Manchester United | Ronaldo: Ist der letzte Held wirklich der Heilsbringer?

Cristiano Ronaldo ManUtd
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Kommentar | Nach zwölf Jahren kehrt der „verlorene Sohn“ zurück. Manchester United hat sich in dem Werben um Cristiano Ronaldo gegen Manchester City durchgesetzt. Das einstige Wunderkind kommt dieses Mal als Heilsbringer.

Ronaldo – die verkörperte Sehnsucht

Als Cristiano Ronaldo (36) im Sommer 2009 Manchester United für den damals unglaublichen Betrag von 94 Millionen Euro in Richtung Real Madrid verließ, begann der sportliche Niedergang des englischen Vereins heimlich einzusetzen. Kurz zuvor hatte der Portugiese, gerade frisch erstmals als Weltfußballer ausgezeichnet, die Mannschaft zur dritten Meisterschaft in Folge geführt. Dazu erreichten die Red Devils das Champions-League-Finale. Die Titelverteidigung in der Königsklasse misslang jedoch im Endspiel gegen den FC Barcelona. Es sollte bis heute die letzte Partie für United sein.

 

Schon im Sommer zuvor hatten die Königlichen Ronaldo den Kopf verdreht, weshalb er nach dem CL-Sieg 2008 um die Freigabe bat. Der damalige Real-Präsident Ramon Calderon (70) fiel mit forschen Statements auf, was vor allem einen vor den Kopf stieß: United-Trainer Sir Alex Ferguson (79). Wie dieser später in seiner Biographie enthüllte, unterband er den Wechsel schlichtweg, weil er nach Calderons Aussagen sonst „sein Gesicht verloren“ hätte. Man könne nach der Saison 2008/09 über Ronaldos Wunsch reden. Die Haltung des Schotten war klar, doch Ronaldo akzeptierte diese.

Der Wechsel erfüllte somit viele Superlative, doch war keinesfalls super überraschend. Dies war eher, wie United den amtierenden Weltfußballer zu ersetzen versuchte. Antonio Valencia (36) kam aus Wigan. Ein erster Fingerzeig, wie Besitzer-Familie Glazer in jener Phase die finanziellen Möglichkeiten einschränkte. Valencia spielte eine Dekade für den Klub und war am Ende sogar Kapitän. Doch in die Sphären seines Vorgängers gelangte er nicht einmal ansatzweise. Ein gewisser Arjen Robben (37) war übrigens in jenem Sommer für einen Spottpreis zu erwerben – von Real. Personifizierte Weltklasse wurde somit mit allenfalls internationaler Klasse ersetzt – trotz der vorhandenen Mittel.

Ronaldo

(imago/Cordon Press/Diario AS)

Ronaldo – das Wunderkind/Showpony

Es war auch nicht irgendeiner Spieler, der den Klub verlassen hatte. Schon die Art und Weise der Verpflichtung 2003 birgt einen gehörigen Schuss Fußball-Romantik. Der damalige Teenager spielte der United-Verteidigung in einem Freundschaftsspiel dermaßen viele Knoten in die Beine, dass die Spieler bei Ferguson für den jungen Ronaldo warben. Sir Alex hatte den Deal jedoch sowieso bereits in der Tasche. CR7 verzückte schnell im Old Trafford mit Kabinettstückchen. Außerhalb Manchesters wurde er allerdings mit Spott überhäuft.

„Weinerlich“, „Schwalben“, „nicht produktiv“ – die ersten Jahre waren für United-Fans frustrierend. Der Flügelspieler fabrizierte mehr Übersteiger als Scorerpunkte. Der Verein selbst hatte in diesem Zeitraum das Nachsehen gegenüber Arsenal und Chelsea. Die offensive Last wurde auf den jungen Schultern von Ronaldo und Wayne Rooney (35) verteilt. Dann kam die WM 2006 – und damit eine Zäsur.

