„Es ist Zeit, dass sich was dreht“ – schon wieder. Warum in Deutschland vor der WM 2026 noch keine Euphorie aufgekommen ist – und warum trotzdem nicht alles schlecht ist und wir als Fans und Öffentlichkeit selbst in der Pflicht stehen, eine positive Stimmung rund um die Nationalmannschaft entstehen zu lassen.
Historisch betrachtet ist eine grundlegende Skepsis in Deutschland vor einem großen Turnier der Fußball-Nationalmannschaft ganz normal. Es wäre gar sonderbar, würde sich die gesamte Nation schon Wochen und Monate vorher auf eine WM oder EM in ausgiebigem Maße freuen.
Sogar bei der Heim-WM 2006 war dies zunächst der Fall – eine Weltmeisterschaft, die rückblickend als einer der emotionalen Höhepunkte der deutschen Fußballgeschichte gilt und den Titel „Sommermärchen“ trägt. Oft aber wird vergessen, dass die Stimmung vor dem Turnier keineswegs so überschwänglich war wie angenommen. Erst mit dem spektakulären Auftaktsieg gegen Costa Rica entfachten Lahm, Klose und Co. die Fußballbegeisterung im Land, schlagartig wehten zahlreiche schwarz-rot-goldene Fahnen im lauen deutschen Sommerwind.
WM 2026: Zwischen Infantino, Trump und Preiswahnsinn
Die Gemütslage im Hinblick auf Weltmeisterschaften und die DFB-Elf kann sich also schnell drehen, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Dennoch erschweren machtgetriebene Figuren wie Donald Trump und Gianni Infantino, horrende Ticketpreise und die ohnehin angespannte geopolitische Lage die Vorfreude auf das Turnier in Nordamerika.

Die ungewöhnlichen Rahmenbedingungen sind in dieser Hinsicht ein zentraler Punkt. Durch die Austragung in den USA, Kanada und Mexiko müssen Fans in Europa mit späten oder nächtlichen Anstoßzeiten rechen, wodurch sich klassische WM-Abende oder gemeinsames Public-Viewing deutlich schwieriger gestalten lassen. Zudem müssen Zuschauer vor Ort teils stundenlange Reisen zwischen den WM-Standorten bewältigen – und dafür schier unverhältnismäßige und absurde Summen zahlen. Eine WM für alle ist das schon lange nicht mehr. Nur bei der Teilnehmerzahl zeigte sich die FIFA gütig, hat sie das Teilnehmerfeld nun von 32 Mannschaften auf 48 aufgestockt. Experten befürchten darin einen Qualitätsverlust – und führen auch diesen Punkt als WM-Stimmungskiller an.
Entscheidend für die gedämpfte Vorfreude ist letztlich vor allem Deutschland selbst – darunter Bundestrainer Julian Nagelsmann, die deutsche Nationalmannschaft, aber auch wir als Fans, Medien und Öffentlichkeit. Denn ehrlich gesagt machen wir es den Verantwortlichen, die mit dem Adler auf der Brust den vierfachen Weltmeister in Nordamerika vertreten, nicht gerade einfach.
Deutsche WM-Stimmung: Weniger Kollektivnörgeln, mehr Wohlwollen
So wurde kaum ein Thema in den vergangenen Wochen derartig kontrovers diskutiert wie die Kadernominierung und der öffentliche Auftritt von Bundestrainer Julian Nagelsmann. Und klar: Der ehemalige Bundesliga-Coach lieferte mit teils widersprüchlichen Aussagen dafür genügend Angriffsfläche – etwa in der Torwartdebatte rund um Baumann und Neuer oder beim öffentlich diskutierten Umgang mit Stürmer Deniz Undav, für den er sich fairerweise im Anschluss entschuldigte und seinen impulsiven Auftritt als Fehler einräumte. Dennoch scheint über der gesamten WM-Vorbereitung ein gewisser Schleier an Dauerkritik zu liegen. Das hat seine guten Gründe, schließlich konnte die deutsche Nationalmannschaft bei den letzten Turnieren maximal das Viertelfinale (bei der Heim-EM 2024 gegen Spanien), bei den Weltmeisterschaften zuletzt in Katar und Russland nicht einmal die K.o.-Runde erreichen.
Dennoch: Dass auch Tage nach der offiziellen Kaderbekanntgabe noch mit einem derart großen Missmut über die Entscheidungen des Bundestrainers gesprochen wird, hilft der angestrebten Mission „Fünfter Stern“ – oder zumindest einem erfolgreichen Turnier – kaum weiter. Und natürlich dürfen die Entscheidungen des 38-jährigen Übungsleiters kritisch hinterfragt werden. Ob der formschwache Galatasaray-Altstar Leroy Sané tatsächlich die bessere Wahl ist als ein unbekümmerter Kölner Youngster mit 13 Toren in seiner Premierensaison oder ob Manuel Neuer trotz zwischenzeitlichen Rücktritts erneut als Nummer eins ins Turnier gehen sollte – all das sind völlig berechtigte Diskussionen.

Nur: Diese Diskussionen sind nun hinfällig. Der Kader für die anstehende WM steht. Und dieser Kader ist weit davon entfernt, schlecht zu sein. Blickt man etwa auf die wahrscheinliche Stammelf, so dürfte keiner der umstrittenen Namen darin auftauchen. Am Ende sind es, wie Nagelsmann selbst auf der Pressekonferenz gesagt hat, nur Nuancen, die für oder gegen einzelne Spieler gesprochen haben. Deutschland verfügt weiterhin über eine Mannschaft mit hoher Qualität. Eine mögliche Startelf mit Spielern wie Florian Wirtz, Jamal Musiala, Joshua Kimmich oder Kai Havertz muss den internationalen Vergleich nicht scheuen – und darf trotz aller Skepsis durchaus Hoffnungen auf ein erfolgreiches Turnier wecken.
Auch die Kritik am Austragungsort kommt meiner Meinung nach oft zu kurz. Denn klar: Mit 78 der insgesamt 104 Spiele findet der Großteil des Turniers in den USA statt. Dennoch wird häufig übersehen, dass auch Mexiko und Kanada jeweils 13 Partien austragen. Gerade Mexiko gilt als eines der fußballverrücktesten Länder der Welt und könnte der WM mit seinen enthusiastischen Fans eine entsprechende Atmosphäre verleihen. Dass etwa das Eröffnungsspiel der Mexikaner gegen Südafrika im historischen Aztekenstadion stattfindet, hat durchaus seinen besonderen fußballromantischen Reiz.
Kritik muss aber auch sein
Und mit zahlreichen spektakulären Spielarenen verfügt auch die USA über gute Stadien, die vor allem enorm viel Platz für Zuschauer bieten. Die Dimensionen sind derweil teilweise beeindruckend, große Fanmassen können problemlos untergebracht werden. Zudem war das Land bereits 1994 einmal Gastgeber einer Weltmeisterschaft – damals krönte sich die brasilianische Nationalmannschaft erstmalig nach 24 Jahren wieder zum Sieger.
Abschließend ist mir wichtig zu erwähnen, dass ich keineswegs die völlig gerechtfertigte Kritik an der FIFA, den USA, den Ticketpreisen kleinreden möchte. Es ist wichtig, auf diese Missstände aufmerksam zu machen, die Schieflage des geliebten Sports aktiv anzusprechen. Dennoch erscheint mir der Umgang im Vorfeld dieses Turniers – insbesondere mit der deutschen Nationalmannschaft – häufig überzogen negativ.

