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Premier League: ManCitys wacklige Dynastie, Brightons neues Level und Firminos Ausstand

23. Mai 2023 | Trending | BY Chris McCarthy

Fünf Awards zum 37. Spieltag der Premier League: ManCitys Dynastie und das Damoklesschwert, das darüber hängt.

„Dynastie unterm Damoklesschwert“-Award: Manchester City

Am Samstag war es bereits so weit. Da der FC Arsenal auch bei Aufsteiger Nottingham Forest patzte (0:1), feierten die Spieler von Manchester City nach einem lange spektakulären Titelrennen ganz unspektakulär den Gewinn der dritten Meisterschaft in Folge. Zum erst dritten Mal in der Geschichte des englischen Fußballs holte eine Mannschaft fünf Meisterschaften in sechs Jahren. Und das bei unzähligen Rekorden.



Im US-Sport würde man von einer Dynastie sprechen. Womöglich eine auf dem Höhepunkt, so überwältigend ist 2022/2023 die Spielkontrolle, so tödlich der Angriff durch Erling Haalands Ankunft zugleich. In das FA-Cup-Finale sind die Cityzens ohne ein einziges Gegentor eingezogen, in der Champions League wurde durch reifen Verwaltungsmodus (bspw. Rückspiel Bayern) und Machtdemonstationen (Real Madrid) ebenfalls das Endspiel erreicht. In der Premier League wurde im Schlussspurt einen Gang hochgeschaltet, die letzten zwölf Spiele allesamt gewonnen – dass für den letzten Sieg am Sonntag über Chelsea (1:0) eine B-Elf genügte, spricht Bände.

Betrachtet man sich die schier endlosen finanziellen Ressourcen, die individuelle Qualität und Tiefe des Kaders, so fällt es schwer zu glauben, dass diese himmelblaue Dominanz in absehbarer Zeit enden wird. Wäre da nicht dieses gewaltige Damoklesschwert, das darüber schwebt.

Eines, das bei all dem sportlichen Glanz zu sehr in Vergessenheit gerät. Auch für BBC-Journalist Ros Atkins, der wohl gezielt dieses Wochenende wählte, um in einem Video daran zu erinnern: Die Premier League wirft Manchester City vor, zwischen 2009 und 2018 in über 100 Fällen gegen finanzielle Richtlinien verstoßen zu haben (90PLUS beantwortete alle Fragen). Die Anschuldigungen sind erheblich, die potenziellen Folgen – über Punkt- und Titelabzug bis Zwangsabstieg – möglicherweise sogar existenzbedrohend.

Doch so scharf die Klinge des Schwerts ist, so schwer sind offenbar die Hebel, die es in Bewegung bringen. Der Prozess der Beweisfindung zieht sich in die Länge, der Verein wehrt sich und klagt. Es könnte Jahre dauern, ehe es zu einem Urteil kommt. Und so lange das der Fall ist, hinterlässt jeder Titel und Rekord dieser Dynastie einen bitteren Beigeschmack.

„(Fast) perfekter Ausstand“-Award: Roberto Firmino

Als Roberto Firmino bei seinem letzten Heimspiel für den FC Liverpool in der 89. Minute zum 1:1-Ausgleich gegen Aston Villa traf, schien der Ausstand für den Brasilianer so perfekt zu werden wie seine weißen Zähne. Doch die Reds verpassten trotz zehn Minuten Nachspielzeit den Sieg. Die Champions League, deren „Melodie wir nicht mal hören konnten, so weit war sie weg“ (Jürgen Klopp), sie wird 2023/2024 trotz furioser Aufholjagd wohl ohne Liverpool stattfinden. Die Top-Four sind einen Spieltag vor Schluss drei Punkte entfernt (Manchester United) – bei einem mehr absolvierten Spiel.

Als der Kader nach dem Spiel Spalier stand, um Firmino zusammen mit Naby Keita, Alex Oxlade-Chamberlain und James Milner zu verabschieden, geriet das in Vergessenheit. Zu groß waren die Verdienste der Spieler, vor allem von Firmino, der 2015 von der TSG Hoffenheim kam und von den Rängen den größten Applaus erhielt. „Bobby ist Bobby. Ich werde alle vermissen. Es ist besser, dass wir bei ihrem Abschied traurig sind als glücklich“, sagte Klopp, der die Leistungen Firminos als „verrückt“ bezeichnete.

Als Stürmer, der eher für Fleiß, Uneigennützigkeit und Spielverständnis stand, brachte es Firmino auf 110 Tore und 79 Vorlagen in 361 Spielen. Er ist neben Steven Gerrard und Mohamed Salah einer von nur drei Liverpool-Spielern, der in der Premier League an mehr als 100 Toren beteiligt war.

Als Konstante, die in der Ära Klopp die meisten Liverpool-Spiele absolvierte, war der 31-Jährige maßgeblich daran beteiligt, dass der FC Liverpool 2019 die Champions League und 2020 erstmals seit 30 Jahren die Meisterschaft gewann.