Denn ausgerechnet die beiden jungen Hoffnungsträger gerieten im Viertelfinale aneinander. Ronaldo protestierte in dem Spiel vehement für den (berechtigten) Platzverweis seines Sturmpartners und verwandelte dann auch noch den entscheidenden Elfmeter. Auf der Insel wurde der Portugiese zur persona non grata deklariert. Ferguson intervenierte – und transformierte den Spieler dadurch völlig. Denn Ronaldo machte endlich den ersehnten nächsten Schritt.

Ronaldo Rooney bei Manchester United

(Copyright: imago/Sportimage)

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Ronaldo bei Manchester United: Das Gesicht einer Ära

Die folgenden drei Jahre (2006-2009) gehören zu den besten in der ruhmreichen Vereinsgeschichte und wurden maßgeblich von Ronaldo geprägt. Statt einer einstelligen Torausbeute erzielte Ronaldo plötzlich konstant mehr als zwanzig Treffer. Ronaldo wirkte tougher, austrainierter, begegnete den Anfeindungen gegnerischer Anhänger mit sportlicher Klasse  und gerne auch einem gehörigen Schuss Arroganz. Wurde in den ersten Jahren Rooney nicht nur von der inländischen Presse als der bessere Spieler gehandelt, waren die Red Devils von nun an Ronaldos Team. 2007 folgte die erste Meisterschaft seit seiner Ankunft. Zudem wurde er nur zwölf Monate nachdem ihn fast ein ganzes Land zum Teufel gewünscht hätte, dort zum besten Spieler ausgezeichnet.

Mit den Meisterschaften 2008 und 2009 folgte der Titel-Hattrick. In der Champions League triumphierte United 2008. Ronaldo, erstmals Torschützenkönig der Königsklasse, war natürlich auch dabei entscheidend. Die Auszeichnungen nahmen kein Ende. Bester CL-Spieler, Europas Fußballer des Jahres, Weltfußballer des Jahres, Ballon d´Or. Der erste United-Spieler seit George Best 1969, der als bester Spieler des Kontinents ausgezeichnet wurde. Spätestens 2009 hatte CR7 in Manchester wirklich alles erreicht und wollte die neue Herausforderung in Madrid. Oder wie die englische Presse es benannte: The boy became a man.

Ronaldo 2009 bei Manchester United

(Photo by IMAGO)

Ronaldo & United – unterschiedliche Kurven

Und die United-Mannschaft verlor ihren main man. Dass der sportliche Niedergang noch etwas auf sich warten ließ, lag vor allem an Ferguson. Auch ohne Ronaldo hielt er das langsam alternde Team wettbewerbsfähig. Dies wirkt wegen der knausrigen Glazer-Familie umso beeindruckender. Mit Ausnahme von Robin van Persie (heute 38) 2012 landete kein „richtig dicker Fisch“ in den letzten Ferguson-Jahren im Old Trafford. Doch auch trotz dieser Hürden holte United 2011 und 2013 die Meisterschaft. Dann trat der Schotte zurück – und die heile United-Welt brach in sich zusammen.

Weder David Moyes (58), noch Louis van Gaal (70) oder José Mourinho (58) vermochten den alten Glanz wiederherzustellen. Die Glazers öffneten nun die Schatulle, doch ein wirklicher Plan stand hinter den astronomischen Summen selten. United hinkt bis heute in der Premier League hinterher, gerade Manchester City. Vor allem der ungeliebte Stadtrivale, bei Ronaldos Abschied maximal ein „noisy neighbour“, füllte mit viel Finanzkraft, aber auch einem damit verbundenen Plan, die Vakanz an der Spitze. Gleichzeitig erging es dem „verlorenen Sohn“ deutlich besser.

