WM 2022 | Hansi Flick bringt die Wende – spielerisch und stimmungstechnisch: Der Weg des DFB-Teams zum Turnier in Katar

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Spotlight | Letztlich locker und souverän qualifizierte sich das DFB-Team für die Weltmeisterschaft in Qatar mit neun Siegen und einem Remis. Der Rückblick auf den Weg der deutschen Mannschaft zur WM.

Die Niederlage gegen Nordmazedonien rundet das triste Frühjahr 2021 ab

Wir schreiben den 25. März 2021. Damals hieß der Bundestrainer Joachim Löw. Gut zwei Wochen zuvor hatte er angekündigt, sein Amt nach der Europameisterschaft niederlegen zu wollen. Zwei Missionen galt es für ihn allerdings noch zu bewältigen: sich mit einem guten Turnier zu verabschieden und die Mannschaft in der Qualifikation auf Weltmeisterschaftskurs zu bringen. Erstere Mission verlief überschaubar gut, letzte fing mit einem 3:0 über Island positiv an. Nach zwei äußerst frühen Treffern durch Leon Goretzka (3′) sowie Kai Havertz (7′) besorgte Ilkay Gündoğan (56′) in der zweiten Halbzeit den Endstand. Deutschland gestaltete die Angelegenheit zwar kontrolliert. Letztlich aber zeichnete sich das Ende von Löws 15-jähriger Amtszeit zunehmend ab.

 



 

In Bukarest (1:0) verzweifelte das DFB-Team noch an Rumäniens heroisch parierendem Torhüter Florin Niță und der eigenen Chancenverwertung. Anschließend lieferte Deutschland an einem tristen Winterabend in der leeren Duisburger Arena den dazu passenden Auftritt. Nordmazedonien hielt mit allem dagegen, was ein 65. der FIFA-Weltrangliste zu bieten hat und verdiente sich letztlich den 2:1-Sieg. Joachim Löws letztes Qualifikationsspiel endete in einer Niederlage.

Qatar 2022 Deutschland Nordmazedonien

Photo by Alex Grimm/Getty Images

Da die Europameisterschaft mit dem Achtelfinalaus gegen England (0:2) letztlich enttäuschend verlief, musste Hansi Flick bei seinem Debüt am 2. September 2021 in St. Gallen umso mehr Erwartungen befriedigen. Viele Fans fühlten sich nicht mehr zur Nationalmannschaft hingezogen oder adäquat von ihr repräsentiert. Daran dürfte auch der Auftritt gegen Liechtenstein zunächst wenig geändert haben. 41 Minuten lang hielt die Auswahl des Fürstentums aus Halbprofis und Amateuren leidenschaftlich dagegen, bis Timo Werner den Bann brach. Leroy Sané (77′) legte kurz vor Schluss nach. Flicks Einstand war ergebnistechnisch geglückt, mehr aber nicht.

Erst in den darauffolgenden Partien wurden Fortschritte ersichtlich. Allen voran, als man in Stuttgart den bisherigen Tabellenführer Armenien mit einem 6:0 nachhause schickte. Die DFB-Elf spielte wieder lockeren, befreiten Offensivfußball, was von den Rängen anerkannt wurde. Selbiges war auch, nach dem 4:0 in Reykjavík, beim 2:1 in Hamburg gegen Rumänien der Fall. „Obwohl wir mit 0:1 zurücklagen, wurde die Leistung honoriert. Als dann das 2:1 fiel, war es eine kleine Explosion“, freute sich Siegtorschütze Thomas Müller über den zurückgewonnenen Support. „Man hat die Verbindung gespürt, wir haben das sehr genossen.“

Deutschland macht als erstes Team die Qualifikation perfekt, Löw mit Gala verabschiedet

Diesen Flow nahm man über die letzten Qualifikationsspiele mit. In Skopje konnte das DFB-Team aufgrund der Tabellenkonstellation bereits den Gruppensieg und damit den sicheren Platz bei der WM klar machen. Mit Nordmazedonien hatte man zudem noch eine offene Rechnung aus dem Hinspiel. Die erste Hälfte gestaltete sich eher zäh. Fünf Minuten nach Wiederanpfiff brach Kai Havertz den Bann. Timo Werner beseitigte mit seinem schnellen Doppelpack (70′, 73′) sämtliche Restzweifel. Auch Jamal Musiala durfte sein erstes Länderspieltor erzielen. Somit war Deutschland die erste Nation, die sich für die Weltmeisterschaft qualifizieren konnte, mit zwei weiteren Spielen in der Hinterhand.

