Champions League | Barcelonas taktische Schnitzer kosten das Achtelfinalticket

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Spotlight | 3:3 trennten sich der FC Barcelona und Inter Milan am Mittwochabend des 4. Champions-League-Spieltags. Mit diesem Ergebnis sind die Katalanen so gut wie ausgeschieden. Grund dafür sind eklatante taktische Unzulänglichkeiten.

Stellungsfehler und individuelle Patzer: Barcelona lässt Inter jubeln

Ousmane Dembélé jubelte ausgelassen, Xavi sprang an der Seitenlinie auf und ab. Man konnte sehen, wieviel jedem im Camp Nou der Führungstreffer gegen Inter bedeutete. Das Hinspielresultat war ausgeglichen und Barcelona mit diesem Ergebnis zurück im Rennen ums Achtelfinale.

Eigentlich hätte man erwarten dürfen, dass Barcelona nach der Pause erst recht gewillt ist, Druck zu machen, um die Partie frühestmöglich zu entscheiden. Man konnte bereits am 1. Spieltag, beim Duell gegen den FC Bayern erkennen, dass Inter in diesen Situationen durchaus anfällig ist. Zudem hätte den Katalanen lediglich ein Treffer gefehlt, um auch den direkten Vergleich auf die eigene Seite zu ziehen. In diesem Fall hätte Inter angreifen müssen und Barcelona die eigene Schnelligkeit, vor allem über Ousmane Dembélé und Raphinha, ausspielen können.

 



 

Der Tisch war gedeckt. Statt sich zu bedienen, standen die Katalanen auf und gingen. Die zweite Hälfte war vor allem durch unerklärliches, taktisches Fehlverhalten geprägt. Am 2. Spieltag hatte der FC Barcelona vor der Pause in München alles unter Kontrolle, übte ein herausragendes Mittelfeldpressing aus, mit dem der FC Bayern – auch bedingt durch eigene Unsauberkeiten – nicht zurechtkam. Davon war genau dann, als es ums Weiterkommen ging, kaum etwas zu sehen. In Minute 50 durfte sich Alessandro Bastoni den Ball zweimal zurechtlegen, weil er weder von Pedri, noch Raphinha ernsthaft gestört wurde. Was Gerard Piqué bei der darauffolgenden Flanke bezwecken wollte, weiß wohl nur er selbst. Der einstige Weltklasseverteidiger ist inzwischen weit über seinen Zenit hinaus, hob in einer Aktion nicht nur das Abseits auf, sondern vergaß in seinem Rücken Nicolò Barella komplett.

Vor dem 1:2 eskortieren vier Mann in Blaugrana Hakan Çalhanoğlu, bevor der Ex-Hamburger und -Leverkusener eine Seitenverlagerung auf Lautaro Martínez schlug, die eigentlich nie hätte ankommen dürfen. Stattdessen ließ sich Eric García düpieren. Das Glück, dass der Ball von beiden Innenpfosten ins Tor prallt, haben sich die Gäste in dieser Situation verdient – Barcelona durch komplette Teilnahmslosigkeit allerdings auch.

Dem Fass den Boden schlug allerdings das 2:3 aus. 87:50 waren auf der Uhr, als André Onana eine Flanke von Ousmane Dembélé abfing.

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…56. Erst jetzt entschloss sich Inters Keeper zum langen Abschlag. Man sollte meinen, die Katalanen wären bis dahin längst sortiert, vor allem bei dem, was auf dem Spiel steht. Stattdessen bekam Lautaro Martínez ein Eins-gegen-Zwei, das er mit einem herrlichen Pass auf den links gestarteten Robin Gosens auflöste. Druck auf den Ball? Bewusstsein für die Situation? Beides Fehlanzeige.

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Nur Lewandowski und ter Stegen halten Barcelona im Spiel – Champions League trotzdem passé?

