Newcastle-Übernahme | Es ist Geld im Spiel

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Der moderne Fußball ist längst zu einem Milliardengeschäft geworden. Neben privaten Investoren versuchen nun auch staatlich gelenkte Akteure ihren politischen Einfluss mithilfe des „people’s game“ auszuüben. Doch statt auf Empörung zu treffen, wird das ausländische Geld von den Fans teilweise begeistert empfangen. Über den modernen Fußball, Geld und zynische Fans.

They got our club back!

Die jüngsten Entwicklungen rund um die Übernahme des Premier League Clubs Newcastle United durch einen Saudi-Arabischen Staatsfond wirken auf viele Fußballfans verstörend. Während Investoren in Deutschland eher skeptisch gegenübergestanden wird und die Verwicklungen einzelner Vereine mit katarischen Fluglinien regelmäßiger Streitpunkt sind, versammelten sich nach Bekanntwerden des Deals hunderte Newcastle-Anhänger vor dem St. James’ Park um die Petrodollar aus Nahost zu bejubeln.



Geld im Fußball ist nichts Neues. Der Fall Newcastle zeigt aber wie kein anderer, wie obszön das Geschäft mit dem modernen Event Fußball ist. Nun kann man argumentieren, dass Geld per se nichts Schlechtes sei; sich der Fußball nun mal so entwickelt habe. Vereine müssen halt kreativ sein, wenn es darum geht, konkurrenzfähig zu bleiben und die Löcher, die Corona hinterlassen hat, zu stopfen. Solch eine Sichtweise vermag aber nicht die ekstatische Stimmung der Newcastle-Fans zu erklären, die voller Inbrunst: „We got our club back!“ skandierten.

Die saudische Regierung, die maßgeblich hinter dem Investmentfond steht, der Newcastle übernommen hat, ist sicher nicht für ihre generelle Menschenfreundlichkeit bekannt. Mit der Übernahme folgt sie der Strategie anderer Golfstaaten, politischen Einfluss mithilfe des Sports ausüben zu wollen. Wie kann man also etwas zurückbekommen, was ein anderer für seine Zwecke gekauft hat?

Vor wenigen Monaten noch protestierten Fans in ganz Europa gegen die Super League, jetzt werden die Taschen bereitwillig geöffnet, wenn es um das vermeintliche Wohl des eigenen Clubs geht. Vor diesem Hintergrund ist die causa Newcastle ein ideologisches Lehrstück. Sowohl, wenn es darum geht, welche Wirkung Geld im Fußball hat, als auch das sorgfältige Ignorieren der damit einhergehenden Implikationen.

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(Photo by Ian MacNicol/Getty Images)

We kick Menschenrechte

Doch alles der Reihe nach. Fest steht, dass die Newcastle-Fans mit Sicherheit „Ihren“ Club nicht zurückbekommen. Das scheitert schon daran, dass der Club, der dieses Jahr sein 140-jähriges Bestehen feiert, durch den Deal von nun an immer das Label des „Investoren-Vereins“ anhaftet. Er wird so zum Sinnbild dessen, was viele Fans am modernen Event Fußball kritisieren. Das alte Newcastle United wird ersetzt durch ein politisches Instrument eines Menschenrechte verletzenden Regimes.

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Dass das saudische Geld denjenigen Fußballfans sauer aufstoßen dürfte, die eine klare politische Haltung der Vereine und Verbände zum Thema Menschenrechte fordern, ist klar. Gleichermaßen müssten aber auch diejenigen, die die vermeintliche apolitsche Natur des Fußballs und Sports beschwören, ebenso gegen die politisch motivierte Übernahme aufbegehren. Egal, ob man den Sport als utopisches Destillat einer egalitären Gesellschaft, oder polit-freien eskapistischen Raum sieht: Wer angesichts dieser Übernahme nicht empört ist, der hat scheint einfach nicht genau hingeguckt zu haben, was das für Geld ist, das hier in den Spielbetrieb gepumpt wird.

