WM 2022 | All eyes on Neymar: Der Traumverwirklicher für die Seleçao?

Neymar Brasilien
WM-Spotlight

20 Jahre ist es her, als Brasilien letztmals den WM-Titel feiern konnte. 2002 jubelte die Seleçao nach einem Sieg im Endspiel gegen Deutschland, Protagonist war ein gewisser Ronaldo. Die Durststrecke soll nun beendet werden. Dabei steht ein Mann besonders im Fokus: Neymar. 

Die brasilianische Nationalmannschaft steht für absoluten Erfolg. 1958 konnte erstmals der WM-Titel gefeiert werden, 1962 gleich der nächste. Es folgte Triumphe in den Jahren 1970, 1994 – und schließlich 2002. Der Rekordweltmeister will seinen Vorsprung mit dem Titel bei der WM 2022 in Katar nun ausbauen und die Chancen stehen sehr gut. Dank eines guten Kaders, anderen Favoriten mit Fragezeichen und dank Neymar (30). 



Brasilien: Eine 20-jährige Durststrecke

2002, Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea, Endspiel zwischen Deutschland und Brasilien. Ein Kahn-Patzer, eine hervorragende Ronaldo-Bewegung samt platziertem Abschluss, eine geschlagene DFB-Auswahl und Jubel der Brasilianer. Der ein oder andere wird sich noch gut an diesen Tag erinnern. Auch in Brasilien. Es war nämlich der letzte Tag, an dem die Seleçao den WM-Pokal in den Himmel recken durfte. Doch was passierte danach? Zur Weltmeisterschaft nach Deutschland reiste Brasilien mit Spielern wie Lucio, Roberto Carlos, Zé Roberto, Ronaldinho, den jungen Kaká und Robinho und einem Sturm bestehend aus Adriano, Ronaldo und Fred. Vier Spiele lieferte Brasilien gemäß der Erwartungen ab, ehe Frankreich zu einer Aufgabe wurde, die nicht bewältigt werden konnte. 0:1, Aus im Viertelfinale, Enttäuschung. 

WM 2022: Warum und wie wir berichten 

2010 startet in Südafrika der nächste Anlauf. Mit einer neuen Generation und einer geringeren Dichte an hochrangigen Namen im Vergleich zum Turnier vier Jahre davor. Thiago Silva, damals 25, Marcelo, damals 22 und Hulk, damals 23, avancierten zu den Hoffnungsträgern. Doch ein nur etwas überdurchschnittliches Brasilien spielte die Sterne nicht gerade vom Himmel. Schon zum Auftakt gegen Nordkorea mühte sich die Elf zu einem 2:1, lediglich das Achtelfinale gegen Chile war gut anzusehen. Das Resultat: Erneut war im Viertelfinale Schluss, diesmal gegen die Niederlande (1:2). 

2014 war Brasilien der Gastgeber der Weltmeisterschaft. Die Euphorie im Land kannte keine Grenzen, aber vor Turnierstart zweifelten die Experten, ob die Mannschaft mit Spielern wie Luiz Gustavo, Paulinho, Oscar oder Fred als essenzielle Bestandteile wirklich gut genug ist, um die Erwartungen zu erfüllen. Der junge Neymar spielte sich in den Mittelpunkt, war der bestimmende Akteur. Es fehlte ihm aber an Unterstützung. Nach seiner Verletzung waren die Träume dahin, Trainer Luiz Felipe Scolari sah entgeistert zu, wie die DFB-Elf im Halbfinale mit 7:1 gegen den Gastgeber gewann.

Wiederum vier Jahre später stand nicht mehr Scolari, sondern Tite an der Seitenlinie. Der gleiche Trainer, der das Team auch diesmal betreut. Im Tor duellierten sich schon Ederson und Alisson, auch Spieler wie Marquinhos oder Casemiro standen zur Verfügung. Dass Brasilien noch nie einer Entwicklung steckt, war einerseits an der Kaderbreite zu erkennen, andererseits an den Leistungen. Denn auch in Russland war von Zauberfußball nicht viel zu sehen. Eine solide Gruppenphase und ein 2:0 gegen Mexiko im Achtelfinale konnten die Niederlage im Viertelfinale gegen Belgien (1:2) nicht verhindern. Die letzten WM-Turniere vergingen also ohne eine brasilianische Feier.

Brasilien Neymar

(Photo by EVARISTO SA/AFP via Getty Images)

 

Neymar: Auf dem Zenit seiner Karriere

Titel bei großen Turnieren zu gewinnen, ist selten Zufall. Solche Erfolge sind lange vorbereitet, Kader wachsen zusammen, Hierarchien entstehen. Und fast immer gibt es zwei oder drei Schlüsselfiguren, die den Unterschied ausmachen. Hoffnungsträger sozusagen. Spieler, an denen sich auch der restliche Kader hochziehen kann, weil die Qualitäten, in welchem Bereich auch immer, derart überragend sind. Während Brasilien bei diesem Turnier in der Spitze und der Breite von einer ganz neuen Generation um Eder Militao (24), Bruno Guimaraes (25), Lucas Paqueta (25), Gabriel Jesus (25), Gabriel Martinelli (21) oder Vinicius Junior (22) profitiert, die fast alle ihre erste Weltmeisterschaft spielen, sind andere Spieler schon lange dabei und mittlerweile gereift.