Insgesamt neun Jahre lang sollte Ronaldo das weiße Trikot in Madrid tragen. Am Ende dieser Zusammenarbeit lesen sich die Zahlen derart beeindruckend, dass man sich auf das Wichtigste beschränken muss. Vier weitere CL-Titel, vier weitere Ballon d`Or und unzählige weitere Errungenschaften – garniert mit 450 Toren in 435 Pflichtspielen (!). Es mag irrwitzig klingen, aber die damalige Weltrekordablöse von 94 Millionen Euro wirkt rückblickend wie ein Schnäppchenpreis. Ronaldo zog 2018 weiter zu Juventus, während sein Ex-Verein von der Vergangenheit träumte und in der Gegenwart versagte.

Ronaldo bei Real Madrid

(Photo by IMAGO)

Ronaldo & United – Eine Seite liebt mehr

Die Errungenschaften des verlorenen Sohnes wurden in Manchester mit Sehnsucht, aber auch mit Stolz beobachtet. Die United-Anhänger feierten ihre Ikone auch Jahre später mit dem legendären „Viva-Ronaldo“-Gesang. Auch bei seinen Gastspielen im Old Trafford wurde CR7 mit großem Respekt empfangen. Der Geliebte gab in Interviews die Blumen stets zurück, äußerte wie sehr er den Verein schätze und die Fans vermisse. Kaum eine der unzähligen Ehrungen von Ferguson kam ohne eine Mini-Schalte aus, in welcher ein breit grinsender und bestens gestylter Laudator wartete. Dabei ließ er natürlich immer ein Hintertürchen bei zahlreichen Rückkehr-Fragen offen: „Im Fußball weiß man nie.“

Dass änderte recht wenig daran, dass Ronaldo die seit Jahren anhaltenden Gerüchte um eine Rückkehr auch gerne für neuen Vertrag in Madrid nutzte. Oder bei seinem (herrlichen) Führungstor gegen United 2018 in Turin überschwänglich seinen Sixpack zeigte. Dass er wahrscheinlich nicht nur eine konkrete Gelegenheit zur Rückkehr tatsächlich ausließ. Mit jedem vergangenen Jahr schien eine Ronaldo-Rückkehr immer unwahrscheinlicher zu werden. Eine nette Gedankenspielerei, die wohl über eine lange Zeit auch nicht von dem Hauptprotagonisten wirklich geteilt wurde.

CR7 bei ManCity – bitte nichts vormachen

Dass diese Möglichkeit in diesem Sommer dann doch bestehen könnte, zeichnete sich seit Monaten ab. Das Juve-Engagement verlief für beide Seiten nicht ganz wie erhofft, sodass ein Abschied wahrscheinlich war. Als solche Gerüchte konkreter wurden, schien ein Verein aus Manchester zu handeln, aber eben nicht United. Über viele Jahre wurde Ronaldo bei PSG gehandelt, doch die freie Topverdiener-Stelle schnappte sich jüngst ein anderer mehrfacher Weltfußballer. Und so gab nicht viele potentielle Abnehmer für den portugiesischen Europameister von 2016, laut Medien eben nur einen einzigen: Manchester City.

Der einstige „noisy neighbour“, auch in der abgelaufenen Saison Krösus der Premier League, stand dem Vernehmen nach recht nah vor der Verpflichtung. Und hier sollte sich kein United-Fan etwas vormachen: Hätten die Red Devils mit ihrer gewaltigen Charme-Offensive nicht interveniert, dann wäre Ronaldo wohl 2021/22 im Etihad aufgelaufen. Man stelle sich das herausragende Grundlinien-Spiel der Cityzens mit CR7 in der Mitte vor. Er wäre das fehlende Puzzlestück gewesen. Emotional wäre es der Schlag in die Magengrube für seine ungebrochene Anhängerschaft in der gleichen Stadt gewesen.

Ronaldo & Manchester United 2021 – Sportliche Notwendigkeit?

