Dienstag, Oktober 27, 2020

Arsenal | Was wäre wenn – Die Geschichte des Abou Diaby

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Chris McCarthy
Chris McCarthy
Chefredakteur

Spotlight | Als Abou Diaby 2006 zum FC Arsenal wechselte, trat er in die großen Fußstapfen des langjährigen Kapitäns Patrick Vieira. Schon früh deutete er an, sie füllen zu können. Doch am Ende blieb nur die Frage: Was wäre wenn?

Highbury Square, London, 16. Mai 2019. Wo früher das kuschelige wie traditionsgeladene Highbury Stadium des FC Arsenal stand, sind nun Luxuswohnungen angesiedelt. In der Mitte des Komplexes, dort wo sich der Rasen befand, ist mittlerweile ein kleiner Park. Der ehemalige Mittelfeldspieler Abou Diaby nimmt auf einer Treppe platz und blickt für die Website der Gunners auf seine Karriere zurück.

„Hier sind viele Emotionen“, erklärt der Franzose mit einem Lächeln, das nur die halbe Geschichte erzählt. Denn wenn man an Abou Diaby denkt, dann taucht nämlich automatisch eine Frage auf: “Was wäre wenn?”. Was wäre, wenn die unzähligen Verletzungen nicht gewesen wären?

„Für Arsenal zu spielen, dadurch wurde ein Traum wahr“, erklärt der mittlerweile 34-Jährige, doch auch bei ihm folgt im gleichen Atemzug der Zusatz: „Ich schäme mich nicht dafür, zu sagen, dass ich einer der Besten der Welt werden wollte. Ich habe es nicht geschafft, da ich viele Verletzungen hatte. Aber wie wir im Französischen sagen: Mit den ‚Wenns‘ kannst du die Welt neu erzählen.“

(Photo FRANCK FIFE/AFP/GettyImages)

Arsenal: Diaby sollte Vieira beerben

Diabys Geschichte beginnt mit einer Vereinsikone des FC Arsenal: Patrick Vieira. Neun Jahre marschierte Vieira mit seinen schier endlosen Beinen im Arsenal-Trikot über die Mittelfelde der Premier League. Wie ein Turm ragte er aus der Mannschaft der Gunners heraus, war der unangefochtene Leader und die treibende Kraft der erfolgreichsten Mannschaft in der Geschichte der Londoner. Vieira hatte alles: Übersicht, einen harten Schuss, Kopfballstärke, Dynamik, ein Zweikampfverhalten, mit dem er sich heutzutage an der Grenze bewegen würde und unbändigen Willen.

Als der Franzose den FC Arsenal im Sommer 2005 verließ, entstand im Mittelfeld eine Lücke. Und obwohl ein 18-jähriger Cesc Fabregas das Loch im Mittelfeld durch spielerische Brillanz und Kreativität zu stopfen wusste, wurde schnell klar, dass die physischen Komponenten eines Patrick Vieira fehlten. Das erkannte auch Arsene Wenger, der schon im Winter darauf für 3 Millionen Euro einen schlaksigen, 19-jährigen Franzosen vom AJ Auxerre verpflichtete: Abou Diaby.

Die Parallelen zwischen Diaby und Vieira waren schnell gezogen, sowohl visuell als auch spielerisch. Selbst Trainer Arsene Wenger konnte das nicht von der Hand weisen: “Seine Fähigkeit, den Ball zurückzuerobern ist genauso wie Vieiras. Er ist in der Lage, sehr schnell von Defensive zum Angriff zu wechseln und hat von Box zu Box eine fantastische Kraft, niemand kann mit ihm mithalten. Diaby ist etwas offensiver als Vieira, aber wenn er eine defensivere Rolle spielt, ist er ihm sehr ähnlich.“

(Photo by Paul Gilham/Getty Images)

Der Moment, der alles veränderte

Es dauert nicht lange, da stellte das Abou Diaby als 19-Jähriger in einem fremden Land und einer neuen Liga ohne Eingewöhnungszeit unter Beweis. „Der Druck war da“, erinnert sich Diaby an die Vergleiche zu Vieira und ergänzt: „Patrick Vieira ist hier ein Monument. Aber ich wollte einfach ich selbst sein und das hat den Druck gelöst.“

Wie entfesselt spielte sich ein unbekümmerter Diaby in der Mannschaft fest. Am 37. Spieltag der Saison stand er auswärts gegen den AFC Sunderland zum vierten Mal in Folge der Startelf.

