 ging es für den Clúb Atlético de Madrid sogar runter in die zweite Liga. Das alles wohlgemerkt, während man zusehen musste, wie der in makellosem weiß gehüllte Stadtrivale einen Titel nach dem nächsten abräumt.

(Photo by Alex Livesey/Getty Images)

In der zweiten Halbzeit jedoch änderte sich das Bild: Schon in den letzten zehn Minuten vor der Pause fing Atlético an, sich vom Dreifach-Schock zu erholen und fand besser ins Spiel. Vier Minuten nach Wiederanpfiff brachte Gabi einen Eckball von rechts in die Mitte, aus dem Rückraum kam Diego Godín angeflogen und köpfte die Kugel wuchtig über die Linie. Ein Tor gegen die Dämonen der eigenen Vergangenheit und für die erste Meisterschaft seit 18 Jahren. Denn in der Folge schwand bei den Katalanen die Struktur im eigenen Spiel. Auch Neuzugang Neymar konnte nicht mehr viel ausrichten. Atlético machte das, was es am besten kann: Verteidigen – und brachte das 1:1 und damit die zehnte Meisterschaft ins Ziel.

Atléticos nächste Meister-Generation?

Die Tatsache, dass Atléticos größte Konkurrenten der kommende Champions-League-Sieger und sein Nachfolger waren, macht diese Meisterschaft zu einem noch größeren Erfolg. Die Frage, ob Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo den Titel gewinnen, beantworteten die Rojiblancos mit einem bestimmten „nosotros“ – „wir„.

In den Saisons zuvor sorgte der junge Messi für Aufsehen, in den Jahren danach CR7, mit vier Königsklassentiteln in fünf Jahren. Atlético hatte die Gunst der Stunde zwischen den Höhepunkten beider Ausnahmekönner zum eigenen Vorteil genutzt. Dementsprechend war klar, dass es den Titel zu genießen galt. Man weiß nicht, wann dieser Moment noch einmal kommen würde.

2021, sieben Jahre nach der letzten Meisterschaft und zehn nach dem Amtsantritt von Diego Simeone (50), scheint es erneut soweit zu sein. Weil mit Cristiano Ronaldo die eine Vereinsnemesis (25 Tore in 35 Spielen gegen Atlético) inzwischen nach Turin weitergezogen ist und die andere, Lionel Messi (32/42), in dieser Saison mit seinem Arbeitgeber über Kreuz liegt und ihn aller Voraussicht nach im Sommer verlassen wird.

(Photo by OSCAR DEL POZO/AFP via Getty Images)

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass Simeone die Mannschaft in der jüngeren Vergangenheit Stück für Stück erneuert hat. Das alte Rückgrat aus Filipe Luis, Diego Godín, Tiago Mendes und Gabi wurde nach und nach durch José Giménez (26), den vielseitigen Marcos Llorente (26) oder Eigengewächs Saúl Ñíguez (26) ersetzt. Koke (29) ist einer der wenigen Verbliebenen der 2014er-Generation. Dazu kommen Spieler wie João Félix (21), dem es in seiner zweiten Saison in der spanischen Hauptstadt gelingt, Ablösesumme (127,2 Millionen Euro) und Marktwert (100 Millionen Euro) zu rechtfertigen und Luis Suárez (34). Der Uruguayer wurde laut eigener Aussage von Ronald Koeman (57) aus Barcelona exkommuniziert und hat – trotz einiger Verletzungen – in Madrid wieder zu seiner Topform zurückgefunden. Mit 14 Toren in 16 Spielen ist er auf dem besten Weg, seinen zweiten Pichichi nach 2016 zu gewinnen.

Wie Simeone Atléti und sich selbst neu erfand

Mit Yannick Carrasco (27), Geoffrey Kondogbia (27) oder Moussa Dembélé (24) hat man zudem starke Alternativen auf der Bank. Auch Diego Simeone selbst hat sich über die Jahre neu erfunden. War in der letzten Meistersaison noch ein 4-4-2 mit Diego Costa und David Villa im Angriff das bevorzugte System, ist es nun ein 3-1-4-2 mit Gimenez als Fels in der Brandung, Koke, der im Mittelfeld den Karajan gibt, sodass Saúl und Marcos Llorente ihre offensiven Fähigkeiten voll ausleben können. Und ganz vorne treiben Luis Suárez und João Félix ihr Unwesen.

Dass Atlético einmal mehr über die beste Defensive der Liga verfügt (10 Gegentore in 19 Spielen), ist inzwischen Gewohnheit. Mit 40 Toren sind sie allerdings auch nur einen Treffer davon entfernt, auch die beste Offensive der Liga zu haben. Dass sie auch Spektakel können, bewiesen sie am vergangenen Wochenende beim 4:2 in Cádiz. In den letzten Jahren hätten sie in solchen Spielen noch Punkte liegen gelassen, was sie im Meisterrennen teuer zu stehen kam. Diesmal haben sie den Punch, um das zu verhindern. So stehen sie inzwischen zehn Punkte vor ihrer Konkurrenz – und haben sogar noch zwei Spiele in der Hinterhand.

Eines ist klar, in puncto Meistertitel kann sich Atlético nur noch selbst schlagen. In Europa wartet auf die Mannschaft Thomas Tuchel (47) und der FC Chelsea. Und wer weiß, vielleicht reicht es diese Saison sogar für den Titel, an dem sie 1974, 2014 und 2016 so nah dran waren und den sie bislang trotzdem nur aus der Ferne bewundern durften. Zuzutrauen ist es ihnen allemal.

(Photo by CRISTINA QUICLER/AFP via Getty Images)

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Victor Catalina

 

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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