Italien: Hitlergruß, kommunistische Faust und warum der Neofaschismus nicht aus dem Nichts kommt

Paolo di Canio bejubelt bei einem Spiel in Italien einen Treffer mit einem Hitlergruß
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Spotlight | In Italien wurde gewählt und vielerorts zeigt man sich entsetzt darüber, dass mit Giorgia Meloni wohl eine Faschistin bald das Land anführen wird. Dabei zeigt auch ein Disput um politische Torjubel im Jahr 2005, wie lange dem Faschismus schon der Weg geebnet wurde.

Berlusconi als Wegbereiter – Auch im Fußball

Die nächste Premierministerin Italiens wird wohl Giorgia Meloni heißen. Eine Frau, die Mussolini als großen Politiker sieht, die nach eigenen Angaben ein „unbelastetes“ Verhältnis zum italienischen Faschismus hat und die vor allem eben eines ist: Eine Faschistin. Und wie so oft, wenn es zu einer politischen Entscheidung kommt die sich lange ankündigte, lange schon im Land heranwuchs, geben sich viele Beobachter schockiert wie es denn soweit kommen konnte. Dabei wurde der Weg für Meloni und ihr Rechtsbündnis schon lange politisch und gesellschaftlich geebnet, unter anderem von einem ihrer Bündnispartner und wohl prägendsten Figuren Italiens, Silvio Berlusconi. Der Unternehmer und Politiker übt seit langem großen Einfluss aus und hat dabei auch früh den Fußball als wichtiges Einflussfeld erkannt.

Von 1986 bis 2017 war er Besitzer der AC Milan, nachdem Verkauf des Traditionsklubs bediente sich der Milliardär erneut bei einem Fußballverein, kaufte 2018 die AC Monza, die nun in der ersten italienischen Liga spielt. Gleichzeitig wuchs sein politischer Einfluss immer mehr, in den 2000er-Jahren bekleidete er mehrmals das Amt des Ministerpräsidenten, hatte dabei keine Skrupel seinen Einfluss auch in die Sportverbände des Landes auszuweiten und  dort auf allen Ebenen Verbündete zu platzieren. Auch deshalb lohnt sich ein Blick zurück auf die Geschehnisse rund um zwei Torjubel im Jahr 2005. Denn was eine geschmacklose Anekdote sein könnte, zeigte schon damals, wie der Faschismus in Italien salonfähig gemacht wurde. Die gesellschaftliche Strahlkraft eines so populären Volkssports, des Fußballs, darf hierbei nicht unterschätzt werden.

Di Canio und Lucarelli als Posterboy

Im Frühjahr 2005 eskalierte eine alte, politische Rivalität zwischen zwei Fußballvereinen in eine blutige Straßenschlacht zwischen Fans beider Lager. Auf der einen Seite die faschistischen Ultras von Lazio Rom, auf der anderen Seite die kommunistischen Fans der AS Livorno. Die Feindschaft beider Vereine, schon unvermeidlich angelegt in der politischen Ausrichtung der Klubs, wurde zu dieser Zeit wohl so stark von zwei Spielern repräsentiert, wie es selten der Fall war. Auf der einen Seite war da Paolo Di Canio. Der italienische Stürmer war 2004 zu Lazio Rom gewechselt und damit nach längerer Zeit in England heimgekehrt. Ein Match, zumindest was die politische Ausrichtung vieler Lazio-Fans angeht. Di Canio outete sich als Fan von Mussolini, genau wie Meloni es auch getan hat, und bezeichnete sich selber öffentlich als Faschist.