Dass Barcelona an diesem Abend nicht hoffnungslos untergegangen ist, haben sie einerseits Robert Lewandowski zu verdanken, der mit seiner individuellen Weltklasse reaktionsschnell einen flippernden Ball zum 2:2 versenkte und kurz nach dem 2:3 bei einer Halbfeldflanke Eric Garciás herausragend per Kopf zur Stelle war. Beide Situationen hatten mit geordnetem Spiel allerdings nicht viel zu tun.

Der zweite Protagonist des Abends für Barcelona heißt Marc-André ter Stegen. In Minute 94 luchste Lautaro Martínez Pedri die Kugel ab. Das reichte, um – im Verbund mit Kristian Asllani und dem Ex-Dortmunder Henrikh Mkhitaryan – ein Drei-auf-Zwei zu kreieren. Inters Leihgabe aus Empoli hätte eigentlich nur noch nach links schieben müssen, weil Frenkie de Jong die Kugel passieren ließ und Eric García einmal mehr im Niemandsland stand. Zum katalanischen Glück versuchte es Asllani selbst, sodass ter Stegen sehenswert parieren konnte.

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Photo by David Ramos/Getty Images

Es ist aber bei Weitem nicht das erste Mal, dass Barcelona in einem must-win solche Lücken offenbart. Vergangene Saison, im ersten Champions-League-Spiel Xavis, fanden sie sich gegen Benfica in einer ähnlichen Situation wieder. Erneut reichte eine einfache Balleroberung, um Barcelona defensiv komplett auszuhebeln. Darwin Núñez und Haris Seferović bekamen ein Zwei-gegen-Eins, das der Ex-Frankfurter letztlich vergab.

Natürlich hilft das Fehlen von Akteuren wie Ronald Araújo, Jules Koundé oder Andreas Christensen nur bedingt. Aber auch von den Akteuren, die auf dem Platz stehen, dürfte man erwarten, dass sie sich ihrer Situation bewusst sind.

Mit diesem Remis wahrt sich Barcelona eine Resthoffnung aufs Achtelfinale, die aber verschwindend gering ist. Sie müssten darauf hoffen, dass Viktoria Plzeň in San Siro punktet, weil sie den direkten Vergleich mit Inter 3:4 verloren haben. In nunmehr vier Saisons, respektive elf Partien, gelang es den Tschechen lediglich zweimal auswärts Zählbares mitzunehmen: 2011/12 bei BATE Borisov (1:0) sowie 2018/19 bei ZSKA Moskau (2:1). In den bisherigen beiden Auswärtsspielen in Barcelona (1:5) sowie München (0:5) kassierten sie jeweils fünf Gegentore.

Selbst wenn ihnen Plzeň den Gefallen tun würde, müssten sie trotzdem noch am FC Bayern vorbei, den sie in ihrer bisherigen Vereinshistorie nur zweimal bezwingen konnten. Diese Situation haben sie sich letztlich selbst zuzuschreiben. Nach dem 5:1 über Viktoria Plzeň hatten sie die Gruppe eigentlich unter Kontrolle, konnten davon aber nicht profitieren.

Wenn es in zwei Wochen soweit ist und der FC Barcelona zum zweiten Mal hintereinander in die Europa League absteigen wird, dürfte das zu einem nicht unerheblichen Teil auf Xavi zurückfallen, der es nicht geschafft hat, seine Mannschaft auf dieses wichtige Spiel optimal einzustellen. Angesichts der Tatsache, dass nur einer der vier Klubs, Real Madrid, im Moment auf einem Achtelfinalplatz steht, darf in diesem Fall auch die Tabellenführung in La Liga nicht zu hoch bewertet werden.

Im Sommer hat der FC Barcelona viel riskiert. Trotzdem werden sie – einmal mehr – leer ausgehen. Man darf auf die Konsequenzen gespannt sein.

Photo by Eric Alonso/Getty Images

Victor Catalina

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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