Brasilien und Argentinien gehören zu den größten Namen, die der Weltfußball zu bieten hat. Zusammen stehen sie für acht WM-Titel, unzählige Legenden und eine besondere Vorstellung davon, wie Fußball aussehen kann. Wenn eine Weltmeisterschaft beginnt, zählen beide Nationen automatisch zum Kreis der Favoriten. Doch vor der WM 2026 stellt sich die Frage: Ist der alte Glanz noch da?
Auf dem Papier klingt die Ausgangslage vertraut. Argentinien reist als Titelverteidiger nach Nordamerika, Brasilien als Rekordweltmeister mit Trainer Carlo Ancelotti. Lionel Messi ist noch einmal dabei, Neymar ebenfalls. Vinicius Junior, Raphinha, Julian Alvarez, Lautaro Martinez, Enzo Fernandez oder Alexis Mac Allister stehen für enorme Qualität. Trotzdem fühlt sich die Lage bei beiden Teams anders an als früher.
Argentinien kommt als Weltmeister und mit Fragezeichen
Argentinien hat unter Lionel Scaloni fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Copa America 2021, Finalissima 2022, WM-Titel 2022, Copa America 2024. Der Trainer hat aus einer Mannschaft, die nach dem WM-Aus im Achtelfinale 2018 gegen Frankreich orientierungslos wirkte, wieder ein Team mit klarem Plan geformt.

Diese Stabilität ist Argentiniens größte Stärke. 17 Spieler aus dem Weltmeister-Kader von Katar sind auch 2026 wieder dabei. Emiliano Martinez steht im Tor, Cristian Romero und Nicolas Otamendi führen die Defensive, im Mittelfeld geben Rodrigo De Paul, Enzo Fernandez und Alexis Mac Allister den Ton an. Vorne warten mit Julian Alvarez und Lautaro Martinez zwei Angreifer, die alles andere als nur Ergänzungsspieler neben Messi sind.
Doch ist die zentrale Frage vor dem Turnier: Wie viel Messi steckt noch in diesem Argentinien? Der Kapitän geht mit 38 Jahren in seine sechste Weltmeisterschaft und wird bald 39. Kurz vor der Kadernominierung sorgte eine Auswechslung bei Inter Miami für Unruhe. Die Diagnose fiel zwar vergleichsweise harmlos aus, trotzdem zeigte die Szene, wie fragil die Situation ist. Messi ist noch immer der emotionale Mittelpunkt dieser Mannschaft, aber nicht mehr der Spieler, der jedes Spiel über 90 Minuten tragen kann.
Interessanterweise könnte genau das Argentinien sogar unberechenbarer machen. Ohne Messi zeigte der Weltmeister in der Qualifikation beim 4:1 gegen Brasilien eine seiner stärksten Leistungen. Spieler wie Alvarez, Thiago Almada, Giuliano Simeone oder Nico Paz bringen Tempo, Pressing und Tiefe in die Offensive.
Argentiniens Glanz ist anders geworden
Der Glanz Argentiniens liegt heute nicht mehr nur in Messis linkem Fuß, sondern in der mannschaftlichen Struktur, in der Turnierhärte und der Fähigkeit, auch hässliche Spiele zu gewinnen. Das macht den Weltmeister gefährlich, aber es verändert auch die Wahrnehmung. Argentinien ist nicht mehr die romantische Messi-Mannschaft, die alles auf einen letzten Traum ausrichtet. Dieser Traum wurde 2022 erfüllt. Jetzt geht es um die viel schwierigere Aufgabe, den Titel zu verteidigen. Das gelang in der WM-Geschichte zuletzt Brasilien 1962.
Die Gruppe mit Algerien, Österreich und Jordanien wirkt machbar, aber nicht völlig ungefährlich. Gerade Österreich könnte unangenehm werden. Für Argentinien wird es darum gehen, die Belastung zu steuern, Messi richtig einzusetzen und defensiv stabil zu bleiben. Denn gerade in der Abwehr gibt es Fragezeichen. Romero kommt aus einer Verletzung, Otamendi ist inzwischen 38, und die Tiefe in der Defensive wirkt nicht so stark wie die Offensive.

Brasilien sucht seit 24 Jahren nach sich selbst
Ganz anders ist die Sehnsucht bei Brasilien. Seit 2002 wartet die Selecao auf ihren sechsten Stern. Für ein Land, das sich selbst als natürliche Heimat des Weltfußballs versteht, ist das eine Ewigkeit. Seit Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho in Japan den Titel holten, reiste Brasilien immer wieder mit großen Erwartungen zu Weltmeisterschaften und scheiterte jedes Mal.
2014 endete die Heim-WM im historischen 1:7 gegen Deutschland. 2018 war gegen Belgien Schluss, 2022 gegen Kroatien im Elfmeterschießen. Die Qualifikation für 2026 verlief auch alles andere als souverän. Brasilien verlor unter anderem gegen Uruguay, Kolumbien und Argentinien und landete nur auf Platz fünf der Südamerika-Qualifikation. Für brasilianische Verhältnisse war das ein Warnsignal.

Der große Hoffnungsträger ist deshalb nicht nur ein Spieler, sondern der Trainer. Carlo Ancelotti soll der Selecao Ruhe und Balance geben. Der Italiener ist der erste ausländische Trainer, der Brasilien bei einer WM betreut. Allein das zeigt, wie groß der Wunsch nach Veränderung ist.
Neymar ist zurück, aber Vinicius muss liefern
Die Nominierung von Neymar war in Brasilien mehr als eine rein sportliche Entscheidung. Der 34-Jährige hat seit Oktober 2023 nicht mehr für die Nationalmannschaft gespielt, kämpfte mit schweren Verletzungen und kehrte inzwischen zum FC Santos zurück und trotzdem ist er dabei. Ancelotti begründete die Entscheidung damit, dass Neymar zuletzt wieder Konstanz und eine bessere körperliche Verfassung gezeigt habe. Die Frage ist nur: Welche Rolle kann Neymar wirklich noch spielen?
Sportlich liegt der Fokus aber stärker auf Vinicius Junior. Der Real-Star trägt die Nummer zehn und soll endlich auch im Nationaltrikot den Unterschied machen. Für Real Madrid hat er schon große Spiele entschieden, für Brasilien blieb der ganz große Durchbruch bisher aus. Nur wenige Spieler stehen bei dieser WM so stark unter Druck wie Vinicius.
Dazu kommt Raphinha, der beim FC Barcelona seine beste Karrierephase erlebt sowie ein Mittelfeld um Bruno Guimaraes, Lucas Paqueta und Casemiro. In der Defensive verfügt Brasilien mit Gabriel Magalhaes, Marquinhos und Alisson über Weltklasse.

Der alte Glanz ist nicht weg
Argentinien lebt nicht mehr nur von Messi-Magie, Brasilien nicht mehr allein vom Mythos Jogo Bonito. Beide Teams haben Weltstars aber auch Schwächen und eine historische Last. Der Glanz ist also noch da. Er funkelt nur nicht mehr ganz so unbeschwert wie früher.

