Wüsten-WM: Eine Klima-Katarstrophe

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WM 2022

Spotlight | Seit vielen Jahren zeigen sich Fifa und WM-Gastgeber Katar stolz ob der so vielen Versprechungen, die Weltmeisterschaft möglichst nachhaltig zu gestalten. Viele Projekte erscheinen auf den ersten Blick klimatisch sinnvoll, doch der zweite Blick verrät: Bei dieser Winter-WM wird aktiv Greenwashing betrieben. Zudem stellt sich die Frage der historischen Klima-Ungerechtigkeit.

WM: Katar verspricht Klimaneutralität

Wer die Fifa und Präsident Gianni Infantino (52) nur ein wenig kennt, wird wissen: ohne Superlative kommen kein Statement und keine Rede aus. So versprach Infantino im Vorfeld des WM-Starts, die Welt würde die „beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“ erwarten können – eine Farce, angesichts der Menschenrechtsverletzungen des Landes, der vielen toten Gastarbeiter:innen und der vorangegangenen Korruption. Und auch beim Thema Nachhaltigkeit hatte es der 52-jährige Schweizer keine Nummer kleiner. Er versprach nicht weniger als die historisch „nachhaltigste WM“, man werde bezüglich der Klimabilanz des Turnieres „neue Maßstäbe setzen.“

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(Photo by KARIM JAAFAR/AFP via Getty Images)

Doch auch hier gilt: wer die Fifa und Infantino schon länger beobachtet, weiß, dass solchen Aussagen nicht getraut werden kann. Bereits bei seiner Bewerbung präsentierte sich Katar als äußerst umweltbewusstes Land. Und das, obwohl Katar 2019 noch die schlechteste Umweltbilanz pro Kopf auf der gesamten Welt hatte. Der Gastgeber wolle beim Stadionbau und weiteren Thematiken neue Wege gehen. Das Versprechen: das erste klimaneutrale (!) Fußballturnier aller Zeiten. Katar gab sich selbst die Mission, „alle Treibhausgasemissionen der Fifa Fußballweltmeisterschaft 2022 zu messen, zu reduzieren und auszugleichen“. Ein Unterfangen – soviel sei vorweggenommen – das der Wüstenstaat krachend verfehlen wird.

Warum wir über die WM 2022 in Katar berichten

3.500 Fan-Flüge: Katar scheitert an sich selbst

Die Gründe dafür, dass Experten wie Christian Behrens von der Deutschen Umwelthilfe klarstellen, die WM-Vergabe sei „aus ökologischer Sicht eine verheerende Entscheidung“ gewesen, sind zahlreich. Sie beginnen bereits bei der Logistik für die Fußballfans, die für das Turnier anreisen werden. Katar hat die Größe Schleswig-Holsteins und nur 30.000 Hotelzimmer zu bieten – all die Zuschauer, Medienvertreter und Funktionäre bei sich unterzubringen, ist somit schlichtweg nicht möglich. Für das Turnier müssen viele Menschen deshalb in Nachbarländern untergebracht werden. Ein klimabilanzielles Fiasko, da Katar „Luftbrücken“ plant. So soll es täglich bis zu 160 Pendelflüge geben, bei 28 Turniertagen sind das 3.520 Flüge – eine Katastrophe bezüglich der CO2-Emissionen.

Der offizielle Fanclub der Deutschen Nationalmannschaft wird beispielsweise in Dubai untergebracht – 70 Flugminuten von Doha entfernt, die sie mindestens jedes Gruppenspiel zweimal zurücklegen werden. Eine weitere Übernachtungsmöglichkeit wird mit zwei Kreuzfahrtschiffen, die am katarischen Hafen anlegen, geboten. Solche Schiffe haben bekanntermaßen ebenfalls eine katastrophale Klimabilanz, werden aber jeden Tag durchgängig laufen müssen. Darüber hinaus entstehen in der Wüste Zeltstädte. Ob diese allzu sauber sind, darf bezweifelt werden. Eine Weltmeisterschaft an ein Land zu vergeben, das offensichtlich zu klein für solch eine Austragung ist, reiht sich nahtlos in die vielen Zweifel an der Fifa ein.

„Nachhaltige“ Stadion sind Augenwischerei

Etwas, mit dem sich Katar sehr stark brüstet, ist die Konstruktion einiger WM-Stadien. Hierbei wird fortlaufend betont, wie auch hier revolutionär nachhaltig gearbeitet wird. Beispielsweise lassen sich einige Stadien teilweise oder sogar gänzlich rückbauen. So gilt das Stadion Namens „974“ als Vorzeigeprojekt. In eben jener Arena sind 974 Schiffscontainer verbaut, die der Statik helfen und nach dem Turnier anderweitig genutzt werden können. Grundsätzlich eine gute und löbliche Idee. Allerdings wiegt der Fakt, dass in erster Instanz Ressourcen (und damit Emissionen) für den Stadionbau verbraucht werden mussten, eben sehr viel schwerer. Ein Rückbau oder Weitertransport von Bauteilen macht das nicht ungeschehen.

