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Bayern-Kaderserie | Das Mittelfeld: Sicher ist fast niemand!

23. Februar 2024 | Spotlight | BY Manuel Behlert

Der FC Bayern München steht vor einem größeren personellen Umbruch im Sommer. Auch, weil Thomas Tuchel den Verein spätestens dann nicht mehr als Cheftrainer betreuen wird. In nahezu allen Mannschaftsteilen und auf allen Positionen wird eine detaillierte Bestandsaufnahme vorgenommen, um im nächsten Schritt zu entscheiden, wo und wie gehandelt wird. 

FC Bayern: Ein Sommer, der seinesgleichen sucht?

Gründe, die dazu führten, dass es dem Kader aktuell an Homogenität, aber auch einer ganz klaren, stringenten Ausrichtung fehlt, gibt es reichlich. In den letzten Jahren wurden einige Fehler gemacht, die aufeinander aufbauten. Das führte dazu, dass es aktuell nahezu in jedem Mannschaftsteil Nachholbedarf gibt. Sei es bei der aktuell vorhandenen Qualität, der Ausrichtung für die kommenden Jahre oder gar beide Komponenten kombiniert. Vieles, wenn nicht gar alles, hängt miteinander zusammen. Die Entscheidung, ob ein Spieler seinen Vertrag verlängert oder nicht, hat Auswirkungen auf die Planung. Deswegen müssen die Verantwortlichen sehr viele Elemente gleichzeitig im Blick haben und verschiedene Szenarien entwerfen.

 



Der FC Bayern wird im Sommer einige grundsätzliche Entscheidungen treffen müssen. Einzelne Personalien wie Alphonso Davies, dessen Abgang oder Verbleib Auswirkungen auf die Planung in der gesamten Defensive haben wird, müssen ebenso thematisiert werden wie die Frage, welche Art Fußball man spielen wird. Letzteres hängt das auch vom Trainer ab, der noch nicht gefunden ist. Auch das verkompliziert die Lage noch einmal deutlich. Klar ist vor allem eines: Alles steht auf dem Prüfstand. Deswegen beleuchteten wir zunächst die Ausgangslage und stellten die Frage, warum der Umbruch so notwendig ist. Anschließend ging es um die Planungen im Tor und in der Defensive, die zu einem gewissen Teil mit dem Mittelfeld zusammenhängt. Um dieses Mittelfeld soll es diesmal gehen.

Das Mittelfeld des FC Bayern ist gespickt mit Fragezeichen

Zunächst einmal muss die Ausgangslage im Mittelfeld unter die Lupe genommen werden. Warum herrschen dort überhaupt Probleme? Das liegt daran, dass die Spielertypen nicht perfekt zusammenpassen. Und das gilt nicht erst seit dieser Saison, seit dem Abgang von Thiago Alcantara fehlt es an ganz bestimmten Elementen. Kurz: Ein Spieler, der sowohl gute Arbeit gegen den Ball verrichtet als auch fußballerische Akzente setzen kann. Die Paarung Leon Goretzka und Joshua Kimmich mag nominell sehr prominent klingen, aber beide sind keine klassischen Sechser. Es müssen also Kompromisse eingegangen werden, die im Endeffekt dafür sorgen, dass die Mannschaft nicht gestärkt wird und die besagten Spieler ihre Qualitäten nicht vollends ausspielen können.

Kimmich Goretzka Bayern

(Photo by Christian Kaspar-Bartke/Getty Images)

Konrad Laimer, der vor der Saison aus Leipzig kam, konnte das Vakuum auch nicht schließen. Davon war aber aufgrund des Qualitätsspektrums des Österreichers auch nicht auszugehen. Er füllt seine Rolle nach seiner Unterschrift gemessen an seinen Fähigkeiten ordentlich aus, ist gewohnt laufstark, gewinnt Zweikämpfe, aber die fußballerischen Defizite sind immer wieder sichtbar, sei es unter Gegnerdruck oder im offensiven Drittel. Ein Lichtblick der Saison war Aleksandar Pavlovic, der aufgrund der vielen Ausfälle sukzessive mehr in den Fokus rückte, häufiger im Kader und auch in der Startelf zu finden war. Er spielte unbekümmert, sammelte schon die ersten Tore in der Bundesliga, ist aber – und da wird das Dilemma deutlich – auch kein klassischer 6er, wie ihn der Rekordmeister benötigt.

