Hauptsache, der Ball rollt | Reform der Premier League oder Symbolpolitik?

Premier League

Eine Kolumne über die Ankündigung der britischen Regierung, den englischen Profifußball und die Premier League unter anderem mit einer unabhängigen Regierungsbehörde stärker zu kontrollieren


„Hauptsache, der Ball rollt“ erscheint künftig wöchentlich. Jeden Montag als Rückblick darauf, welche wechselseitigen Auswirkungen von Fußball und Politik in der vergangenen Woche wichtig waren. Um die Mär, Fußball sei unpolitisch, der noch immer einige Funktionäre hinterhersinnen, zu widerlegen.


Der englische Profifußball soll künftig von einer unabhängigen Regulierungsbehörde kontrolliert werden. Dies und weitere Änderung kündigte die britische Regierung an. Der Hintergrund dieser Reformankündigung: Im vergangenen November hat eine von Fans geleitete Kommission zehn Vorschläge zur Verbesserung des Sports vorgelegt. Als Reaktion auf den Super-League-Vorstoß einiger Klubs und dem Ligaausschluss des Traditionsklubs FC Bury wurde die Kommission von der ehemaligen Sport-Staatssekretärin Tracey Crouch gegründet. Sie saß dieser ebenfalls vor – viele Fans beobachten die Kommission voller Hoffnung.



Ein großes Problem soll damit behoben werden: Immer mehr Fans wenden sich vom Fußball ab. Viele fühlen sich nicht mehr gehört in der finanzgetriebenen Welt des Fußballs. „Die Änderung sind eine riesige Chance für den Fußball“, sagte Crouch im November. Aber ob die Nachricht, die heute die britischen Sportzeitung dominiert, wirklich etwas ändert, ist unklar.

Zum einen deswegen, weil bisher juristisch noch überhaupt nichts passiert ist. Die britische Regierung kündigte lediglich an, im Sommer ein sogenanntes Weißbuch vorzulegen. Darin werden verschiedenen Vorschlägen gesammelt sein. Ob es bereits ausformulierte Gesetzesvorschläge sein werden, ist unklar. In der Regel enthalten Weißbücher mindestens Denkanstöße. Ausformulierte Gesetze sind ebenfalls denkbar. Die konkrete gesetzliche Verankerung sowie der Zeitrahmen, in dem Gesetze verabschiedet werden, ist somit noch unbeschrieben. Die Initiatorin Tracey Crouch äußerte sich gegenüber „AP“ zu diesen Unsicherheiten beunruhigt: Es sei zwar ein enormer Schritt nach vorne, dass die Regierung eine den Fans zugewandte, regulierende Rolle im Profifußball anstrebe, der fehlende Zeitplan dafür sei aber „besorgniserregend“.

Die Reformankündigungen: Eine Goldene Aktie für die Fans

Wie die Änderungen gesetzlich verankert werden, ist also noch offen. Die „BBC“ berichtete aber bereits über einige konkrete Vorhaben. Aufhorchen lässt dabei, dass die geplante Regulierungsbehörde Strafen verhängen sollen und als eine Finanzaufsicht über die Klubs wachen darf. Also, dass der Behörde durch eine gesetzliche Verankerung gestattet sein soll, innerhalb der Vereine zu ermitteln und Informationen zu sammeln. Etwas, was die Klubs immer wieder zu verhindern versuchen. Wie unter anderem eine Spiegel-Recherche zu Manchester City eindrucksvoll aufzeigte.

Außerdem soll ein verschärfter Eigentümertest etabliert werden, der zum Zeitpunkt der Übernahme sowie fortlaufend durchgeführt werden soll. Auf die Kritik rund um Roman Abramowitsch und der von Saudi-Arabien unterstützten Übernahme von Newcastle United soll dieser Test die Integrität der (potentiellen) Eigentümer überprüfen. Inklusive der Finanzquellen und ihrer moralischen Integrität.

Des Weiteren wurde seitens der Regierung angekündigt, dass die Fans „eine stärkere Rolle im Tagesgeschäft der Klubs“ erhalten sollen. Eine „Goldenen Aktie“ für die Fans steht im Raum. Inhaber einer solchen Goldenen Aktien verfügen in der Regel über Rechte, die über die der übrigen Aktionäre weit hinausreichen. Die Sonderrechte sollen wohl vor allem Mitsprache bei Änderungen an den Stadien, dem Logo, dem Namen und den Trikots ihrer Klubs gewähren. Welche gesetzliche Grundlage dem obliegt, ist genau wie die Details dieser geplanten Regelung noch unklar. In der Regierungserklärung wird sogar von den Klubs als „wichtiges Gemeinschaftsgut“ gesprochen. Ein fast vergesellschaftender Ton.