Auf der anderen Seite stand Cristiano Lucarelli, ebenfalls der Topstürmer bei der AS Livorno. Ein Kind der Hafenstadt, der lukrative Angebote ausschlug um für seinen Heimatverein zu spielen und diesen eigenhändig zurück in die Erstklassigkeit schoss. Zeitweilig wurde seine Biografie in den Schulen der Stadt zum Unterrichtsmaterial. Und auch er bekannte sich freigiebig zu seinen Überzeugungen. „Ich bin geborener Kommunist“ stellte der Stürmer klar und verband sich auch bei dieser Position mit seinem Geburtsort, an dem 1921 die kommunistische Partei Italiens gegründet wurde. Trotz starker Leistungen war er zudem aus der italienischen U-Nationalmannschaft ausgeschlossen worden, weil er bei einem Torjubel ein T-Shirt mit dem Konterfei von Che Guevarra präsentierte, dessen Tochter er 2005 traf. Im Anschluss an die Straßenschlacht des Frühjahres 2005 spendierte er drei Busse, die die inhaftierten Fans der AS Livorno aus dem Gefängnis abholen sollten.

Hitlergruß und kommunistische Faust

Die Symbolik dieser Rivalität und dieser beiden, so offen politischen, Fußballern für die jeweiligen politischen Strömungen sollte deutlich sein. Wie der italienische Fußballverband welche Ideologie einordnete, und hierbei darf man in keinem Fall vergessen, dass zu dieser Zeit der Verband fest im Griff Berlusconis steckte, des Mannes der nun eine Faschistin in die Regierung hieven wird, wurde dann in einem ganz konkreten Beispiel deutlich. Paolo di Canio bejubelte einen seiner Treffer mit dem Hitlergruß. Im Anschluss stellte er klar, dass er damit „seine Leute“ grüßen wollte, ihnen zeigen wollte, dass sie „gesehen werden.“ Ein unvorstellbarer Eklat, der am Ende eine Geldstrafe des Verbandes über 10.000 Euro nach sich zog. Zuerst hatte man noch verkündet, dass es keine disziplinarischen Maßnahmen geben solle. Eine nicht wirklich abschreckende Maßnahme, was sich spätestens zeigte als Di Canio diesen Torjubel im weiteren Verlauf seiner Karriere wiederholte.

Auf der anderen Seite dann der Torjubel von Lucarelli. Der Goalgetter bejubelte seine Tore mit der geballten, kommunistischen Faust. Zumindest bis der Verband ihm dafür eine Geldstrafe von 30.000 Euro aufdrückte und ihm den Jubel verbot, übrigens zum damaligen Zeitpunkt ohne explizite Grundlage im Regelwerk. Schon 2005 galt in Italien und für Berlusconi, dass man einen Faschisten, wenn es denn öffentlich ganz dringend nötig wurde, ein wenig rüffeln musste. Gegen einen Antifaschisten hingegen musste rigoroser agiert werden. Auch die weitere Karriere von Di Canio macht dies noch einmal deutlich. Trotz mehrfachem Hitlergruß, Mussolini-Fantum und Benennung zum Faschismus war er noch 2013 Trainer bei Sunderland geworden und agierte sogar bis 2016 als Fernsehexperte in Italien. Dann wurde ihm ein faschistisches Tattoo zum Verhängnis, als hätte man ihn nicht zwei Jahrzehnte lang beinahe straffrei agieren lassen.

Aus der Geschichte um die Torjubel im Jahr 2005 lassen sich heute zwei ganz konkrete Lehren ziehen. Beide hätten lange vorher gezogen werden sollen. Erstens haben politische Akteure wie Berlusconi schon lange daran gearbeitet, den Faschismus in Italien wieder salonfähig zu machen und das jetzige, politische Aufblühen kommt beileibe nicht aus dem Nichts, hätte dementsprechend auch verhindert werden können. Und zweitens kann und darf man Faschisten nie gewähren lassen, nie ihre Taten relativieren, nie das Gefühl eines möglichen Diskurses, einer Integration aufkommen lassen. Nur so kann man das Gift aussaugen.

PAOLO COCCO/AFP via Getty Images

Julius Eid

Seit 2018 bei 90PLUS, seit Riquelme Fußballfan. Gerade die emotionale Seite des Sports und Fan-Themen sind Julius‘ Steckenpferd. Alleine deshalb gilt: Klopp vor Guardiola.

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