Manchester City: Bereit für den ganz großen Wurf?

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Spotlight | Mit 4:1 gewann Manchester City am Sonntagabend in Anfield. Dieser Sieg war ein Ausrufezeichen an die Konkurrenz. In Sachen Meisterschaft ist die Messe nach menschlichem Ermessen gelesen. Doch ist das Team von Pep Guardiola diesmal wirklich bereit für den ganz großen Wurf?

Manchester City: Als Nicolas Anelka Anfield eroberte

Es war der 3. Mai 2003, Manchester City war am 37. Spieltag zu Gast in Anfield. Ihr Heimspiel – damals noch nicht im Etihad, sondern an der Maine Road – verloren sie dank eines lupenreinen Hattricks von Michael Owen 0:3. Während sich City – unter der Leitung von Kevin Keegan – mit 48 Punkten auf Platz 11 im tabellarischen Niemandsland befand, ging es für das Liverpool des kürzlich verstorbenen Gérard Houllier noch um die Champions-League-Qualifikation.

Das Spiel brauchte fast eine Stunde, um Reiseflughöhe zu erreichen. In der 59. Minute brachte Milan Baros Liverpool in Führung, bevor Nicolas Anelka eine Viertelstunde später vom Punkt ausglich. Es schien auf ein 1:1 hinauszulaufen. Doch Sekunden vor dem Schluss kam Manchester City zu einem letzten Angriff über Ali Benarbia und Shaun Wright-Phillips. Sami Hyypiä ließ sich aus der Viererkette locken, und so konnte Anelka die Kugel von der Strafraumkante schulbuchmäßig hoch ins kurze Eck nageln – 1:2. Da beide Mannschaften am 38. Spieltag verloren, musste sich Liverpool mit dem UEFA-Cup und City mit Platz neun statt acht zufriedengeben. Dieses Spiel sollte allerdings für lange Zeit Citys letzter Sieg in Anfield bleiben.

Für fast 18 Jahre, um genau zu sein. Denn am 7. Februar 2021 machten die Skyblues trotz torloser erster Hälfte samt verschossenem Elfmeter nach der Pause ernst und zerlegten den amtierenden Meister in seine Bestandteile. Zweimal Ilkay Gündogan, Raheem Sterling sowie Phil Foden besiegelten das 4:1, Mohamed Salah konnte zwischenzeitlich für Liverpool per Elfmeter ausgleichen.

„Cityitis“ – Wenn alles, was schief gehen kann, schiefgeht

Dank dieses Sieges hat Manchester City fünf Punkte Vorsprung an der Tabellenspitze mit einem Spiel in der Hinterhand. Die Meisterfrage, die sich vor einigen Wochen noch stellte, ist damit nach menschlichem Ermessen beantwortet. Dass eine von Pep Guardiola (50) trainierte Mannschaft diese Ausgangsposition noch hergibt, ist nahezu ausgeschlossen, gerade in dieser Form. Der Katalane könnte somit in wenigen Monaten der erste Trainer werden, der in drei der fünf Topligen jeweils drei Meisterschaften feiern kann.

Allerdings hat man Guardiola 2016 nicht nur vom FC Bayern verpflichtet, um national zu dominieren. Man will endlich zum ersten Mal den Pokal gewinnen, den Liverpool schon in sechsfacher Ausführung in der Vitrine stehen hat. Und Stadtrivale United dreimal. Den Pokal, den selbst Aston Villa und Nottingham Forest schon gewinnen konnten, nur Manchester City nicht: Die Champions League.

Ironischerweise kamen sie genau in dem Jahr am Weitesten, in dem sie sich entschieden, Manuel Pellegrini durch Pep Guardiola zu ersetzen. 2015/16 führte der heutige Trainer von Betis sie bis ins Halbfinale. Dort scheiterte Manchester City auf dem Papier gegen Real Madrid. Wenn man allerdings bedenkt, dass in zwei eher unspektakulären Spielen ein Eigentor von Fernando Reges  den Unterschied machte, könnte es auch die Angst vor der eigenen Courage gewesen sein, die City im Weg stand.

Unter Hardcore-Fans nennt man dieses Syndrom „Cityitis“. Alles, was schief gehen kann, geht schief. Selbst die Dinge, die nach allen Regeln der Logik nicht schiefgehen können. Und die, die irgendwie funktionierten, taten es auf dem schwierigsten aller Wege. So wurde City 1957/58 beispielsweise zum einzigen Team in der Geschichte, das in einer Saison mindestens 100 Tore erzielte und kassierte (104:100).

