Luton Town und Tottenham Hotspur – Ein Groundhopping-Bericht aus England

Ein Reisebericht von Luton Town und Tottenham
Spotlight

Über die Osterfeiertage hat es mich einmal wieder nach England verschlagen. Dabei habe ich zusammen mit einem Freund unter anderem auch zwei Fußballspiele besucht. Am Karfreitag sahen wir uns in Luton das Spiel Luton Town FC gegen Nottingham Forest in der zweitklassigen Chamionship an, am Samstag dann im neuen Stadion der Spurs die Premier-League-Partie zwischen den Tottenham Hotspur und Brighton & Hove Albion. Da es sich in beiden Fällen um ganz spezielle Stadien handelt, möchte ich euch im folgenden von meinen Eindrücken berichten:

Luton Towns Kenilworth Road Stadion – Der Charme eines alten Stadions

Blick ins Luton Town Stadion

Das Stadion in Luton, einer knapp 30 Minuten Zugfahrt von London entfernten Kleinstadt, wurde 1905 errichtet. Seither hat sich am grundsätzlichen Aufbau wenig verändert. Insgesamt finden 10.226 Zuschauer Platz, aufgeteilt auf drei vollwertige Tribünen und einer Haupttribüne, die ausschließlich aus VIP-Plätzen besteht. Diese sind aufgeteilt auf mehrere Container, in denen das Catering gereicht wird, und vor jedem dieser Container je 13 Sitzplätzen. Die Sicht von der Gegengerade aus wird zum Teil von Holzpfosten verdeckt, die das Stadiondach halten.

Luton Towns Stadion von außen

(Photo by Alex Burstow/Getty Images)

Erreichbar ist das Stadion ausschließlich zu Fuß, da es mitten in einem Wohngebiet steht. Vom Bahnhof aus sind es knapp 15 Minuten Fußweg. Im Laufe der Zeit wurden es immer mehr Menschen, die gemeinsam zum Austragungsort der Partie pilgerten. Ich war dabei auffällig wie ein bunter Hund, da ich mich dazu entschieden hatte, mein Leicester-Trikot zu tragen. Hierfür gab es zwei Gründe: Zum einen ist Leicester der Erzrivale des Gegners Nottingham. Zum anderen habe ich mich für James Justin als Spieler auf dem Trikot entschieden, welcher in Luton ausgebildet worden war und den die Fans bis heute lieben. Ich wurde also immer wieder auf mein Trikot angesprochen, jedoch ausschließlich positiv und wurde sehr herzlich empfangen.

Das Drehtor in Luton

(Photo by Julian Finney/Getty Images)

Am Stadion angekommen gelangten wir durch ein Drehkreuz, das sicherlich mindestens 50 Jahre auf dem Buckel hat, ins Stadion. Dort genehmigten wir uns erst mal noch ein hervorragendes Bier für vier Pfund dreißig. Anschließend stiegen wir eine nicht 100% sicher wirkende Treppe hinauf in den Oberrang des Stadions, der komplett aus Holz war bis hin zu unseren Plätzen. Die Tribüne ist derart eng, dass ich mit meinen 1,87 Metern daran scheiterte, normal sitzen zu können und entsprechend meine Beine etwas unnatürlich abwinkeln musste. Der einzige Wermutstropfen an dem Stadion.

Emotionales Aufstiegsduell gegen Nottingham

Nun aber zum wesentlichen: dem Spiel. Zunächst als Disclaimer vorweg, wir hatten mit der Spielansetzung extremes Glück. Luton gegen Nottingham war fünf Spieltage vor Schluss das Duell des Fünften gegen den Vierten, beide Mannschaften sind also mittendrinn im Kampf um die Playoff-Plätze. Aufgrund einiger Nachholspiele konnte Nottingham, das zum Zeitpunkt des Spiels einen unfassbaren Lauf hatte, sogar noch den AFC Bournemouth auf Platz zwei und damit den direkten Aufstieg angreifen. Daher und weil das Wetter hervorragend war (18 Grad und Sonnenschein), dürfte die Stimmung deutlich besser als in einem normalen Championship-Spiel in Luton gewesen sein.

Die Stimmung war bereits vor dem Spielbeginn um 12:30 Uhr Ortszeit ausgezeichnet, alle freuten sich extrem auf dieses Duell und damit die Standortbestimmung, ob ein Aufstieg für den kleinen Verein Luton, der vor acht Jahren noch in der fünften Liga war, denkbar ist. Wir kamen zehn Minuten vor Anpfiff auf unsere Plätze, für die wir absolut akzeptable 26 Pfund pro Person bezahlt hatten, und wurden sofort mitgerissen von den Sprechchören wie „We’re on our way to the Premier League“. Anders als in Deutschland machte das komplette Stadion mit. Durch die Enge des Stadion sowie das niedrige Dach wirkte alles nochmals viel lauter als ohnehin schon.

