Bilanzfälschung, Chaos – Zwangsabstieg? Fragen und Antworten zum Juventus-Beben

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Juventus Turin bestimmte am Montagabend die Schlagzeilen. Und das, obwohl aktuell eine Weltmeisterschaft stattfindet. Den Bianconeri droht großes Chaos, unter anderem haben Andrea Agnelli und Pavel Nedved ihre Ämter niedergelegt. 

Am Montagabend schlugen Meldungen aus Italien hohe Wellen. Andrea Agnelli (46), Präsident von Juventus, trat von seinem Posten zurück. Gleiches galt für Pavel Nedved (50), den Vizepräsidenten. Teile des Vorstands folgten ihnen. Doch was war der Auslöser für die Rücktritte? Und welche Konsequenzen drohen den (Ex-)Verantwortlichen?

Juventus: Was sind die Hintergründe der Rücktrittswelle?

Rein sportlich schrieb Juventus in dieser Saison schon nur durchwachsene Schlagzeilen. Massimiliano Allegri (55), nach seiner Rückkehr als Hoffnungsträger auserkoren, konnte dieser Mannschaft nach 1 1/2 Jahren noch immer keine klare Struktur verleihen. Die Einkaufspolitik warf Fragen auf, in der Champions League war schon in der Gruppenphase Schluss – und das deutlich. Eine Entlassung des Trainers? Unmöglich. Denn Juventus kann sich eine Abfindung nicht leisten. Zumindest nicht, ohne sich anderweitig einzuschränken. Wie verzwickt die Situation wirklich ist, kommt erst jetzt nach und nach heraus.



Die Jahresabschlüsse des Vereins wurden nämlich in den letzten Monaten von der Staatsanwaltschaft und der italienischen Marktaufsichtsbehörde wegen angeblicher Bilanzfälschung und Marktmanipulation untersucht. Der Druck auf die Verantwortlichen wuchs zuletzt zunehmend. Die Untersuchungen betrafen „Einnahmen aus Spielerregistrierungsrechten“ zwischen 2019 und 2021, Juventus stritt die Vorwürfe natürlich ab. Doch selbst ohne zwielichtige Geschäfte und Fehlverhalten war die Bilanz mit einem Verlust von weit mehr als 200 Millionen Euro schockierend schlecht, sorgte für einen Negativwert im italienischen Fußball.

Juventus verschob die Aktionärsversammlung, die Verantwortlichen zogen die Konsequenzen. In einer Meldung des an der italienischen Börse notierten Klubs hieß es, dass die Rücktritte erfolgten „nachdem die Wichtigkeit und Relevanz der anhängigen rechtlichen und buchhalterischen Fragen in Betracht gezogen wurden.“ Der scheidende Vorstand sei zudem der Ansicht, es wäre besser, die Probleme mit einem neuen Vorstand zu lösen. Laufen Nedved und co. hier vor den Problemen weg, die sie sich selbst eingebrockt haben? Oder steckt mehr dahinter?

Wie sieht die Umstrukturierung bei der Vecchia Signora aus?

Die Veränderungen auf der Vorstandsebene werden den Klub nicht unvorbereitet getroffen haben. Eine solche Entscheidung wird nicht über Nacht gefällt. Deswegen erklärte Juventus in der Pressemitteilung auch schon einige Veränderungen. Maurizio Scanavino wurde zum neuen Generaldirektor ernannt, der das Management stärken soll. Zudem hat der Verwaltungsrat Maurizio Arrivabene gebeten, die Position des CEO beizubehalten.

Juventus Agnelli

(Photo by Valerio Pennicino/Getty Images)

Exor, die Holdinggesellschaft der Familie Agnelli, die Juventus kontrolliert, hat außerdem in einer Mitteilung bekannt gegeben, dass Gianluca Ferrero der neue Präsident der Vecchia Signora wird. Dieser verfüge „über eine solide Erfahrung und die notwendigen technischen Fähigkeiten sowie eine echte Leidenschaft für den Verein Juventus, die ihn zur am besten geeigneten Person für diese Position machen.“ Er stammt aus Turin und ist bereit, das Erbe von Andrea Agnelli anzutreten. Auf einer neu angesetzten Generalversammlung im Januar sollen dann endgültig die Weichen für die Zukunft gestellt werden, bis dahin dürfte sich rein personell noch einiges tun.