Geld schießt keine Tore, spielt aber trotzdem mit

Das Geld keine Tore schieße ist inzwischen eine altbekannte Floskel, die danach schreit, das Doppelpass-Phrasenschwein zu füllen. Trotz seiner spielerischen Limitation ist Geld dennoch einer der wichtigsten und gleichzeitig schwierigsten Spieler im Fußball. In einem langen Fachartikel aus dem Jahr 2006 argumentieren die britischen Psychologen Stephen Lea und Paul Webley, dass Geld mitnichten ein einfaches Werkzeug im Sinne eines banalen Tauschhandels sei. Stattdessen werden Geld teilweise Eigenschaften zugeschrieben werden, die es objektiv und rational gar nicht besitzt. Es fungiert so als „funktionsloser Motivator“, aufgeladen mit allerhand Emotionen und Überzeugungen.

Menschen setzen Geld mit Liebe, Herrschaft oder – wie im Falle Newcastles – mit Befreiung gleich. Die Bedeutung des Geldes übersteigt so seinen neutralen ökonomischen Wert. Diese Eigenschaften kann man auch daran erkennen, dass die Quelle des Geldes, dass jeder Verein unbestreitbar braucht, eine wichtige Rolle darin spielt, den Verein moralisch zu verorten. Rein ökonomisch spielt es keine Rolle, von wo aus das Geld fließt. Ein Spieler kostet immer den gleichen Betrag und ein Euro ist ein Euro. Trotzdem scheint es für viele Fans einen Unterschied zu machen, ob die 75 Millionen jetzt von einem klassischen Sponsor oder von einer Privatperson kommen.

(Photo by Philipp Schmidli/Getty Images)

In Deutschland werden deshalb speziell Hoffenheim und RB Leipzig als „Investoren-Vereine“ ausgemacht. Borussia Dortmund und Bayern München generieren zwar viel mehr Umsatz, können aber immer auf ihren Status des „Traditionsvereins“ pochen. Dass selbst dieses, unter Fußball-Fans schon als heilig geltendes, Label angreifbar bist, zeigt der Newcastle Deal. Auf schmerzhafte Art und Weise bewahrheitet sich so die Mahnung von Marx und Engels vor einem System, in dem alles Ständische und Stehende verdampft und alles Heilige entweiht wird.

Der Fan als Zyniker

Um mit den Geschehnissen um die zweifelhaften Geldflüsse in den eigenen Verein und das Spiel, das man liebt, umgehen zu können, dienen sich manche Fans entweder als Kollaborateur an oder üben sich im Zynismus. Beide Haltungen haben aber das gleiche Resultat: Geguckt wird das Spektakel so oder so. Für die Werbeeinnahmen und Preise der Fernsehrechte spielt es keine Rolle, dass man seinem Umfeld wiederholt versichert, dass man inzwischen ja völlig abgestumpft sei und wie schrecklich man das alles fände.

Der zynische Fan schadet dem Fußball im Grunde mehr, als der Kollaborierende. Während letztere Typus seine Gewissensbisse sauber utilitaristisch-egoistisch wegrationalisieren kann („Gut ist, was meinem Club sportlichen Erfolg bringt und schließlich ist das ja nicht illegal“), weiß der Zyniker um seinen inneren Widerspruch, entscheidet sich aber bewusst, nichts gegen die auslösenden Umstände zu unternehmen. Haltungen, die der slowenische Philosoph, Psychoanalytiker und Ideologie-Kritiker Slavoj Žižek mit dem prägnanten Satz „Sie wissen es ganz genau, tun es aber trotzdem“ zusammengefasst hat. Am Ende ist es aber die zynische Einstellung, die sich dann gegen die Versuche richtet, den Fußball stärker zu demokratisieren. Stets unter dem Verweis darauf, dass das alles ja eh nichts brächte.

Trotzdem lassen sich viele Fans nicht entmutigen und setzen sich weiterhin aktiv gegen die Entwicklungen im modernen Fußball zur Wehr. Solange Anhänger, wie die von Newcastle, es allerdings begrüßen, dass ein mächtiges Regime, ihnen, wie ein Dieb bei Tageslicht, „The people’s game“ vor den Augen und teilweise sogar mit seinem Segen stiehlt, steht dem Fußball noch ein langer Kampf bevor.

Niklas Döbler

Foto: Stu Forster/Getty Images

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