Diaby zeigte den nächsten verheißungsvollen Auftritt, verhalf Arsenal zu einer bequemen 3:0-Führung. In der 90. Minute war das Spiel bereits gegessen, Diaby fängt in der eigenen Hälfte einen Pass ab und marschiert mit seinen unnachahmlich langen Schritten in Richtung Außenlinie. Sunderland-Verteidiger Dan Smith rauscht auf Höhe der Mittellinie an und springt mit offener Sohle in den rechten Knöchel Diabys. Der Franzose geht zu Boden, seine Schreie sind über die Außenmikrofone klar zu hören.

Schließlich steht Diaby auf und humpelt an die Seitenlinie, rückblickend ein Wunder, denn sein rechter Knöchel war gebrochen, ausgerenkt und hing unnatürlich an seinem Bein. Für das rücksichtslose wie überharte Einsteigen gab es übrigens lediglich Gelb.

(Photo BRIAN HEPPELL/AFP via Getty Images)

“Ich wusste, dass etwas anders ist”

Diaby muss Luft holen, wenn er sich an diesen Tag vor 14 Jahren erinnert, denn dieser würde alles verändern. „Es hatte natürlich einen großen Einfluss auf meine Karriere. Ich war damals jung, erst 19. Du bist verletzt und du denkst, ich werde behandelt und kehre auf den Platz zurück.“

Nach neun Monaten Reha kehrte Diaby 2007 tatsächlich zurück, doch der Schaden war angerichtet. „Als ich zurückkehrte, wusste ich, dass etwas anders ist. Ich habe viel Flexibilität im Knöchel verloren, war nicht mehr so schnell. Ich wusste, dass sich etwas verändert hatte.“

Doch das war nicht alles. Er hatte ein biomechanisches Problem. Sein Körper war nicht ausbalanciert, sein eines (kürzeres) Bein wurde nun mehr belastet als das andere, was Folgen hatte. Nachdem sich Diaby zurückkämpfte, wurde er plötzlich immer wieder zurückgeworfen: „Ich war plötzlich oft verletzt, hatte muskuläre Probleme. [Der Unfall] hat definitiv damit zu tun, davor wusste ich nicht mal was muskuläre Verletzungen sind.“

Zerrungen, Faserrisse in der Wade, dem Oberschenkel oder in den Adduktoren sowie ein erneuter operativer Eingriff an seinem lädierten Knöchel: Insgesamt 114 Spiele verpasste Diaby zwischen 2008 und 2012, darunter auch die Europameisterschaft 2008.

„Du bist jung, träumst einer der besten Spieler zu sein, spielst für eine großartige Mannschaft. Plötzlich merkst du, dass es schwer wird, das Ziel zu erreichen, da etwas mit deiner Gesundheit, deinem Körper nicht stimmt. Es beeinflusst dich mental.“

Hoffnungsschimmer für Arsenal und Diaby

Nachdem er beinahe die komplette Saison 2011/2012 aussetzen musste, erlebten Diaby und Arsenal 2012 einen Hoffnungsschimmer. Am dritten Spieltag der Saison 2012/2013 stand er das dritte Mal in Folge in der Startelf. Beim 2:0-Auswärtssieg gegen den FC Liverpool demonstrierte er mit einer Meisterleistung sein unglaubliches Potential.

Mit einer einzigartigen Mischung aus Power und Eleganz dominierte er das Mittelfeld. Dabei ließ er mit Körpertäuschungen, die ein Mann mit 1,91 Metern Körpergröße so nicht ausüben können dürfte, regelmäßig seine Gegner aussteigen, marschierte mit enger Ballkontrolle über das Feld, hatte das Auge für seine Mitspieler und zerstörte durch defensives Bewusstsein den Rhythmus des Gegners.