„Neues Level“-Award: Roberto De Zerbi

Der „Brentry“ ist perfekt! Brighton & Hove Albion wird nach dem 3:1-Erfolg über den FC Southampton 2023/2024 europäischen Fußball spielen. Die Teilnahme an der Europa League ist einen Spieltag vor Schluss gesichert.

Den Grundstein legte Tony Bloom, studierter Mathematiker, Pokerspieler und seit 2009 Hauptanteilseigner seines Lieblingsvereins Brighton. 2017 führte er den Klub von der Südküste Englands nach 34 Jahren wieder in die erste Liga und nun erstmals in der 122-jährigen Vereinsgeschichte nach Europa.

Ein datenbasiertes Scouting, das zudem weit über den Tellerrand anderer Klubs hinausblickt, ist die Basis. Das gilt vor allem für Leistungsträger wie Flügelspieler Kaoru Mitoma (3 Mio. Euro Ablöse, Kawasaki Frontale, Japan) sowie die Mittelfeldspieler Moisés Caicedo (5 Mio., Independiente, Ecuador) und Alexis Mac Allister (8 Mio., Argentinos Juniors, Argentinien). Aber auch für die Trainer.

Unter Graham Potter, der seine Anfänge in Norwegen machte und während der Saison dem verhängnisvollen Lockruf des FC Chelsea folgte, wurde Brighton eine der attraktivsten Mannschaften der Insel. Mit Nachfolger Roberto de Zerbi, der mit viel Zweifeln von Shakhtar Donetsk anheuerte, wurde diese Saison die Entwicklung sogar vorangetrieben. Die Seagulls sind resilienter und nicht nur wegen der zehn Tore des 18-jährigen Evan Ferguson nun auch effizienter. Nur ManCity (93), Arsenal (83) und Liverpool (71) haben mehr Treffer erzielt als Brighton (70).

„Er hat uns auf ein neues Level gehievt, mit seiner Spielweise und Mentalität – das ist der größte Teil davon“, sagte Verteidiger Adam Webster bei der BBC über De Zerbi. „Er hat uns dazu gebracht, daran zu glauben, dass wir es schaffen können.“

„Gekommen, um zu bleiben“-Award: Die Aufsteiger der Premier League

Bei den meisten Saisonprognosen vergangenen Sommer fanden sich unter den Abstiegsplätzen der Premier League mindestens einer, wenn nicht alle Aufsteiger wieder: Der FC Fulham, der AFC Bournemouth und Nottingham Forest.

Ein Spieltag vor Schluss steht nun fest, dass alle drei Teams gekommen sind, um zu bleiben. Erst zum vierten Mal in der Geschichte des Wettbewerbs werden alle Aufsteiger auch die Klasse halten können.

Allen drei Teams, vor allem aber den Trainern, gebührt hierfür großer Respekt: Marco Silva brachte Dauerfahrstuhlmannschaft Fulham endlich Kontinuität, Interimstrainer Gary O’Neil dem wankenden AFC Bournemouth Stabilität. Den schwersten Job hatte allerdings wohl Steven Cooper, der Forest nicht nur 2021/2022 vom letzten Platz der Championship zur Premier League führte, sondern die schier unmögliche Aufgabe bewältigte, 22 Sommer-Neuzugänge (und sieben Winterneuzugänge) zu integrieren.

Manche schlugen ein (Morgan Gibbs-White, Taiwo Awoniyi), andere weniger (Jesse Lingard oder Lewis O’Brien) und viele Formationen scheiterten. Aber Cooper gelang es rechtzeitig, die richtige Formel zu finden und eine Einheit zu formen. Dank des 1:0-Siegs über ein sichtlich ausgelaugtes Arsenal – und trotz lediglich 19 Prozent Ballbesitz – wurde schon am vorletzten Spieltag der Klassenerhalt gesichert.

„Blown Leads United“-Leeds United

Wieder eine Führung und damit die Chance auf den Klassenerhalt verspielt? Auch Feuerwehrmann Sam Allardyce konnte die größte Schwäche der Whites nicht beheben: die Defensive. Kein Team der Premier League hat mehr Gegentore kassiert (74).

Das ist auch der Grund, weshalb Leeds United so viele Führungen verspielt (englisch: blown leads). Am Sonntag gegen West Ham United wurde aus einem 1:0 ein 1:3 und die nächsten drei Zähler hergegeben – 25 sind es in dieser Saison bislang an der Zahl, die meisten der Liga. Und ausgerechnet in der heißen Phase des Abstiegskampfs wurden nur zwei der letzten neun Spiele, in denen Leeds das erste Tor erzielte, tatsächlich auch gewonnen.

Das dürfte zu wenig sein. Am letzten Spieltag hat Leeds United (31 Punkte, -27 Tore, Tottenham zu Hause) im Fernkampf mit Leicester City (31, -18, West Ham zu Hause) und Everton (33, -24, Bournemouth zu Hause) um den einzigen verbleibenden Platz in der Premier League die schlechteste Ausgangslage.

 

 

(Photo by Michael Regan/Getty Images)

 

Chris McCarthy

Gründer und der Mann für die Insel. Bei Chris dreht sich alles um die Premier League. Wengerball im Herzen, Kick and Rush in den Genen.


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