Es fehlte also an der Homogenität im Mittelfeld. Wie schon in den Jahren zuvor. Auf der wohl wichtigsten Position im Fußball immer wieder Kompromisse eingehen zu müssen, kann nicht das Ziel eines großen Klubs sein. Das weiß auch Thomas Tuchel, der als verantwortlicher Trainer schon vor der Saison deutlich machte, dass er gerne noch nachlegen würde. Das funktionierte aber weder im Sommer noch im Winter. Bleibt zu hoffen, dass auch nach dem Tuchel-Abgang der Fokus drauf liegt, diese Position endlich so aufzustellen, wie es eines Topklubs würdig ist.

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Musiala als einzig unantastbarer Spieler?

Ein Spieler aus dem Mittelfeldzentrum wurde noch nicht genauer unter die Lupe genommen: Jamal Musiala. Der 20-Jährige ist die Zukunft des FC Bayern, das sehen nahezu alle Verantwortlichen intern so. Er gehört zu den Spielern, die technisch auf dem höchsten Niveau sind, schon jetzt entscheidet er regelmäßig Spiele, bringt seine Kreativität ein. Die Saison 2023/24 war bisher gut, aber nicht perfekt, was auch an den schwankenden Leistungen der gesamten restlichen Mannschaft liegt, ebenso an kleinen Blessuren, die ihn zwischenzeitlich zurückwarfen. Wichtig ist nun, den 2026 auslaufenden Vertrag mit dem Nationalspieler frühzeitig zu verlängern.

Aktuell gibt es keine intensiven Gespräche, aber auch keine Gedanken hinsichtlich der Spielerseite, den Rekordmeister vorzeitig zu verlassen. Das ist die gute Nachricht in der Causa Musiala. Allerdings muss bedacht werden, dass Spieler von seiner Klasse immer nach dem Maximum streben. Entfernt sich der FC Bayern nun weiter von der internationalen Spitze, muss auch Musiala darüber nachdenken, den Klub zu verlassen, um sich selbst sportlich im idealen Umfang weiterentwickeln zu können. Verhindert werden kann ein solcher Abgang bestenfalls durch kluge Entscheidungen in der Kaderplanung, die den gesamten Klub vorwärts bringen.

Bayern

(Photo by Sebastian Widmann/Getty Images)

Gemessen am Potenzial und der Bedeutung für den Kader scheint der 20-Jährige derzeit der einzig unantastbare Spieler im Mittelfeldzentrum zu sein. Im Fall von Kimmich sind Bedeutung und individuelle Klasse nicht von der Hand zu weisen, allerdings muss der Klub auch ihm helfen, um die Leaderrolle ausfüllen zu können, die ihm selbst vorschwebt. Ein Kimmich-Abgang ist nicht ausgeschlossen, deutet sich aktuell aber nicht an. Der Vertrag läuft noch bis 2025, die Gespräche werden wohl erst dann vertieft, wenn der neue Trainer feststeht.

Auch auf Goretzka trifft das zu. Genau wie bei Kimmich waren seine Leistungen in dieser Saison zu häufig entfernt vom eigenen Optimum. Deswegen wird intern auch über ihn nachgedacht, auch unter Tuchel soll Goretzka im Sommer 2023 laut The Athletic bayernintern schon als Wackelkandidat gesehen worden sein. Ein Abgang im Sommer 2024 scheint nicht ausgeschlossen zu sein, die Gesamtsituation wird aber in den kommenden Wochen und Monaten neu analysiert und beurteilt.