Die Premier League wehrt sich gegen Einflussnahme von außen – auch von der Regierung

Betreffen würden diese Änderungen die Premier League und die English Football League, die für die zweite bis vierte Liga zuständig ist. Laut „BBC“-Informationen versuchen beide Verbände aktuell mehr Details zu den Vorschlägen zu erfahren und Kontakt zur Regierung aufzunehmen. Wie die Position der Premier League zu den geplanten Änderungen ist, verlautbarte Helen MacNamara, Leiterin der Abteilung Politik und Unternehmensangelegenheiten der Premier League,  letzten Monat bereits vor einem Ausschuss für Digitales, Kultur, Medien und Sport: Die Liga wolle „ganz sicher“ keine unabhängige Regulierungsbehörde.

Dabei schiebt der Verband eine etwas holprige Begründung vor. Es sei problematisch, wenn Leute den Fußball reformieren wollen, aber keine Erfahrung in diesem Sport haben. Die bessere Lösung sei der Einsatz von zwei profilierten Fußballanwälten zusammen mit einem sogenannten Fußballexperten, der über Erfahrungen in der Verwaltung verfügt, um die Probleme zu lösen. Von den Fans, den Anstoßgeber dieser Reformen, keine Rede.

Eine so große Reform, wie sie an manchen Stellen aufgeblasen wird, ist die heutige Ankündigung nicht. Die Premier League wird alles dafür tun, die Gesetzesvorhaben zu verzögern und aufzuweichen. Wann und in welcher Form sie kommen werden, weiß niemand. Trotzdem ist es, wie Crouch sagte, „ein großer Schritt nach vorne und in Richtung der Zuschauer.“ Alleine das Symbolische hat einen großen Wert. Dass die Regierung sich so tiefgreifend mit einem Vorstoß der Fußballfans beschäftigt und die Premier-League-Klubs als „Gemeinschaftsgut“ bezeichnet, deutet in die richtige Richtung. Und wirkt der Beliebigkeit und Narrenfreiheit entgegen, die sich der Fußball teilweise herausnimmt.

Ein hoffnungsstiftendes Signal

Denn auch eine weitere Meldung dieser Tages zeigt, dass die britische Regierung nicht von dem Fußball kuscht. Antonio Rüdiger wird den FC Chelsea im Sommer ablösefrei verlassen. Der Klub wurde aufgrund der engen Verbindungen des Klubbesitzers Roman Abramovich zum russischen Präsidenten Wladimir Putin nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine von der britischen Regierung hart sanktioniert. Unter anderem dürfen die „Blues“ keine Vertragsverhandlungen führen. Und da der Vertrag von Rüdiger am Ende der Saison ausläuft und Chelsea ihm keine Sicherheit bieten kann, teilte er Thomas Tuchel mit, dass er den Verein im Sommer verlassen wird. Dass ist nach finanziellen Beeinträchtigungen der erste herbe sportliche Schlag, den die Sanktionen dem amtierenden Champions-League-Sieger versetzt haben.

Dass die Regierung in dieser Sache keine Ausnahmeregelungen für den Fußball geduldet hat, stimmt positiv. Auch dafür, dass die Regierung die heutigen Ankündigungen so ernsthaft wie möglich umsetzen wird. Ob es eine rein symbolische Wirkung haben wird oder ein erster, wirklicher Schritt gegen die Entartung des britischen Fußballs ist? Darauf wird das für den Sommer erwartete Weißbuch erste Antworten geben. Eine tiefgreifende Reform, dies lässt sich schon jetzt sagen, ist es allerdings nicht. Denn solange nicht in die interne finanziellen Verteilung eingegriffen wird und dort über eine Umverteilung nachgedacht wird, bleibt das System in seinen Grundzügen gleich. Dieses Problem, erklärte die Regierung, solle allerdings intern gelöst werden. Dies wird jedoch nicht passieren.

(Photo by JUSTIN TALLIS/AFP via Getty Images)

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