In Gruppe G gibt es mit Belgien einen absoluten Top-Favoriten auf den Gruppensieg. Das Team von Rudi Garcia bekommt es mit dem Iran, Neuseeland und Ägypen zu tun. Von den Namen her dürfte es die einfachste Gruppe im ganzen Turnier sein, doch wie stark sind die kleinen Nationen wirklich? Und können sie Belgien ärgern?
Alle Kader der Gruppe G findet ihr hier
Ägypten: Salah-Abhängigkeit und der Traum von der K.O.-Runde
- Trainer: Hossam Hassan
- WM-Teilnahmen: 4
- Player to Watch: Mohamed Salah, Omar Marmoush, Marwan Ateya
Ägypten geht mit einer klaren Ausgangslage in diese Weltmeisterschaft. Die Gruppe mit Belgien, Iran und Neuseeland ist auf dem Papier vergleichsweise einfach, doch genau das könnte zum Problem werden. Während man gegen Belgien sich nicht in der Favoritenrolle befindet, wird das Team von Trainer Hossam Hassan gegen Iran und Neuseeland das Spiel machen müssen. Eine Aufgabe, die den Ägyptern nicht unbedingt zugute kommt.
Trainer Hossam Hassan setzt auf einen eher pragmatischen Ansatz. Ägypten kann in einem 3-4-1-2 auftreten, variiert aber je nach Gegner. Grundsätzlich geht es dieser Mannschaft um defensive Stabilität, Kompaktheit und schnelle Konter nach Ballgewinnen. In der Qualifikation funktionierte das hervorragend. Ägypten blieb ungeschlagen, kassierte nur zwei Gegentore und hielt siebenmal die Null. Gleichzeitig zeigte sich das altbekannte Problem der fehlenden Kreativität im eigenen Ballbesitz aber beim Afrika-Cup, den man letztendlich auf Platz vier beendete.
Offensiv richtet sich weiterhin fast alles auf Mohamed Salah aus. Der Liverpool-Star bleibt das Gesicht dieser Mannschaft, auch wenn er nach einer langen und schwierigen Saison nicht mehr ganz so unantastbar wirkt wie in früheren Jahren. Für Ägypten bleibt er aber der Fixpunkt und emotionaler Anführer. Mit 33 Jahren ist der Linksfuß aber nicht mehr der jüngste. Es könnte seine letzte große Möglichkeit sein, mit seinem Heimatland für Furore zu sorgen.
Neben ihm steht mit Omar Marmoush der andere Premier-League-Legionär im Fokus. Auch der ehemalige Frankfurt-Profi bringt Tempo, Tiefgang und individuelle Qualität mit, erlebte mit lediglich sechs Scorern aber ebenfalls keine einfache Saison. Wenn Salah und Marmoush in Form sind, kann Ägypten über Umschaltmomente jedem Gegner Probleme bereiten. Bleiben beide jedoch hinter den Erwartungen zurück, fehlt es schnell an Durchschlagskraft.
Im Zentrum ist vor allem das Mittelfeldduo von Al Ahly gefragt. Marwan Ateya ist der defensive Taktgeber im Zentrum, während Mannschaftskamerad Emam Ashour den offensiveren Part übernimmt. Auch wenn beide natürlich nicht den Namen eines Salah oder Marmoush besitzen, sind sie für Hossam Hassan enorm wichtig. Sie geben der Mannschaft Balance, Stabilität und die nötige Verbindung zwischen Defensive und Offensive.
Doch wie weit kann es für Ägypten gehen? Die Mannschaft hat ohne Frage genug Qualität, um in dieser Gruppe weiterzukommen und endlich den ersten WM-Sieg der eigenen Geschichte zu feiern. Eine Garantie gibt es dafür aber nicht. Zu abhängig wirkt das Team von Salah und Marmoush, zu groß sind die Probleme, wenn es selbst das Spiel machen muss. Aufgrund der Gruppenkonstellation und des neuen Modus ist ein Weiterkommen aber möglich.

Belgien: Viel Qualität, aber wie stark sind die Roten Teufel wirklich?
- Trainer: Rudi Garcia
- WM-Teilnahmen: 15
- Player to Watch: Kevin De Bruyne, Jeremy Doku, Charles De Ketelaere
Belgien geht zwar als klarer Favorit in diese Gruppe, aber nicht mehr mit der großen Selbstverständlichkeit früherer Jahre. Von der berühmten goldenen Generation ist nicht mehr viel übrig, dennoch verfügt die Mannschaft von Rudi Garcia weiterhin über enorme individuelle Qualität. Spieler wie Kevin De Bruyne, Jeremy Doku, Youri Tielemans, Amadou Onana oder Charles De Ketelaere sind international bestens bekannt und bringen genug Klasse mit, um gegen viele Gegner den Unterschied zu machen.