Starke Cityzens, doch der Konkurrenz fehlt die Konstanz

Auch diese Saison sollte man ob eines Erfolges in der Königsklasse nicht vorschnell urteilen. Zwar war das 4:1 in Anfield ein Statement seitens der Skyblues. Doch man wird das Gefühl nicht los, dass Liverpool und City im Vergleich zur letzten Spielzeit Rollen getauscht haben. Langfristige Verletzungen des wichtigsten Innenverteidigers (Aymeric Laporte/Virgil van Dijk) sowie eines offensiven Unterschiedsspielers (Leroy Sané/Diogo Jota), während Stammkräfte im Formtief hängen. Das Ganze führt zu fehlender Konstanz in der Liga und einem riesigen Rückstand auf den Tabellenführer.

Und diese Konstanz, die Liverpool im Moment fehlt, kann keine der anderen Mannschaften ausgleichen. Manchester United ließ auf ein 9:0 gegen Southampton ein 3:3 gegen Everton folgen, trotz zweifacher Führung. Auch Leicester unterlag kürzlich Leeds United zuhause überraschend 1:3 und kam bei formschwachen Wolves nicht über ein 0:0 hinaus. Am konstantesten sind noch Thomas Tuchel (47) und Chelsea, die beim 2:1 in Sheffield das dritte Spiel in Folge gewannen. Doch ihr Rückstand auf City beträgt bereits elf Punkte. Den Meistertitel hat Tuchel daher – wenig überraschend – schon abgeschrieben.

Manchester City und die Champions League: (K)ein Titelfavorit?

Es gilt, Citys Leistungen in der Premier League mit Vorsicht zu genießen. Zu oft wurde diese zweifellos hochbegabte Mannschaft in den vergangenen Jahren in den Favoritenkreis der Champions League gehoben und wusste diesen Status nicht zu rechtfertigen. Zum Amtsantritt von Pep Guardiola scheiterten sie 2016/17 im Achtelfinale an der AS Monaco (5:3, 1:3), ein Jahr später krachend im Viertelfinale am FC Liverpool (0:3, 1:2). 2019 und 2020 war ebenfalls in der Runde der letzten Acht gegen Tottenham (0:1, 3:2), beziehungsweise Olympique Lyon (1:3) Endstation.

(Photo by Miguel A. Lopes/Pool via Getty Images)

Dazu kommt, dass gerade ein klarer Vorsprung in der Liga sich auf europäischer Ebene negativ auswirken kann. Liverpool beispielsweise fehlte letzte Saison in der Verlängerung gegen ein Atlético Madrid, das noch um den erneuten Einzug in die Königsklasse kämpfte, die entscheidenden Prozentpunkte. So gaben sie das 2:0, das ihnen fürs Viertelfinale gereicht hätte, noch gänzlich aus der Hand.

Auch neigt Pep Guardiola dazu, sich in großen Spielen mit seinem Genius oft selbst im Weg zu stehen. Gabriel Jesus beim 2:1 im Bernabéu als linken Außenstürmer und Kevin De Bruyne (29) als falsche Neun aufzustellen, erwies sich zwar als taktische Meisterleistung. Doch anstatt im Viertelfinale gegen Lyon auf die eigenen Stärken zu spielen, richtete er sich nach dem Gegner, stellte eine Fünferkette auf und brachte zudem zwei defensive Mittelfeldspieler mit İlkay Gündoğan und Rodri sowie Kevin De Bruyne als rechten Zehner. So fehlte City der letzte Punch und Lyon gewann dank zweier später Tore von Moussa Dembélé 3:1.

Die aktuelle Form spricht mehr für Manchester City, als es die jüngere Vergangenheit tut. Form ist allerdings temporär. Die Skyblues müssen beweisen, dass sie auch in der Königsklasse ihre „Cityitis“ überkommen können. Erst wenn sie regelmäßig in die letzten Runden des Wettbewerbs vorstoßen, ist das Label „Titelfavorit“ gerechtfertigt.(Photo by LAURENCE GRIFFITHS/POOL/AFP via Getty Images)

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Victor Catalina

 

 

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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