Die Gruppe C der diesjährigen Weltmeisterschaft bringt einige spannende Geschichten mit. Marokko will nach dem historischen Halbfinaleinzug 2022 erneut für Furore sorgen, Schottland träumt nach der ersten WM-Teilnahme seit 1998 vom Sprung in die K.O.-Phase, Haiti bringt Straßenfußballflair und eine besondere emotionale Geschichte nach Nordamerika. Und dann ist da noch Brasilien: Kann Carlo Ancelotti aus einer zuletzt wankenden Selecao wieder eine echte Turniermannschaft formen und ein Offensivensemble um Vinicius Junior und Raphinha zum Titel führen? Die Vorschau zur Gruppe C!
Alle Kader der Gruppe C findet ihr hier
Brasilien: Große Namen, große Zweifel
- Trainer: Carlo Ancelotti
- WM-Teilnahmen: 23
- Player to Watch: Vinicius Junior, Raphinha, Gabriel Magalhaes
Brasilien geht mit dem vielleicht prominentesten Trainer dieses Turniers in die WM 2026. Carlo Ancelotti hat auf Klubebene nahezu alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt, und soll nun aus einer zuletzt wankenden Selecao wieder eine echte Turniermannschaft formen. Die Erwartungshaltung ist traditionell riesig, doch die Ausgangslage ist komplizierter als bei vielen früheren Weltmeisterschaften.
Denn Brasilien kommt nicht mehr mit derselben Selbstverständlichkeit wie früher. Der letzte Copa-America-Titel liegt bereits sieben Jahre zurück, seit dem WM-Triumph 2002 erreichte die Selecao nur ein einziges Mal ein Halbfinale. Auch die jüngsten Ergebnisse unter Ancelotti waren nicht immer überzeugend. Niederlagen gegen Japan und Frankreich sowie ein enttäuschendes Unentschieden gegen Tunesien haben gezeigt, dass diese Mannschaft noch längst nicht stabil wirkt. Schon die Qualifikation verlief ungewöhnlich holprig und sorgte im Land für viele Diskussionen.
Trotzdem bleibt die individuelle Qualität enorm. Mit Vinicius Junior, Raphinha, Matheus Cunha, Gabriel Martinelli oder Bruno Guimaraes verfügt Brasilien über Spieler, die auf höchstem Niveau den Unterschied machen können. Ancelotti setzt dabei voraussichtlich auf ein 4-2-2-2, in der die besten Offensivspieler möglichst häufig in Räume kommen, in denen sie ihre individuelle Klasse ausspielen können. Brasilien will Tempo aufnehmen, Tiefe suchen und die Gegner über isolierte Eins-gegen-eins-Situationen unter Druck setzen.
Besonders Vinicius Junior steht im Fokus. Bei Real Madrid hat Ancelotti gezeigt, wie man seine Stärken optimal einbindet. In der Nationalmannschaft konnte Vini diese Dominanz allerdings noch nicht konstant auf den Platz bringen. Wenn er in Form kommt, kann Brasilien gegen jede Mannschaft gefährlich werden, da er mithilfe seiner individuellen Klasse einzelne Spiele entscheiden kann.
Das größte Sorgenkind bleibt jedoch die Defensive. Die Probleme befinden sich aber nicht in der letzten Linie, sondern bereits bei der Arbeit der Offensivspieler gegen den Ball. Brasilien hat enorme Qualität im Angriff, verteidigt aber nicht gemeinsam.
Nichtsdestotrotz bleibt Brasilien eines der spannendsten Teams dieses Turniers. Die Selecao ist nicht mehr der klare Dominator früherer Jahre, aber sie besitzt weiterhin genug individuelle Klasse, um jeden Gegner vor Probleme zu stellen. Wenn Ancelotti die richtige Balance findet und Vinicius Junior seine Real-Madrid-Form endlich auch im Nationaltrikot zeigt, kann Brasilien um den Titel spielen. Scheitert diese Balance, droht jedoch die nächste Enttäuschung.

