Trainersuche bei Tottenham: Eine Chronologie des Scheiterns

Premier League

Spotlight | Die Tottenham Hotspurs haben nur wenige Wochen vor Beginn der Vorbereitung auf die neuen Saison noch immer keinen Trainer gefunden. Seit einer gefühlten Ewigkeit läuft die Suche. Der Klub gibt dabei kein allzu gutes Bild ab. 

  • Tottenham sucht einen neuen Trainer
  • Viele Kandidaten sind aus dem Rennen
  • Die Zeit drängt bei den Spurs

Tottenham: Mourinho-Aus und Interimslösung

Die Saison 2020/21 lief für die Tottenham Hotspurs nicht nach Plan. Das hatte mehrere Gründe. Einer dieser Gründe saß auf der Trainerbank und hieß José Mourinho (58). Der exzentrische Portugiese schaffte es abseits von den üblichen Scharmützeln mit den Medien und allen, die nicht seiner Meinung waren, nicht, den Spurs eine klare Spielidee mit auf den Weg zu geben. Einzelne, herausragende Leistungen mit brutaler Effizienz wechselten sich mit ideenlosen Auftritten ohne Kreativität ab. Das Ziel war es, wieder in die Top-4 der Premier League vorzustoßen. Doch das scheiterte. Im April zogen die Verantwortlichen die Reißleine und entließen Mourinho. 

Jose Mourinho (Tottenham) gegen Everton

Photo: Peter Powell / Imago

Das Interimsduo bestehend aus Ryan Mason (30) und Chris Powell (44) übernahm die Geschicke bei den Spurs. Am Ende stand in der Premier League unter dem Strich der siebte Platz. In der Europa League war schon früher gegen Dinamo Zagreb Schluss, auch einen Pokalwettbewerb gewann der Klub aus dem Norden Londons nicht. Während Mason und Powell versuchten, die Mannschaft zumindest einigermaßen auf Kurs zu halten, lief die Trainersuche im Hintergrund bereits. Aufgrund der Umstände war klar, dass die Spurs einen Trainer benötigen würden, der kreative Lösungen finden kann. Denn die Nachwehen des teuren Stadionbaus in Verbindung mit der Corona-Pandemie sorgten für finanzielle Schwierigkeiten.

Trainersuche bei den Spurs: Die ersten Versuche

Schnell kristallisierten sich einige Namen heraus, die zum Kandidatenkreis der Spurs zählen sollten. Julian Nagelsmann (33), damals noch fest im Sattel bei RB Leipzig, wurde seitens der Verantwortlichen als die Ideallösung auserkoren. Doch das Interesse war einseitig, Nagelsmann zog es wenige Wochen später innerhalb der Bundesliga weiter zum FC Bayern. Auch der Name von Ralf Rangnick (62) fiel – in einem Atemzug mit Erik ten Hag (52, Ajax).

Die Personalie Rangnick, der bei zahlreichen Klubs mehr oder weniger sicher auf der Liste stand, wurde nicht konkreter. Auch Erik ten Hag sendete früh ein Signal in den Norden Londons und blieb Ajax treu, indem er seinen Vertrag verlängerte. Die ersten Versuche verliefen also erfolglos. Zwar befanden sich die Spurs in der Saisonendphase, noch drängte die Zeit aber nicht. Auch wenn die Saisonvorbereitung und vor allem die Transferplanung für den Sommer langsam aber sicher näher rückte.

Tottenham arbeitete an Pochettino-Rückkehr

Im Anschluss an das Saisonfinale sollen Gespräche mit Roberto Martinez (47) stattgefunden haben. Der belgische Nationaltrainer genießt einen sehr guten Ruf, aber die Übernahme einer Vereinsmannschaft unmittelbar nach einem großen Turnier birgt immer wieder Risiken. Auch daraus wurde also nichts. Ende Mai platzte dann eine Bombe: Mauricio Pochettino (49) soll sich in Gesprächen mit den Spurs befinden! Eine Rückkehr des Argentiniers, der inzwischen bei PSG untergekommen war, schien denkbar. Grund dafür waren interne Missstimmungen zwischen Pochettino und PSG-Sportdirektor Leonardo (51), der bereit mit mehreren Trainern Probleme hatte.