Luton Town Fans jubeln

(Photo by Alex Pantling/Getty Images)

Von Spielbeginn an merkte man, dass die Mannschaft durch das laute Publikum sehr stark gepusht wurde. Nottingham, das zuvor in der Liga fünfmal in Folge gewonnen hatte und seit zehn Spielen ungeschlagen war, bekam keinen Fuß auf den Boden. Auch bei strittigen Schiedsrichterentscheidungen war das Stadion voll da. Fast folgerichtig ging Luton durch einen Handelfmeter, verwandelt durch Kal Naismith (30), in Führung (37.). Das Stadion rastete komplett aus. Zur Halbzeit war die Stimmung herausragend, es wurde sich jedoch auch gefragt, ob Luton das hohe Tempo wohl bis zum Ende durchhalten könne.

Die Frage war in Halbzeit zwei schnell mit einem klaren „Nein“ beantwortet. Die Hausherren verlegten sich auf extremes Zeitspiel, insgesamt bekamen vier Spieler der Hatters eine gelbe Karte wegen Spielverzögerung. Nottingham kam immer mehr auf, spätestens nach der gelb-roten Karte für Kapitän Sonny Bradley (30) war es ein Spiel auf ein Tor (77.). Doch Luton verteidigte clever und brachte die Führung über die Zeit – auch mit Hilfe des Publikums, das ihr Team ohne Unterlass anfeuerte. Nach dem Spiel machten wir uns auf den Rückweg zum Bahnhof, und so endete ein wunderschöner und sehr empfehlenswerter Ausflug in eines der ältesten noch genutzten Stadien Englands. Wir werden für den Rest der Saison definitiv von der Ferne mitfiebern und unseren neuen Freunden aus Luton die Daumen drücken.

Tottenhams White Hart Lane – Das modernste Fußballstadion der Welt

Der eigentliche Grund für unsere Reise war das Spiel am Karsamstag zwischen den Spurs und Brighton. Dabei standen mein Mitreisender und ich auf verschiedenen Seiten, er ist Spurs-Fan, ich Brighton-Supporter. Er hatte mir vor dem Spiel noch dazu geraten, nicht in meinem Brighton-Trikot zum Stadion zu gehen, da die Gefahr einer Konfrontation durchaus gegeben sein würde. Und tatsächlich war ich – anders als in Deutschland ja durchaus üblich – auf der Gegengerade in unserem Block der einzige Zuschauer in einem Gästetrikot. Den ein oder anderen Spruch musste ich mir schon anhören, angesichts der Tatsache, dass Brighton eine Woche zuvor bei Tottenhams Erzrivalen Arsenal gewonnen hatte, blieb aber alles im Rahmen.

Nun zum Stadion: Die neue White Hart Lane, die vor drei Jahren eröffnet worden war und an derselben Stelle des alten Spurs-Stadions steht, ist ein absolutes Prunkstück und hat zurecht den Ruf der modernsten Fußballarena der Welt. Bereits von außen ist dies zu erkennen, wenn man von der nahegelegenen U-Bahn-Haltestelle in nur drei Minuten vor dem Stadion steht. Die Außenfassade ist zu großen Teilen verglast, der Tottenham Hahn trohnt über dem ganzen. Doch auch diese Arena ist anders als viele deutsche Stadien mitten in einem Wohngebiet. Um zu den Eingängen auf der Gegengerade zu kommen, muss man einen ganzen Wohnblock umqueren.

Im Stadion angekommen hieß es erst einmal Treppen steigen. Um auf den Oberrang zu kommen, wo unsere Plätze waren, mussten wir insgesamt 100 Stufen nach oben gehen. Es gibt zwar Aufzüge, nicht jedoch Rolltreppen – etwas ungewöhnlich für ein derartiges Luxusstadion, das mehr als eine Milliarde Euro gekostet hat. Dazu ist das Treppenhaus sehr karg gestaltet, es wirkt als würde man in einer 0815-Tiefgarage die Treppe nehmen. Im Oberrang angekommen gibt es zwischen Treppenhaus und der Tribüne einen Bereich, in dem man Verpflegung und Fanartikel erstehen kann. Das Bier wird zwar durch einen äußerst interessanten Mechanismus von unten in den Becher gefüllt, das ist aber auch das einzig Positive, was es darüber zu sagen gibt. Schmecken tut es nämlich mehr nach Chlor denn nach Bier.