Haiti: Leidenschaft, Straßenfußball und eine besondere Geschichte
- Trainer: Sebastien Migne
- WM-Teilnahmen: 2
- Player to Watch: Wilson Isidor, Jean-Ricner Bellegarde
Haiti geht als klarer Außenseiter in diese Gruppe, bringt aber eine der emotionalsten Geschichten dieses Turniers mit. Die Qualifikation für die WM 2026 ist für das Land weit mehr als nur ein sportlicher Erfolg. Aufgrund der politischen Instabilität und der schwierigen Sicherheitslage konnte Haiti kein einziges Qualifikationsspiel im eigenen Land austragen. Trotzdem schaffte die Mannschaft die Rückkehr auf die größte Fußballbühne, erstmals seit 1974.
Trainer Sebastien Migne hat dabei eine Mannschaft geformt, die über Intensität, Leidenschaft und schnelle Umschaltmomente kommt. Haiti wird versuchen, kompakt zu verteidigen, nach Ballgewinnen schnell nach vorne zu spielen und über Tempo sowie individuelle Aktionen gefährlich zu werden.
Spielerisch könnte Haiti durchaus Spaß machen. Diese Mannschaft bringt viel Straßenfußball, Mut im Eins-gegen-eins und sichtbare Freude am Spiel mit. Gerade offensiv gibt es einige spannende Akteure. Wilson Isidor (Southampton) und Jean-Ricner Bellegarde (Wolverhampton) sind als Premier-League-Akteure die bekanntesten Namen im Kader. Isidor ist schnell schnell, beweglich und mit einem guten Abschluss gesegnet, während Bellegarde im Mittelfeld als Verbindungsspieler und Antreiber enorm wichtig sein wird.
Flinke Dribbler, wie etwa Ruben Providence, sind wie gemacht für das „System“ Haiti. Der Flügelspieler ist schnell, mutig und sucht immer wieder das direkte Duell. Wenn die Mannschaft unterschätzt wird und Raum bekommt, kann sie durch Tempo und Einzelaktionen durchaus unangenehm werden. Tore in der Offensive scheinen für den Fußballzwerg also ohne Frage möglich.
Das große Problem liegt allerdings in der Defensive. Haiti verteidigt mit viel Einsatz, aber nicht mit der nötigen Ordnung. Die fehlende individuelle Qualität ist dort deutlich sichtbar.
Trotzdem wird Haiti bei dieser WM nichts zu verlieren haben. Die Mannschaft steht für Stolz, Widerstandskraft und die Hoffnung eines Landes, das schwierige Zeiten durchlebt. Die Diaspora dürfte in den Stadien für viel Stimmung sorgen und die Spiele in ein emotionales Erlebnis verwandeln. Sportlich bleibt Haiti der große Außenseiter. Ein Punktgewinn wäre eher überraschend, besondere Momente wie Traumtore oder schöne Einzelaktionen aber durchaus möglich.

Marokko: Der Geheimfavorit mit klarer Turnierreife
- Trainer: Mohamed Ouahbi
- WM-Teilnahmen: 7
- Player to Watch: Achraf Hakimi, Brahim Diaz, Noussair Mazraoui
Marokko gilt für viele Experten auch bei diesem Turnier wieder als absoluter Geheimfavorit. Nach dem historischen Halbfinaleinzug bei der WM 2022 hat sich die Erwartungshaltung deutlich verändert. Marokko kommt nicht mehr als Überraschungsteam, sondern als potentieller Kandidat für einen langen Turnier-Run. Die Qualifikation verlief nahezu tadellos, beim Afrika-Cup stand Marokko im Finale und der Kader ist weiterhin mit enorm viel Qualität und Talent besetzt.
Entsprechend groß ist die Hoffnung im Land, dass Marokko das beste afrikanische WM-Ergebnis vielleicht sogar noch übertreffen kann. Die letzte Niederlage bei einer regulären Länderspielpause oder einem großen Turnier liegt bereits rund zwei Jahre zurück. Direkt zum Auftakt gegen Brasilien wird man nun sehen, wie weit dieses Team wirklich ist.
Spielerisch kommt Marokko weniger über Spektakel, sondern über klare Muster, Disziplin und ein sehr gutes Verständnis für Turnierfußball. Die Mannschaft agiert meist in einem 4-2-3-1, das situativ auch in ein 4-2-2-2 kippen kann. Besonders wichtig bleibt Achraf Hakimi, der über die rechte Seite enorm viel Dynamik und Tiefe einbringt. Gleichzeitig sorgt Noussair Mazraoui mit einem defensiveren Part auf der linken Seite für Balance.