Für Aufsehen sorgte vor dem Turnier vor allem die Kaderbekanntgabe. Mika Godts, Romeo Lavia und Nathan De Cat fehlen, während Romelu Lukaku trotz großer Fitnesssorgen dabei ist. Der Rekordtorschütze der Nationalmannschaft kommt allerdings ohne echten Rhythmus in das Turnier und dürfte zunächst nicht die Nummer eins im Sturm sein. Wahrscheinlicher ist, dass Charles De Ketelaere vorne beginnt. Der Atalanta-Profi ist kein klassischer Mittelstürmer, sondern eher eine falsche Neun.
Offensiv liegt der Fokus klar auf der individuellen Qualität. De Bruyne bleibt der zentrale Spieler, der gesucht wird, um Angriffe im letzten Drittel einzuleiten. Doku ist auf dem Flügel der Unterschiedsspieler, der durch Tempo und Eins-gegen-eins-Situationen gegnerische Abwehrreihen auseinanderziehen soll. Gerade gegen tiefstehende Gegner in dieser Gruppe kann seine Fähigkeit, Gegenspieler zu isolieren und mit seinem schnellen Antritt Räume zu reißen, entscheidend werden. Mit dem Duo des amtierenden Europa-League-Siegers Aston Villa, Youri Tielemans und Amadou Onana, besitzt Belgien im Zentrum zudem eine gute Mischung aus Spielintelligenz, Physis und Präsenz.
Die große Frage liegt eher auf der anderen Seite des Feldes. Belgien wirkt aus dem Spiel heraus grundsätzlich stabiler als noch vor einigen Jahren, doch die Defensive bleibt Garcias Sorgenkind. Die Testspiele gegen die USA und Mexiko sowie die Qualifikation mit Wales als stärkstem Gegner liefern nur begrenzte Erkenntnisse. Ein Problem zeigte sich jedoch bei defensiven Standardsituationen, wo häufig die letzte Konzentration fehlte. Auf Turnierniveau kann genau das den Unterschied ausmachen.
In dieser Gruppe sollte Belgien trotzdem keine größeren Probleme bekommen. Gegen Ägypten, Iran und Neuseeland bringt Garcia genügend Qualität mit, um Platz eins zu erreichen. Spannend wird eher, was danach passiert. Der Turnierbaum könnte Belgien durchaus entgegenkommen, sodass die Roten Teufel womöglich erst spät wirklich getestet werden. Somit könnte der ewige Geheimfavorit in diesem Jahr vielleicht auch wirklich einer sein.

Iran: Team Melli zwischen sportlicher Chance und politischer Unruhe
- Trainer: Amir Ghalenoei
- WM-Teilnahmen: 7
- Player to Watch: Mehdi Taremi, Saman Ghoddos, Mehdi Ghayedi
Iran geht unter besonderen Umständen in diese Weltmeisterschaft. Sportlich qualifizierte sich Team Melli vergleichsweise souverän. Gleichzeitig ist die Vorbereitung auf das Turnier alles andere als normal. Aufgrund der politischen Spannungen rund um Iran, die USA und Israel steht diese WM für die Mannschaft unter einem besonderen Fokus. Da alle drei Gruppenspiele in den Vereinigten Staaten stattfinden, dürfte die Atmosphäre rund um Iran außergewöhnlich und für die Mannschaft wohl sehr schwierig werden.
Trainer Amir Ghalenoei muss deshalb nicht nur sportliche Aufgaben, sondern auch Herausforderungen abseits des Platzes moderieren. Auf dem Feld bleibt Iran grundsätzlich eine sehr erfahrene und gut organisierte Mannschaft. Das bevorzugte System ist ein 4-2-3-1, doch Ghalenoei testete zuletzt auch eine deutlich defensivere Variante mit Dreier- beziehungsweise Fünferkette. Gerade gegen Belgien dürfte Iran versuchen, kompakt zu stehen, Räume zu schließen und über schnelle Angriffe nach vorne zu kommen.
Die zentrale Figur bleibt Mehdi Taremi. Der Kapitän führt die Offensive an und ist der große Hoffnungsträger der Iraner. Der Stürmer von Olympiakos bringt internationale Erfahrung, einen sehr guten Abschluss und ein gutes Gespür für Räume hinter der Abwehr mit. Auch defensiv gilt Taremi als fleißig und verlässlich. Der politisch aufgeladene Verzicht auf Sardar Azmoun nimmt Iran sportlich gesehen allerdings einen der individuell stärksten Spieler im Kader.