Fabinho (29) ist ein solches Beispiel. Er kann und soll gemeinsam mit Casemiro (30) im Mittelfeldzentrum für Ordnung sorgen. Diese Spieler wissen, wie es ist, große Titel zu gewinnen. Ein solcher blieb Neymar zwar mit PSG auf internationaler Ebene noch vergönnt, aber er arbeitet daran, dies zu ändern. Dem Offensivspieler haftet weiterhin das Image des theatralischen Schauspielers an und diese Seite an Neymar kommt mitunter auch noch zum Vorschein, aber seltener als früher. Dahingehend hat er sich entwickelt und rein sportlich gab es wohl kaum eine Phase in der Karriere des 30-Jährigen, in der er so wichtig für seine Mannschaften war. Weil er individuell herausragt.

Neymar

(Photo by FRANCK FIFE/AFP via Getty Images)

Die Zahlen sprechen für sich: 20 Pflichtspiele, 15 Tore und zwölf Vorlagen. Alle 60 Minuten ist Neymar an einem Tor beteiligt. Und das sind nur die direkten Scorerpunkte, nicht einberechnet sind dabei die Aktionen, in denen er mit einem Dribbling, einem klugen Pass oder nur einem Laufweg Räume öffnet und Angriffe und schließlich Tore initiiert. Aus dem Brasilianer ist noch immer kein 90 Minuten ackernder Pressingspieler geworden, aber auch er trägt im Spiel gegen den Ball seinen Teil bei. Und ganz ehrlich: Ganz große Teams können es sich oftmals erlauben, ihrem besten Fußballer Freiheiten einzuräumen. Zweifelsohne befindet sich der PSG-Spieler derzeit auf dem Zenit seiner Karriere, ist zudem aktuell topfit. Da kommt eine Weltmeisterschaft genau zur richtigen Zeit.

Olympia als Beispiel für Neymar

2014 bei der Heim-WM war die Last auf den Schultern Neymars zu groß. Seine Leistungen waren zwar gut, der hohe Druck machte sich aber oft bemerkbar, zudem fehlte ihm die Unterstützung. Allerdings hat der Offensivstar bereits ein Turnier, in dem er als Hoffnungsträger seiner Mannschaft galt, erfolgreich bestritten: Die olympischen Spiele 2016. Damals noch in Diensten des FC Barcelona war er die Schlüsselfigur. Marquinhos, Renato Augusto und Felipe Anderson waren andere bekannte Namen, ansonsten führte der damals 24-Jährige eine sehr junge Mannschaft an. Er war Dreh- und Angelpunkt, sorgte immer für Gefahr und gab dem eigenen Team jederzeit das Gefühl, dass er etwas Besonderes kreieren könnte. 

Das Turnier 2016 war kein Spektakel, startete mit zwei Nullnummern gegen Südafrika und den Irak. Ein 4:0 im dritten Gruppenspiel gegen Dänemark brachte die Seleçao in die K.O.-Runde. Dort folgten ein 2:0 gegen Kolumbien und ein 6:0 gegen Honduras, im Endspiel gegen Deutschland musste das Elfmeterschießen her. Neymar brachte Brasilien nicht nur in der regulären Spielzeit in Führung, er verwandelte auch den entscheidenden Elfmeter zum 5:4 und zum Olympiasieg. Ein Fingerzeig könnte auch die Copa America 2019 gewesen sein, denn hier feierte Brasilien sogar ohne Neymar den Titel. Der Reifeprozess in der Mannschaft ist nicht von der Hand zu weisen. 

Klar, Neymar ist das Aushängeschild der brasilianischen Auswahl, aber endlich hat er bei einer Weltmeisterschaft eine Basis um und hinter sich, um seine Qualitäten noch besser zur Geltung bringen zu können. Zudem wird die Aufgabe für die gegnerischen Defensivreihen umso komplizierter, je stärker das Team in der Spitze wie Breite besetzt ist. Brasilien hat den besten Kader seit langer Zeit zur Verfügung, das steht trotz kleiner Fragezeichen in der Defensive außer Frage. Ob Hoffnungsträger Neymar die Seleçao am Ende zum Titel führt und die Sehnsucht der Anhänger befriedigt, wird sich zeigen. Die Bedingungen sind auf jeden Fall besser als bei den letzten Turnieren.

(Photo by ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP via Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.

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