Offensiv verfügt Marokko über mehrere spannende Spieler. Brahim Diaz bringt Kreativität und individuelle Qualität zwischen den Linien, während der von Bayern umworbene Ismael Saibari zusätzliche Dynamik und Tiefenläufe ins Spiel bringen kann. Im Zentrum ist Ayoub El Kaabi als Zielspieler wichtig, weil er Bälle festmachen und im Strafraum Präsenz erzeugen kann. Dazu bleibt Marokko bei Standardsituationen gefährlich, was in engen Turnierspielen ein entscheidender Faktor sein kann.
Die größte Stärke dieser Mannschaft ist allerdings die Defensive. Nur zwei Gegentore in der Qualifikation und zwei Gegentore beim Afrika-Cup zeigen, wie schwer Marokko zu bespielen ist. Die Mannschaft verteidigt diszipliniert, verschiebt geschlossen und gibt Gegnern nur selten klare Räume. Diese Stabilität macht sie gegen große Nationen so unangenehm.
Marokko bringt damit faktisch alles mit, was eine gute Turniermannschaft braucht: defensive Disziplin, klare Abläufe, individuelle Qualität und Gefahr bei Standards. Gerade gegen Brasilien ist es sehr gut vorstellbar, dass sich der Favorit direkt die Zähne ausbeißt. Gelingt Marokko ein guter Start, wird spätestens dann jeder wissen, dass auch 2026 wieder mit dieser Mannschaft zu rechnen ist.

Schottland: Physis, Flanken und die Pflichtaufgabe zum Auftakt
- Trainer: Steve Clarke
- WM-Teilnahmen: 9
- Player to Watch: Scott McTominay, Andy Robertson, Ben Gannon-Doak
Schottland geht mit großen Emotionen in diese WM. Erstmals seit 1998 sind die Schotten wieder bei einer Weltmeisterschaft dabei, die Qualifikation gelang auf dramatische Art und Weise. Der Sieg gegen Dänemark, inklusive Traumtor von Scott McTominay und spätem Treffer von Kenny McLean von der Mittellinie, hat im Land eine enorme Euphorie ausgelöst. Für die Tartan Army ist diese Rückkehr auf die große Bühne schon jetzt ein sehr besonderer Moment.
Spielerisch wird Schottland aber nicht versuchen, sich neu zu erfinden. Die Mannschaft von Steve Clarke kommt über Physis, Intensität, klare Abläufe und viele Flanken. Gerade im letzten Drittel ist vieles auf Präsenz im Strafraum ausgelegt. Scott McTominay nimmt dabei die Hauptrolle ein. Der Mittelfeldspieler ist für Schottland eine Art Freigeist mit Torgefahr. Er stößt immer wieder in den Strafraum, wird bei Flanken selbst zum Zielspieler und ist der Unterschiedsspieler im Kader.
Dazu kommen erfahrene Kräfte wie Andy Robertson, John McGinn, Ryan Christie oder Che Adams. Schottland verfügt über viele Spieler mit zahlreichen Länderspielen und dementsprechend einem klaren Verständnis für Clarkes Ansatz. Mit Ben Gannon-Doak ist ein 20-Jähriger Premier-League-Spieler von Bournemouth das erste Mal bei einem großen Turnier dabei. Der junge Flügelspieler bringt Tempo, Direktheit und Eins-gegen-eins-Qualität mit und bringt somit eine ganz andere Facette ins Spiel.
Doch auch bei den Schotten hakt es vor allem in der Defensive. Zwar sind sie häufig gut organisiert und können in tieferen Phasen unangenehm werden, doch die individuelle Qualität in der letzten Linie und auf der Torhüterposition reicht häufig nicht. Gegen Brasilien und Marokko könnten die defensiven Probleme schnell zum Problem werden. Beide Gegner bringen genug Tempo, Technik und individuelle Klasse mit, um defensive Unsauberkeiten konsequent zu bestrafen.
Umso wichtiger wird das Auftaktspiel gegen Haiti. Idealerweise nimmt das Team von Steve Clarke nicht nur drei Punkte, sondern auch ein gutes Torverhältnis mit, um das Grundgerüst für einen Einzug in die K.O.-Phase zu legen. Gelingt dies nicht, dürfte es in einer Gruppe mit Brasilien und Marokko extrem schwer mit einem Weiterkommen werden.