Im ersten davon, gegen Liechtenstein, war Zeit für die Dinge außerhalb des Wettbewerbs. Joachim Löw wurde von vielen ehemaligen Weggefährten offiziell verabschiedet. DFB-Interimspräsident Peter Peters überreichte ihm eine Plakette mit der Aufschrift „Jahrhunderttrainer“. Von seinem Ex-Team bekam er das Offensivfeuerwerk zu sehen, das im Hinspiel noch ausblieb. Liechtensteins Jens Hofer flog aufgrund eines brutalen Fouls im Strafraum an Leon Goretzka bereits in Minute 9 vom Platz. Ilkay Gündoğan verwandelte den fälligen Elfmeter sicher. Vor der Pause gestalteten ein Eigentor Daniel Kaufmanns (20′), Leroy Sané (22′) sowie Marco Reus (23′) die Angelegenheit standesgemäß. Abermals Sané (49′), Thomas Müller (76′, 86′), Ridle Baku per Traumtor im eigenen Stadion (80′) und ein weiteres Eigentor durch Maximlian Göppel (89′) erhöhten auf 9:0.

Qatar 2022 Deutschland Liechtenstein

Photo by STUART FRANKLIN/POOL/AFP via Getty Images

Zum Abschluss der WM-Qualifikation ging es nach Erewan. Auch diesmal ließ die Nationalelf wenig anbrennen. Zwar traf der Ex-Dortmunder Henrikh Mkhitaryan vom Punkt zum zwischenzeitlichen 1:3 (59′). Kai Havertz (15′), Gündoğan per Doppelpack (45’+4, Elfmeter/50′) und Jonas Hofmann (64′) gestalteten die Qualifikation letztlich rund. Zehn Spiele, neun Siege, 36:4 Tore. Die Weltmeisterschaft kann kommen.

Oder? Bei aller Konstanz und Spielfreude fehlte die Standortbestimmung gegen eine große Mannschaft. Das sollte vor allem in der Nations League nachgeholt werden – mit eher durchwachsenem Erfolg. Den einzigen Saisonsieg gab es in Mönchengladbach gegen Italien (5:2). Dazu kamen drei 1:1-Remis, die 0:1-Niederlage gegen Ungarn, die letztlich das Final Four kostete und ein überraschend spektakuläres 3:3 in Wembley. Havertz rettete den Punkt, obwohl das DFB-Team zwischenzeitlich 2:0 führte.

Gerade die letzten beiden Partien weckten, trotz der nahezu makellosen Qualifikation Zweifel, wie bereit das DFB-Team für die Weltmeisterschaft ist. Man präsentierte sich zu berechenbar und defensiv anfällig. Sowohl Ungarn als auch England konterten immer wieder gefährlich. Natürlich tat die Formschwäche des Bayern-Blocks, der zu jenem Zeitpunkt mit dem 0:1 in Augsburg sein viertes siegloses Bundesligaspiel in Folge hinnehmen musste, ihr Übriges. Auf Schalke (2:0) fuhren die Akteure des Rekordmeisters im letzten Topspiel 2022 hingegen ihren zehnten Pflichtspielsieg in Folge ein, sind also rechtzeitig zur Weltmeisterschaft doch noch in Topform. Es liegt nun an Hansi Flick, diese auch auszunutzen.

Photo by TOBIAS SCHWARZ/AFP via Getty Images

Victor Catalina

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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