Doch auch hinter Taremi gibt es mehrere spannende Akteure und wichtige Leistungsträger. Saman Ghoddos ist durch seine Vielseitigkeit enorm wertvoll und kann auf mehreren offensiven Positionen agieren. Saeed Ezatolahi ist, sofern fit, als Sechser ein wichtiger Stabilitätsfaktor. Mit Mehdi Ghayedi, laut transfermarkt.de dem wertvollsten Akteur im Kader, hat Team Melli zudem einen spannenden Flügelspieler, der Tempo, Dribbling und Abschlussqualität mitbringt.
Die Gruppe mit Belgien, Ägypten und Neuseeland ist sportlich nicht aussichtslos. Belgien ist klarer Favorit, doch gegen Ägypten und Neuseeland wird Iran realistische Chancen haben. Ein Weiterkommen ist bei diesem Format also definitiv möglich. Nichtsdestotrotz werden die außersportlichen Begleiterscheinungen und die vermutlich sehr angespannte Stimmung in den USA die Ausgangslage erschweren. Für die Mannschaft von Amir Ghalenoei wird diese WM deshalb zu einer enormen Belastungsprobe.

Neuseeland: Klarer Außenseiter mit Chris Wood als Hoffnungsträger
- Trainer: Darren Bazeley
- WM-Teilnahmen: 3
- Player to Watch: Chris Wood, Elijah Just, Joe Bell
Neuseeland geht als niedrigstplatziertes Team dieser Weltmeisterschaft in das Turnier und ist in Gruppe G klarer Außenseiter. Trotzdem reisen die All Whites nicht ohne Hoffnung nach Nordamerika. Seit der letzten WM-Teilnahme 2010 hat sich der neuseeländische Fußball weiterentwickelt. Aus einer Mannschaft, die damals noch primär über Kampf und Außenseitermentalität kam, ist ein deutlich professionelleres Team geworden.
Die Qualifikation in Ozeanien verlief souverän, war sportlich aber nur bedingt aussagekräftig. Gegen die kleineren Nationen der Region ist Neuseeland inzwischen klar überlegen. Die Testspiele seit der Qualifikation zeigten dagegen ein gemischtes Bild. Ordentliche Ansätze, wie bei der knappen 0:1-Niederlage gegen England, wechselten sich mit deutlichen Rückschlägen ab, darunter ein 0:4 gegen Haiti.
Trainer Darren Bazeley bevorzugt eigentlich einen mutigen Ansatz mit Ballbesitzphasen und sauberem Aufbau. In dieser Gruppe mit Belgien, Ägypten und Iran wird Neuseeland aber hauptsächlich längere Phasen ohne Ball überstehen müssen. Entscheidend werden deshalb klassische Außenseiter-Tugenden sein: kompakt verteidigen, zweite Bälle gewinnen, Zweikämpfe annehmen und nach Ballgewinnen schnell umschalten. Gerade gegen Iran und Ägypten könnte Neuseeland so versuchen, die Unterschiede in der individuellen Qualität zumindest teilweise auszugleichen.
Der klare Hoffnungsträger ist Chris Wood. Der Kapitän ist Rekordtorschütze, Führungsspieler und die zentrale Figur dieser Mannschaft. Mit seiner Erfahrung aus der Premier League, seiner Physis und seiner Torgefahr gibt er Neuseeland eine echte Waffe im Strafraum. Dementsprechend hängt viel davon ab, wie fit Wood nach seinen Verletzungsproblemen wirklich ist. In der abgelaufenen Premier-League-Saison lief der 34-Jährige lediglich 15-mal für Nottingham auf.
Spannend ist auch Elijah Just. Der offensive Mittelfeldspieler spielte eine starke Saison in Schottland und bringt vor allem über die rechte Außenbahn kreative Elemente ein. Im Zentrum ist Joe Bell als laufstarker, zweikampfstarker und ballsicherer Mittelfeldspieler ein wichtiger Anführer. Beide werden in Kombination mit Chris Wood immer wieder für Entlastung sorgen müssen.
Realistisch betrachtet ist ein Weiterkommen trotz des Formats und der Gruppe eher unwahrscheinlich. Belgien ist klar stärker, Iran und Ägypten bringen mehr internationale Erfahrung mit. Dennoch ist Neuseeland nicht chancenlos. Wenn Wood fit ist, die Defensive stabil steht und die All Whites ihre wenigen Möglichkeiten konsequent nutzen, könnte zumindest ein Achtungserfolg möglich sein. Für die K.O.-Phase müsste allerdings sehr viel zusammenpassen.