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Was sind die möglichen Konsequenzen für den Klub?

Das ist aktuell noch nicht ganz klar. Bekannt ist, dass 16 Angeklagten der Prozess droht. Darunter eben Agnelli und Nedved. Dass die Rücktritte also auch dazu dienen, Schaden vom Klub fernzuhalten, darf zumindest angenommen werden. Die Staatsanwaltschaft prüft die Unterlagen, die den Fall betreffen, jedenfalls ausführlich. Nach dieser Prüfung wird entschieden, ob es zu einer Wiederaufnahme kommt. Die neuesten Erkenntnisse werden dabei eine große Rolle spielen. Die Bandbreite möglicher Konsequenzen ist groß und orientiert sich an der Anzahl und der Schwere der potenziellen Vergehen,

Laut der Gazzetta dello Sport könnte das Beben von Juventus auch größere sportliche Auswirkungen haben. Chefankläger Giuseppe Chiné wird die Unterlagen analysieren und versuchen, diese zu verstehen. Sollten sich Anhaltspunkte ergeben, die den Straftatbestand beweisen, könnte er sich an das Bundesgericht wenden. Auch der zweite Strang der Ermittlungen, bei dem es um die für Covid ausgesetzten, später „zurückgezahlten“ Gehälter einiger Spieler geht, wird separat geprüft. 

Doch nun zu den Konsequenzen. Im besten Fall passiert gar nichts, die Anklage wird fallen gelassen. Sollten Verstöße gegen die Geschäftsführung und Wirtschaftsordnung festgestellt werden, gibt es mehrere Möglichkeiten. Von einem Punktabzug über eine hohe, den Verein treffende Geldstrafe mitsamt Sperre beteiligter Manager bis hin zu einem Zwangsabstieg ist alles vorstellbar, je nach Vergehen. Und selbst das bildet nur einen geringen Teil des Spektrums möglicher Strafen ab. Zur Erinnerung: Schon 2006 mussten die Bianconeri den Gang in die Serie B antreten, verloren zudem zwei Meisterschaften. 

Juventus: Was wird aus Trainer Allegri?

Neben potenziellen Sanktionen stehen auch Spieler und Trainer vor einer ungewissen Zukunft. Welche Ausrichtung die neue Vereinsführung bevorzugt, lässt sich aktuell noch nicht absehen, dafür ist das Chaos noch zu frisch. Zudem ist die Umstrukturierung noch nicht vollzogen, nur bei ersten Personalien herrscht Klarheit. Die Zeiten für Trainer Allegri dürften jedenfalls nicht einfacher werden, schließlich sind alle handelnden Personen, die für seine Einstellung und das Festhalten an seiner Person verantwortlich waren, nicht mehr im Klub.

Außerdem könnten Geldstrafen und Sanktionen dafür sorgen, dass die Mannschaft nicht verstärkt werden kann. Unter Umständen gibt es sogar die Verpflichtung zum Verkauf von Spielern, um die Bilanz einigermaßen im Rahmen zu halten. Hohe Gehälter an Spieler zahlt Juventus ohnehin. Die Gesamtsituation könnte sich also weiter verschlechtern. Ein mögliches Szenario ist ein Neuanfang mit einem neuen Trainer, dem Fokus auf die Ausbildung und Einbindung einiger junger Spieler. In diesem Fall wäre selbst eine Abfindungszahlung an den aktuellen Chefcoach vorstellbar. Bevor das aber entschieden wird, passiert rund um Juventus noch einiges.

(Photo by MARCO BERTORELLO/AFP via Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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