Pochettino

Photo by Imago

Das Trainerkarussell nahm zu dieser Zeit europaweit Fahrt auf. Der Nagelsmann-Wechsel nach München war fix, Zinedine Zidane (48) verließ Real Madrid, Antonio Conte (52) verließ Inter, eine Kettenreaktion bahnte sich an. Pochettino wurde längst nicht mehr nur mit den Spurs in Verbindung gebracht, sondern mit quasi jedem freien Trainerstuhl in Europa. Lediglich sein Verein, PSG, hatte etwas dagegen. Der Branchenprimus aus Frankreich blockte jegliche Offerten ab und ließ Pochettino nicht ziehen. Für die Spurs entwickelte sich die Trainersuche langsam aber sicher zur Geduldsprobe. Ja, die Premier League ist attraktiv, aber die Situation Tottenham war nicht einfach. Zu allem Überfluss wurde auch noch bekannt, dass Harry Kane (27) den Verein verlassen will. 

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Conte, Fonseca, Gattuso: Dreimal „nein“

Jetzt nahm die Diskussion um den neuen Spurs-Trainer erst so richtig Fahrt auf. Antonio Conte, mittlerweile bekanntermaßen frei, führte Gespräche mit den Verantwortlichen von Tottenham. Der Italiener arbeitete in England bereits erfolgreich bei Chelsea, hatte große Lust auf dieses Projekt. Doch er verließ Inter, weil der Klub in finanziellen Nöten zu Einsparungen gezwungen war. Eben solche finanzielle Nöte drohten auch bei den Spurs. Ein Kane-Abgang wäre kaum auffangbar gewesen. Es passierte, was passieren musste: Beide Parteien konnten sich nicht einigen, Conte sprach davon, dass ihn das Engagement am Ende dann doch nicht reizte.

Es dauerte aber nicht lange, bis der nächste Trainer in das Visier der Spurs rückte. Dabei handelte es sich um Paulo Fonseca (48), dessen Vertrag bei der Roma nicht verlängert wurde. Eine Information am Rande: Jose Mourinho wechselt zur neuen Saison zu eben jener Roma. Vor etwa einer Woche gab es Berichte über eine grundsätzliche Einigung zwischen den Spurs und Fonseca. Doch auch zu diesem Zeitpunkt ist die Geschichte noch nicht auserzählt, denn überraschend beendeten beide Seiten die Gespräche. 

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Noch am gleichen Tag rückte plötzlich Gennaro Gattuso (43) in den Fokus der Spurs. Eben jener Gattuso, dessen Zeit bei der Fiorentina nach nur 23 Tagen im Amt endete. Der Grund dafür war, dass Berater Jorge Mendes offensichtlich Mitspracherecht bei den Transferaktivitäten der Viola forderte. Bei Mendes steht nicht nur Gattuso, sondern auch eine Reihe namhafter Spieler unter Vertrag. Einige dieser Spieler platzierte der Berater bereits bei den Wolves.

Man ahnt förmlich, dass es das noch immer nicht war. Daniel Levy (59), Präsident der Spurs, entschied sich am heutigen Freitag dann gegen eine Verpflichtung von Gattuso. Fanproteste aufgrund vergangener homophober Aussagen und vielleicht auch die Involvierung von Mendes spielten dabei eine Rolle. Diese Entscheidung ist für sich gesehen natürlich völlig nachvollziehbar, das Gesamtbild, das die Spurs abgeben, ist aber ein fatales. Um die Verwirrung komplett zu machen: Paulo Fonseca, der wohl auch wegen der Gattuso-Gespräche nicht Tottenham-Trainer wurde, steht nun bei der Fiorentina, die Gattuso nach drei Wochen verließ, hoch im Kurs. Klar.

Ausblick: Was nun, Tottenham?

Die große Frage ist: Was passiert nun? Bäume ausgerissen haben die Interimslösungen nicht, sodass eine Weiterbeschäftigung nicht gerade wahrscheinlich ist. Die Tür Pochettino wurde seitens PSG unmissverständlich zugemacht. Trainer, die aktuell aktiv sind, aus ihrem Vertrag zu kaufen, ist schwierig. Das hat mit der finanziellen Situation zu tun, aber auch damit, dass eben jene Trainer schon vollumfänglich in die Planungen bei ihren aktuellen Klubs involviert sind.

Tottenham muss jetzt kreativ werden. Eine Auswahl der verfügbaren Trainer, die aktuell auf dem Markt sind und möglicherweise das entsprechende Niveau mitbringen, besteht aus Andre Villas-Boas (43), der aber schon einmal bei den Spurs war, Lucien Favre (63), der in Gesprächen mit Crystal Palace ist, oder Frank Lampard (42), der vergangene Saison bei Chelsea entlassen wurde. Die spannendsten Trainer sind bereits irgendwo untergekommen oder haben die Gespräche mit Tottenham beendet. Es stellt sich also die Frage: Was nun, Tottenham?

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Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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