Bayern-Sommer: Kimmich-Zukunft, ein neuer Sechser – und mehr?

Es wäre in jedem Fall ungewöhnlich, wenn Max Eberl, Christoph Freund und ein neuer Trainer gemeinsam zu der Entscheidung kommen, keinen neuen Sechser zu holen. Eine Neuverpflichtung dagegen hätte zur Folge, dass – gemessen daran, dass Raphael Guerreiro auch noch eine Option für das Mittelfeld ist – zumindest ein Spieler abgegeben wird. Wie bereits erwähnt könnte das auf Goretzka zutreffen, gerade weil Laimer zusätzlich zur Position im Zentrum auch als Außenverteidiger einsetzbar ist. Derzeit ist die Situation bei Goretzka aber unverändert: Er fühlt sich in München wohl und will den Klub eigentlich nicht verlassen. Dass nach der Europameisterschaft die Karten neu gemischt werden, ist aber nicht auszuschließen.

Die Personalie Pavlovic ist indes eine, die relativ einfach zu entscheiden ist. Mit ihm wurde langfristig verlängert, im Klub schwärmt man in höchsten Tönen von ihm und wenn die Zusammenstellung im Mittelfeld am Ende dafür sorgt, dass er keine Perspektive hat, regelmäßig eingesetzt zu werden, wird eine Leihe zur Weiterentwicklung forciert. Wie schon in der Defensive wird also deutlich, dass die Personalentscheidungen alle irgendwie miteinander zusammenhängen. Doch welche Sechser könnten überhaupt zum Rekordmeister wechseln und was würden sie einbringen?

 



Das ist die entscheidende Frage. Joao Palhinha vom FC Fulham war der Wunschkandidat im Sommer 2023, im Winter wurde das aber nicht weiter forciert. Er ist ein zweikampfstarker Spieler, der auch mit dem Ball umgehen kann, aber kein ausgewiesener Kreativitätsspieler aus der Tiefe. Ob die Gespräche noch einmal aufgenommen werden, ist aktuell noch nicht absehbar. Ein weiterer Akteur, der mit dem FC Bayern in Verbindung gebracht wird, ist Martin Zubimendi von Real Sociedad. Er verfügt über eine Ausstiegsklausel, die bei 60 Millionen Euro liegt. Sollte er von einem Wechsel überzeugt werden können, müssen keine Verhandlungen geführt werden.

Er würde ein gutes Gesamtpaket mitbringen, verfügt über eine gute Technik, läuft viele Lücken zu. Der Rekordmeister muss sich zwangsläufig mit Spielern dieser Kategorie beschäftigen, denn einen Sechser wie Aurelien Tchouameni, Declan Rice oder Rodri von den absoluten Topteams in Europa wegzulotsen, ist schier unmöglich. Weitere Kandidaten, die je nach Verlauf des Sommertransferfensters eine Rolle beim FC Bayern spielen könnten, wären Amadou Onana vom FC Everton, Joao Neves, der derzeit bei Benfica spielt oder Ismael Bennacer von Milan, der nach längerer Verletzung langsam aber sicher wieder zu seiner  Topform findet. Was genau im Sommer im Mittelfeld des FC Bayern passiert, steht noch in den Sternen. Es ist auf jeden Fall nicht auszuschließen, dass es sogar mehr als nur ein oder zwei Veränderungen geben wird. 

(Photo by ALBERTO PIZZOLI/AFP via Getty Images)

Manuel Behlert

Vom Spitzenfußball bis zum 17-jährigen Nachwuchstalent aus Dänemark: Manu interessiert sich für alle Facetten im Weltfußball. Seit 2017 im 90PLUS-Team. Lässt sich vor allem von sehenswertem Offensivfußball begeistern.


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