(Photo by DAVID GANNON/AFP via Getty Images)

Insgesamt acht Stadien wurden für die WM modernisiert oder komplett neu errichtet. In sieben von ihnen wird die Temperatur während der Partien künstlich heruntergekühlt – auch das ist ein schmerzhafter Emissionsverbrauch. Knapp 6,3 Milliarden Euro hat sich Katar die Stadioninfrastruktur kosten lassen. Weitere knapp 35 Millionen Euro sind in das U-Bahn-Netz, das die Fans zu fünf von acht Austragungsorten bringt, geflossen. Auch hier werden die Stationen und Bahnen künstlich heruntergekühlt. Es wird allerdings stark daran gezweifelt, dass die Stadien und die U-Bahn nach dem Turnier noch ausreichend genutzt werden. Die knapp 2,7 Millionen Einwohner Katars werden das öffentliche Verkehrsnetz kaum in Betracht ziehen. In der Zwei-Klassen-Gesellschaft gilt unter den Reichen das Auto als Statussymbol – die Armen, meist Gastarbeiter, werden sich die U-Bahn gar nicht erst leisten können. Sollte es wie erwartet so kommen, wäre auch das das genaue Gegenteil von Nachhaltigkeit.

Katar rechnet seinen CO2-Ausstoß schön

Doch ob Klima-untaugliche Unterbringungsmöglichkeiten, tausende Kurzstreckenflüge, Emissionsungetüme wie Stadien und ein kaum genutztes und zum Großteil von Erdöl betriebenes U-Bahn-Netz – die Kritik daran prallt meist an der von Katar vorgeschobenen Klimaneutralität ab. Zur Erinnerung: Der WM-Gastgeber schickt sich an, „alle Treibhausgasemissionen der Fifa Fußballweltmeisterschaft 2022 zu messen, zu reduzieren und auszugleichen.“ Emissionen auszugleichen, klingt zunächst gut, ist aber ein Taschenspielertrick – denn so einfach funktioniert es nicht. Das fängt bereits bei der zugrundeliegenden Idee an, die nur so nach Greenwashing schreit.

(Photo by Ross Kinnaird/Getty Images)

Laut der Fifa werden aberwitzige 3,6 Millionen Tonnen CO2 für die Weltmeisterschaft verbraucht. Das 11Freunde-Magazin vergleicht das mit dem gesamten Jahresverbrauch des Landes Mali (20,5 Millionen Einwohner). Und selbst diese Rechnung ist laut Experten in großem Maße schöngerechnet. Die unabhängige Organisation Carbon Market Watch (CMW) kommt allein bei der CO2-Berechnung der katarischen Stadien auf einen ökologischen Fußabdruck von 2,06 Millionen CO2 – und damit auf mehr als doppelt so viel wie von der Fifa angegeben. Zudem scheinen die tausenden Pendelflüge vom WM-Komitee gar nicht erst einberechnet zu werden. Recherchen der Sportschau zeigen, dass all die Flüge Sache von Qatar Airways wären – sie hätten sich um einen Emissionsausgleich zu kümmern, nicht Katar. Dass die Fluggesellschaft WM-Partner und untrennbar vom Staat anzusehen ist, wird nicht erwähnt – auch, ob und wie die vielen Flüge ausgeglichen werden sollen, wird verschwiegen.

Das Märchen des Emissionsausgleichs

Überhaupt ist bei dieser Art von Kompensationszahlung das große Problem, dass es keine verbindlichen Standards gibt – und so werden sie zur reinen Makulatur. So gibt Katar an, die Hälfte der WM-Emissionen – also 1,8 Tonnen CO2 – in Form von Investitionen in grüne Projekte auszugleichen. Hierfür wird in zwei türkische Anlagen für erneuerbare Energien investiert. Allerdings werden diese voraussichtlich nur 130.000 Tonnen CO2 binden können – ein Bruchteil des versprochenen Ausgleichs.

Die zweite Hälfte des Ausstoßes soll durch Bepflanzung CO2-bindender Bäume, Sträucher etc. ausgeglichen werden. Hierfür sollen insgesamt um die eine Millionen Pflanzen den Weg in die Erde finden. Doch hier wird es endgültig scheinheilig. Das liegt zum einen an den klimatischen Bedingungen in Katar, wo es schlichtweg zu heiß und trocken für diese Pflanzen ist. Deshalb müssen diese – wirklich wahr – künstlich bewässert werden. Bodour Al Meer, Nachhaltigkeitsbeauftragte des WM-Komitees, fügt zwar an, dass dieses Wasser recycelt wird, doch das macht die Sache nicht besser. Für jenen Recyclingprozess braucht es nämlich riesige Meerwasserentsalzungsanlagen. Diese verbrauchen extrem viel Energie, was den Bepflanzungsprozess ad absurdum führt.