„Er hat absolut alles, was du im Mittelfeld willst“, sagte Wenger nach dem Spiel. Und auch Diaby war die Freude aus dem Gesicht zu lesen, Freude und Dankbarkeit: „Ich muss mich beim Trainer bedanken, weil ich unglaublichen Rückhalt genieße und als Spieler ist es wichtig, das zu haben, auch von den Mitspielern. Ich möchte Spaß haben, weil ich Fußball liebe und ich möchte dem Klub, dem Trainer und meinen Mitspielern zurückzahlen.“

Brutale Rückschläge

Ausgerechnet in der Saison 2012/2013, in der Diaby seine langwierigen Probleme endgültig hinter sich zu lassen schien, schlug das Pech, das ihn nun sieben Jahre begleitet hatte, mit all seiner schonungslosen Brutalität zu.

Nur drei Spiele nach seiner „Man of the Match“-Vorstellung gegen Liverpool musste Diaby gegen Chelsea nach 17 Minuten ausgewechselt werden: Eine Oberschenkelverletzung, die ihn 104 Tage außer Gefecht setzen würde. Wieder kehrte er zurück, nur um den endgültigen K.O.-Schlag zu erfahren: Kreuzbandriss im Training. Abou Diaby sollte in den kommenden zwei Jahren noch zwei Pflichtspiele absolvieren.

„Ich habe oft das Trainingsgelände verlassen, nachgedacht und Tränen liefen herunter“, erinnert sich der sanftmütige Riese und ergänzt: „Ich dachte, ich bin nicht aus dem richtigen Grund hier. Ich war nicht hier, um immer verletzt zu sein. Ich war hier, um Fußballspielen zu genießen.“

(Photo by Shaun Botterill/Getty Images)

“Einer der traurigsten Momente bei Arsenal”

Im Sommer 2016 war die Geduld des FC Arsenal am Ende. Diabys Vertrag wurde nicht verlängert. „Es ist für uns einer der traurigsten Momente bei Arsenal, weil wir nicht die Möglichkeit hatten, wegen Verletzungen das Beste aus Abou Diaby herauszuholen“, sagte Arsene Wenger zum Abschied des damals 31-Jährigen und betonte: „Ich bin sehr traurig, weil dieser Junge ein unglaubliches Talent ist. Ich bin traurig, weil er das nicht verdient hat. Er war jede Nacht zu Hause, bereitete sich jeden Tag gut vor und wurde nicht belohnt. Er war das Nächste, was wir hier zu Patrick Vieira hatten, mit offensivem Potential.“

Nach neun Jahren und nur 180 Pflichtspielen für den FC Arsenal musste Diaby fernab von London weiterkämpfen. Im Alter von 31 Jahren unternahm er einen letzten Angriff, verdiente sich einen Vertrag bei Olympique Marseille. Doch auch hier sollte es nicht sein. Nach zwei Jahren, nur fünf Einsätzen und einer erneuten Operation am Knöchel war Schluss.

Diaby kämpfte bis Februar 2019 vergebens um seine Karriere, dann hing er die Schuhe an den Nagel. “Ich habe mich dazu entschieden, aufzuhören, weil mein Körper nicht mitmacht“, erklärte er in einem Statement.

(Photo FRANCK PENNANT/AFP via Getty Images)

Diaby kann lächeln

Zurück in London, an der Stelle, wo sein Stern aufzugehen schien, zeigt sich Diaby nach seinem Karriereende nachdenklich: „Ich wollte die Spitze erreichen, sehen wie weit ich kommen kann, das hat natürlich frustriert.“

Die Frage nach dem „Wenn“ stellt sich für ihn allerdings nicht. „Im Leben hat man entweder etwas gemacht oder man wird es machen. Mit „Wenns“ und „Abers“ macht man gar nichts. Ich habe so viel gelernt. Ich habe nicht das fussballerische Level erreicht, das ich wollte. Aber als Mann habe ich so viel gelernt.“

Er ist im Reinen mit sich. Und dann taucht auch wieder dieses Lächeln auf, ein Lächeln, das dieses Mal die ganze Geschichte erzählt: „Ich bin dankbar. Wir reden immer über Verletzungen und Probleme, aber ich fühle mich privilegiert und ich bin dankbar für alle Menschen, die mir dabei geholfen haben, Fußball zu spielen. Das war mein Traum.“

Chris McCarthy

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