Danach ging es auf die Sitzplätze. Diese sind – wie man es bei 65 Pfund pro Ticket durchaus erwarten darf – mit ordentlich Beinfreiheit ausgestattet. Dazu ist die Tribüne extrem steil, sodass man auch von weiter oben einen hervorragenden Blick auf das Geschehen auf dem Rasen hat. Für Leute mit extremer Höhenangst dürfte diese Steile durchaus ein Problem sein, auch ich hatte im ersten Moment so meine Probleme damit.

Starkes Brighton sorgt für schlechte Stimmung

Das Spiel begann auch hier stimmungstechnisch gut. Durch die letzten Wochen mit einigen eigenen Siegen sowie Niederlagen der Konkurrenz hatten die Spurs Platz vier und damit die Qualifikation für die Champions League in den eigenen Händen. Dazu war auch an diesem Samstagmittag – Anstoß war erneut um 12:30 Uhr Ortszeit – wieder hervorragend. Der Gegner Brighton versprach zudem ein sehenswertes Spiel, die Seagulls sind dafür bekannt, auch gegen große Gegner nach vorne zu spielen. Doch die Stimmung kippte schnell, als die Heimmannschaft so überhaupt nichts nach vorne zustande brachte.

Tottenham beschwert sich bei Schiri Pawson

(Photo by Ryan Pierse/Getty Images)

Das Stadion wurde sehr unruhig. Wurde der Ball nicht schnell nach vorne gespielt, vor allem bei Abstößen von Hugo Lloris (35), ging ein Raunen durch das Stadion. Dazu kam ein nicht zu übersehendes, frühes Zeitspiel der Gäste. Auch Schiedsrichter Craig Pawson (43) zog schnell den Unmut der Zuschauer auf sich, indem er weder das Zeitspiel unterband noch Enock Mwepu (24) noch in Halbzeit eins mit gelb-rot vom Feld schickte. Ende der ersten Hälfte waren die Heimfans dann mehr damit beschäftigt, sich über Gegner und Schiedsrichter aufzuregen, als die eigene Mannschaft zu unterstützen. Anfeuerungen für die eigene Mannschaft hörte man nahezu ausschließlich aus dem Gästeblock.

In der zweiten Halbzeit wurde die Stimmung nicht besser, denn statt Tottenham wurde nun Brighton nach vorne immer gefährlicher und traf schließlich in der letzten Minute durch Leandro Trossard (27) tatsächlich zum 1:0-Auswärtssieg. Mit dem Tor wurde es ganz ruhig im Stadion, nur die Gästefans waren zu hören. Ich selbst musste mir das Jubeln unterdrücken, noch mehr negative Blicke wollte ich nicht auf mir haben. Zumal mein Kumpel zu mir raunte: „Wenn du jetzt aufspringst, bin ich der Erste, von dem du eine fängst.“

Nach dem Spiel, auf dem Weg aus dem Stadion wurde ich noch einige Male auf mein Trikot angesprochen. Doch glücklicherweise erinnerten sich die Tottenham-Supporter an das Ergebnis eine Woche zuvor im Emirates, der Grundtenor der Aussagen war: „Ihr habt letzte Woche Arsenal geschlagen, jetzt uns, da hat jetzt niemand was verloren oder gewonnen.“ Richtung U-Bahn-Station kamen wir schließlich im Strom der Masse zeitgleich mit einem Pulk Brighton-Fans auf die Hauptstraße. Diese ließen es sich natürlich nicht nehmen, auf vulgäre Art und Weise den Sieg zu feiern. Ich stimmte in einige Gesänge mit ein und war froh, nicht der einzige mit einem Gästetrikot in der U-Bahn zu sein.

Der Vergleich

Beide Arenen haben definitiv ihre Daseinsberechtigung, sowohl das Besinnen auf die Traditionen als auch der Blick in die Zukunft sind wichtig. Besser gefallen hat es mir – trotz des Siegs von Brighton – aber dennoch in Luton. Das lag jedoch ausschließlich am Stadion, das in meinen Augen einfach mehr Charme hat als der Hochglanzbau der Spurs. Die Fans waren an beiden Orten so, wie ich sie am liebsten habe: Loyal, immer das eigene Team unterstützend, aber durchaus mit einer Portion Sarkasmus dem gegnerischen und auch dem eigenen Team gegenüber. Das drückt sich vor allem in den Fangesängen aus, die deutlich mehr auf die Spielsituationen angepasst sind als in Deutschland, und auch in Gesprächen mit den einen umgebenden Zuschauern.

(Photo by Marc Atkins/Getty Images)

Lukas Heigl

Liebhaber des britischen Fußballs: Von Brighton über Reading und Wimbledon bis nach Inverness. Ist mehr für Spiele der dritten englischen Liga als für den Classico zu begeistern. Durch das Kommentatoren-Duo Galler/Menuge auch am französischen Fußball interessiert

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