Der wahnwitzigste Umstand des Emissionsausgleichs Katars ist aber folgender. Khaleb Diab von CMW erklärt: „Um einen echten Klimanutzen zu haben, muss Kohlenstoff für Jahrhunderte gespeichert bleiben, mindestens 200 bis 300 Jahre.“ Solange müssen die von Katar gepflanzten Bäume, Büsche usw. also mindestens überleben. „Wenn die Pflanzen vorher absterben, abgeholzt oder abgebrannt werden, wird der gespeicherte Kohlenstoff wieder in die Atmosphäre abgegeben.“ Und genau das wird wohl der Fall sein, denn 90 Prozent der Pflanzen sollen eine Lebensdauer von bestenfalls ein paar Jahrzehnten haben. Es wird also gar nicht zur benötigten Kohlenstoffspeicherung kommen. Es wäre naiv zu glauben, Katar und die Fifa wüssten von all dem nichts, sodass davon auszugehen ist, dass sie bewusst Greenwashing im großen Stil betreiben.

Das Problem der historischen Klima-Ungerechtigkeit

Die Klimafragen bezüglich der Weltmeisterschaft in Katar machen allerdings noch ein weiteres Thema auf: das der Klimagerechtigkeit. Dies ist ein normatives Konzept, das die Frage des Verursachers des menschengemachten Klimawandels auf die heutigen Verteilungsfragen miteinbezieht. Eine möglichst kurzgefasste Erklärung: Über Jahrhunderte hat der globale Westen durch seine Industrie für einen wirtschaftlichen Aufschwung und damit für einen vergleichsweise immensen Wohlstand sorgen können. Dafür war es allerdings nötig, Unmengen an Treibhausgasen zu produzieren und somit entscheidend zur Erderwärmung beizutragen. Eben jene Erderwärmung sorgt nun für ein immer größer werdendes Bewusstsein für klimapolitische Fragen, die in den nächsten Jahren beantwortet werden müssen, um den Klimawandel entscheidend auszubremsen.

Aufgrund der Globalisierung kommen jedoch immer mehr Regionen dieser Welt in den Genuss einer starken Industrie und damit wachsenden Wirtschaft. Diese geht jedoch mit einem enormen Klimaschaden einher, den sich die Menschheit eigentlich nicht mehr leisten kann. Hier kommt es zur historischen Ungerechtigkeit, denn die Länder, die in den letzten Jahrzehnten einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben, sollen diesen zugunsten des Klimas eigentlich nicht mehr ausleben dürfen, während die bereits wohlhabenden Ländern eben jenen Aufschwung über so viele Jahre genießen konnten.

In Bezug auf die Vergabe der Weltmeisterschaft bedeutet das, dass die Fifa ihr Turnier eigentlich nur noch an Länder vergeben dürfte, die bereits über eine funktionierende Infrastruktur an Stadien, Hotels und öffentlichem Nahverkehr verfügen. Eben jene Nationen müssten für Weltmeisterschaften eben deutlich weniger bauen und somit Emissionen ausstoßen als Nationen, die erst eine Infrastruktur hochziehen müssen. Beispiel: Eine WM in Deutschland, das bereits über all die Bundesliga-Stadien verfügt, wäre für die globale Klimabilanz deutlich leichter zu ertragen als es zuletzt in Katar, Südafrika oder gar Brasilien der Fall gewesen ist. Das würde allerdings bedeuten, dass ganze Regionen von der Austragung einer WM ausgeschlossen werden müssten.

(Photo by GIUSEPPE CACACE/AFP via Getty Images)

Die Kritik an Katar ist in ihren Facetten und ihrer Lautstärke absolut berechtigt, jedoch beschreiben Nahost-Experten, dass dieses Turnier einen enormen emotionalen Wert für die Menschen dort hat. Es ist die erste Weltmeisterschaft in der arabischen Welt, die Menschen fühlen sich gesehen. Eigentlich ist diese Kraft des Fußballs eine ganz wunderbare, doch das moralische Dilemma, nicht weiter zum Klimawandel beitragen zu können, stellt die sehr unangenehme Frage, ob Turniere in diesen Teilen der Welt zukünftig noch stattfinden können. Die noch viel unangenehmere Frage wird allerdings sein, ob die Fifa all diese Aspekte überhaupt in ihre Überlegungen miteinbezieht.

Marc Schwitzky

(Photo by KARIM JAAFAR/AFP via Getty Images)

Marc Schwitzky

Erst entfachte Marcelinho die Liebe zum Spiel, dann lieferte Jürgen Klopp die taktische Offenbarung nach. Freund des intensiven schnellen Spiels und der Talentförderung. Bundesliga-Experte und Wortspielakrobat. Seit 2020 im 90PLUS-Team.

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