Jürgen Klopps erste Nominierung als Bundestrainer steht bevor, und schon vor der offiziellen Bekanntgabe am Donnerstag ist der Aufreger da: Deniz Undav, bester deutscher WM-Torschütze und Kapitän des VfB Stuttgart, soll laut Sky nicht im Kader stehen. Eine Entscheidung, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergibt, auf den zweiten aber sehr viel über Klopps Plan verrät.
Persönliches Gespräch statt Anruf
Nach Informationen von Sky Sport hat Klopp Undav bereits in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt, dass er für die Nations-League-Spiele gegen die Niederlande (24. September), Griechenland (27. September und 4. Oktober) und Serbien (1. Oktober) nicht eingeplant ist. Der Sender formuliert vorsichtig: Sollte am Bundesliga-Wochenende nichts Außergewöhnliches passieren, bleibe der 30-Jährige zunächst außen vor. Der DFB hat sich bislang nicht geäußert, das Aufgebot wird am Donnerstag um 10 Uhr verkündet.
Die Zahlen sprechen für Undav
Sportlich lässt sich die Entscheidung kaum begründen, jedenfalls nicht mit Blick auf die Nationalmannschaft. Undav kommt auf neun Tore in 13 Länderspielen, eine Quote, die im aktuellen DFB-Kader niemand vorweisen kann. Bei der WM im Sommer traf er dreimal in der Vorrunde, alle drei Treffer als Joker, darunter der späte Doppelpack zum Comeback-Sieg gegen die Elfenbeinküste. Damit war er gemeinsam mit Kai Havertz bester deutscher Torschütze des Turniers. Und ausgerechnet Klopp selbst hatte vor dem WM-Auftakt gegen Curaçao noch gesagt, er hätte Undav gern in der Startelf gesehen.
Was Klopp bei der WM über ihn sagte
Der Schlüssel zur Entscheidung liegt womöglich in einer anderen Klopp-Aussage aus dem Sommer. Als TV-Experte bei Magenta analysierte er in der Halbzeit des Achtelfinals gegen Paraguay den Auftritt des Stuttgarters ungewohnt deutlich: Undav dürfe sich gern mehr um den Ball bemühen, er bekomme zwar keine Anspiele, müsse dann aber den Körper reinstellen und den Ball einfordern. Wer mit den Augen nicht zeige, dass er den Ball wolle, bekomme ihn auch nicht.
Das ist mehr als eine Halbzeitanalyse, das ist ein Anforderungsprofil. Klopps Fußball lebt von Stürmern, die gegen den Ball arbeiten, anlaufen und den Gegner beschäftigen, bevor sie selbst in den Abschluss kommen. Undav ist ein anderer Typ: ein Strafraumspieler mit herausragendem Torriecher, der seine Wirkung oft als Einwechselspieler entfaltet. Für einen Trainer, der seine Mannschaft in wenigen Tagen auf ein neues System einschwören muss, ist das offenbar nicht die erste Wahl.
Formkrise beim VfB kommt hinzu
Erschwerend kommt der Saisonstart in Stuttgart dazu. Undav wurde im Sommer zum Kapitän ernannt, hat in dieser Saison aber noch kein eigenes Tor erzielt, wettbewerbsübergreifend stehen vier Vorlagen zu Buche. Zuletzt geriet er in Stuttgart auch medial in die Kritik, VfB-Trainer Sebastian Hoeneß nahm ihn vor dem Champions-League-Auftakt gegen Viking Stavanger öffentlich in Schutz. Undav selbst hatte im Trainingslager noch erklärt, ein Trainerwechsel sei wie ein Klubwechsel, jeder müsse sich neu beweisen. Genau daran wird er nun gemessen.
Frankfurter Duo statt Stuttgarter Kapitän
Anstelle von Undav sollen laut Sky zwei Frankfurter in den Kader rücken. Younes Ebnoutalib steht vor seinem Debüt, der Eintracht-Stürmer hatte die Bundesliga-Saison mit einem Hattrick bei Union Berlin eröffnet und ist auch für Marokko spielberechtigt, eine Nominierung wäre also auch ein Zeichen an den Spieler. Jonathan Burkardt kehrt zurück, nachdem er für die WM nach fünf torlosen Länderspielen gestrichen worden war.
Für Undav ist die Nachricht bitter, endgültig ist sie nicht. Klopp hat die Tür laut Sky bewusst nicht zugeschlagen, und ein Stürmer mit dieser Länderspielquote wird sich zurück in den Kader schießen können. Voraussetzung: Er beginnt damit am Wochenende in der Bundesliga.

