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Fußball NewsWM 2026

Nagelsmann, Tuchel, Rangnick: Drei Deutsche, drei Kader-Revolutionen

Fritz Pecker
10.06.26, 17:32
Fritz Pecker
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Thomas Tuchel
Foto: Getty Images

Drei Deutsche bestimmen, wie England, Österreich und Deutschland bei dieser WM aussehen. Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel, Ralf Rangnick – und alle drei haben mit ihren Kaderentscheidungen polarisiert, provoziert, Schlagzeilen gemacht. Was sie eint: Keiner hat es sich leicht gemacht.

Nagelsmann: Das Risiko hat einen Namen – und der heißt Neuer

Der Bundestrainer hat sich für einen Kader der Chancen und Risiken entschieden. Das ist die freundlichste Formulierung für das, was er da angestellt hat. Manuel Neuer, 40 Jahre alt, nach fast zwei Jahren Abstinenz zurück als Nummer eins – und damit Oliver Baumann, der die gesamte WM-Qualifikation als unumstrittener Stammkeeper bestritten hatte, auf die Bank verbannt. Nagelsmann nennt das „die Aura eines Gewinners“. Viele Fans nennen es Nostalgie.

Gleichzeitig strich er Niclas Füllkrug, Robert Andrich und Karim Adeyemi – und schickte damit Spieler nach Hause, die für Stabilität und Verlässlichkeit stehen. Stattdessen: Nick Woltemade im Sturm, Nadiem Amiri im Mittelfeld, Lennart Karl in der Abwehr. Jung, hungrig, unbewiesen auf diesem Niveau. Dass diese Entscheidungen Hass-Mails nach sich zogen – Nagelsmann sprach in einer ARD-Dokumentation offen darüber –, sagt viel über den Zustand der deutschen Fußball-Debatte aus. Das Team isoliert sich derweil im US-Basecamp Winston-Salem und bereitet sich auf den Auftakt am 14. Juni gegen Curaçao vor.

Tuchel: „Chemistry First“ – und der Mut, Palmer stehen zu lassen

Wenn man in England momentan den Namen Cole Palmer fallen lässt, folgt unweigerlich eine hitzige Diskussion. 110 Millionen Euro Marktwert – der einzige Spieler weltweit über der 100-Millionen-Marke, der nicht zur WM fährt. Tuchel ließ ihn zu Hause. Genauso wie Phil Foden, Trent Alexander-Arnold und Harry Maguire.

Was er dafür bekommt: eine Mannschaft, die er versteht, und Spieler, die er kontrollieren kann. Ivan Toney, 30 Jahre alt, seit zwei Jahren bei Al-Ahli in Saudi-Arabien, war seine spektakulärste Entscheidung. Nicht wegen seiner Statistiken, sondern wegen der Botschaft dahinter: Hier zählt kein Marktwert, hier zählt Funktion. Tuchel spricht von Energie und Verbindung als Grundvoraussetzung für einen Titelgewinn. Ob das reicht, um Englands 60-jährigen Titel-Hunger zu stillen, wird sich zeigen. Die Boulevardpresse auf der Insel ist jedenfalls alles andere als überzeugt.

Das Thema Jude Bellingham

Angeführt wird die Mannschaft von Kapitän Harry Kane und Declan Rice. Jude Bellingham? Komplizierter. Tuchel ließ keinen Zweifel daran, dass der Real-Madrid-Star um seinen Platz kämpfen muss: „Im Moment gibt es 14, 15 mögliche Starter – und Jude ist einer von ihnen“, sagte er kurz vor dem Turnierbeginn. Das ist keine Kleinigkeit. Unter Southgate war Bellingham unantastbar, das Herzstück jeder taktischen Überlegung. Unter Tuchel stand er seit dessen Amtsantritt nur viermal in der Startelf und kam dreimal als Joker. Stattdessen wurde Morgan Rogers von Aston Villa zu einem der meistgenutzten Profis des neuen Trainers.

Das Verhältnis zwischen Tuchel und Bellingham soll angespannt sein – nach einer Testspielniederlage gegen Senegal nannte Tuchel Bellinghams Verhalten auf dem Platz „abstoßend“, ruderte später zwar zurück, aber solche Worte hallen nach. Beim jüngsten WM-Test gegen Neuseeland trug Bellingham nach seiner Einwechslung die Kapitänsbinde – Tuchel lobte ihn danach öffentlich. Vielleicht ist das die Annäherung, die beide brauchen.

Rangnick: Der ruhigste der drei – und vielleicht der klügste

Österreich ist zum ersten Mal seit 1998 wieder bei einer WM. Das allein wäre Grund zur Freude. Doch Rangnick hat aus dieser historischen Qualifikation mehr gemacht: ein Projekt. 14 Bundesliga-Profis im Kader, ein eingespieltes Mittelfeldpressing, und mit David Alaba und Marko Arnautovic zwei erfahrene Anführer, die noch einmal alles geben wollen.

Die Gruppe J hat es in sich: Argentinien, Algerien, Jordanien. Der Fahrplan ist klar – Platz zwei als Minimalziel, Argentinien respektiert aber nicht gefürchtet. Rangnick formulierte das Ziel nüchtern: weiter kommen als bei der EM 2024, als im Achtelfinale gegen die Türkei Schluss war. Ob Alabas Fitness hält, ist die eigentliche Gretchenfrage dieses ÖFB-Abenteuers.

Der Direktvergleich

Trainer Team Spektakulärste Streichung Spektakulärste Nominierung Gruppe
Julian Nagelsmann Deutschland Füllkrug, Andrich, Adeyemi Neuer (40) als Nummer eins, Woltemade E: Ecuador, Elfenbeinküste, Curaçao
Thomas Tuchel England Palmer, Foden, Alexander-Arnold Ivan Toney (Al-Ahli) L: Kroatien, Ghana, Panama
Ralf Rangnick Österreich Alle Rapid-Profis gestrichen Rückkehr David Alaba, Paul Wanner J: Argentinien, Algerien, Jordanien

Wer hat Recht?

Diese Frage beantwortet der Ball, nicht die Debatte. Aber eines lässt sich jetzt schon sagen: Alle drei haben sich gegen die bequeme Lösung entschieden. Nagelsmann hätte mit Füllkrug und Andrich auf Sicherheit setzen können. Tuchel hätte Palmer und Foden mitgenommen und wäre mit einem Schulterzucken davongekommen. Rangnick hätte auf Bewährtes gebaut und niemandem aufgestoßen. Stattdessen haben alle drei mutig kommuniziert, was sie wollen – und damit die volle Verantwortung übernommen. Das verdient Respekt, auch wenn es unangenehm wird.

In wenigen Tagen ist Schluss mit Theorie. Am 14. Juni läuft Deutschland gegen Curaçao auf. Am 17. spielt Österreich gegen Jordanien. Und England trifft am selben Tag auf Kroatien. Drei deutsche Trainer, drei Experimente – einer von ihnen wird am Ende als Genie dastehen.

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