Und genau aus diesen Gründen konnte die Vereinsführung diesen Alptraum nicht zustande kommen lassen. Der letzte verbliebene Held der teilweise so sehr in der Vergangenheit lebenden Fans im himmelblauen Dress. Für die Glazers hätte in der Unbeliebtheitsskala eine neue Kategorie erfunden werden müssen. Ausgerechnet in diesem Unterfangen zahlte sich die Tendenz zum Altbewährten aus. So sollen unter anderem Sir Alex höchstpersönlich, aber auch die ehemaligen Mitspieler Rio Ferdinand (heute 42) sowie Patrice Evra (heute 40), CR7 mit Anrufen und Nachrichten bombardiert haben.

Und natürlich spielte mit dem aktuellen United-Trainer Ole Gunnar Solskjaer (48) ein weiterer Mitspieler eine integrale Rolle. Dieser versucht seit zweieinhalb Jahren mit einer „back-to-the-roots“-Attitude den Verein in alte Sphären zu bringen. In der Menschenführung scheint der sympathische Norweger seine großen Stärken zu besitzen. Das aktuelle United-Team wirkt so homogen wie seit Jahren nicht mehr. Dass sich mit Jadon Sancho (21) und Raphael Varane (28) erst zwei Weltklasse-Spieler dem Klub anschlossen, spricht für Solskjaers Überzeugungskraft. Doch in taktischer Hinsicht ist der Übungsleiter weiterhin einiges schuldig, weswegen der Verein unter ihm noch keine Trophäe gewonnen hat.

Die Mängel liegen klar im Spiel bei eigenen Ballbesitz. Ein defensiver Mittelfeldspieler hätte deswegen klare Priorität gehabt. In der Sturmmitte ist United mit Edinson Cavani (34) und Anthony Martial (25) nämlich eigentlich qualitativ ordentlich ausgestattet. Allerdings ist der Uruguayer verletzungsanfällig, während der Franzose trotz großartiger Anlagen schon lange in einem Formtief steckt. Der amtierende Torschützenkönig der Serie A ist weder das eine noch hat er das andere. Ronaldo ist definitiv ein Upgrade. Zwingend notwendig war dieser Transfer aus sportlicher Sicht dennoch nicht.

Ronaldo-Schals sind bei Manchester United ein Kassenschlager

(Photo by IMAGO: xNickxPottsx 62023866)

Der letzte Held

Anders sieht es auf emotionaler Ebene aus. Die Verpflichtung von CR7 stellte die sozialen Medien völlig auf den Kopf. Die Verkündung auf Twitter ist der am meisten gelikte Beitrag eines Sportvereins aller Zeiten. Die Begeisterung in der Stadt und im Umfeld ist gigantisch. Seine roten Trikots werden millionenfach über die Theken gehen. Da kümmert es wenig, dass ein 36-Jähriger nun der bestbezahlte Spieler (!) der PL-Geschichte wird.

Der „letzte Held“ im Profifußball aus der Ferguson-Ära ist zurück bei United. Ein Held, dem dieser Status sicher einiges bedeutet, aber vielleicht auch nicht so viel, wie viele United-Fans glauben. Ein Idol, der vor wenigen Tagen höchstwahrscheinlich auch beim Stadtrivalen unterschrieben hätte. Eine Ikone, die diese Sphäre noch übersteigen würde, wenn er United nach fast einer Dekade zurück zur Meisterschaft führen würde. Dies wäre sicher ein wunderbares Stück Fußball-Romantik, dessen wahre Beweggründe man dabei jedoch nie ganz außer Acht lassen sollte.

(Copyright imago VI Images)

 

 

 

 

Marius Merck

Eine Autogrammstunde von Fritz Walter weckte die Leidenschaft für diese Sportart, die über eine (“herausragende”) Amateurkarriere bis zur Gründung von 90PLUS führte. Bei seinem erklärten Ziel, endlich ein “Erfolgsfan” zu werden, weiter erfolglos.

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