EM 2021 | Italien: Ein Europameister mit kleinen Fragezeichen

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Spotlight | Erstmals seit 1968 ist Italien wieder Europameister. Im Finale bezwangen sie England 4:3 nach Elfmeterschießen. Damit ist der Höhepunkt der bisherigen Entwicklung unter Roberto Mancini erreicht. Trotzdem gilt es diesen Titel als Motivation zu verstehen. Denn bei aller Euphorie offenbarte die Mannschaft noch immer große Schwächen.

Wie Italien vom Außenseiter zum Favoriten wurde

Und dann war es tatsächlich passiert. Nachdem Gianluigi Donnarumma (22) auch den Elfmeter von Bukayo Saka (19) hielt, stand Italien als Europameister fest. Rund 7000 Italiener waren in Wembley anwesend, zentral mittig im Unterrang platziert. Vielleicht auch mit dem Hintergedanken, ihnen im Falle eines englischen Sieges das Verlassen des Stadions so bequem wie möglich zu machen. Doch anstatt ihnen, gingen alle anderen. Anstatt weiß-rot leuchtete das Stadion – mitsamt Bogen – rot-weiß-grün. Anstatt den „Three Lions“ lief Deutschlands Weltmeistersong von 1990 „Un‘ estate italiana“. Football’s not coming home, it’s coming to Rome.

 

 

Italien ist der verdiente Sieger dieses Turniers. Dass es soweit kommen würde, hätten alle Beteiligten noch vor einem Monat selbst kaum geglaubt. Die großen Favoriten waren zu Beginn der Europameisterschaft Frankreich, Titelverteidiger Portugal oder Belgien. Bisweilen herrschte sogar der Narrativ, diese überaus talentierte französische Mannschaft könne sich nur selbst besiegen, ihrer „Konkurrenz“ sei sie längst entwachsen. Italien galt als ein gutes Team, das man durchaus auf dem Zettel haben sollte. Aber der generelle Konsens war, dass der Titel für sie – drei Jahre nach der verpassten WM – noch zu früh kommt.

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Keine Topstars, sondern eine Mannschaft

Also mussten sie sich die Anerkennung auf dem Platz zurückerarbeiten – und das taten sie auch. Besonders in der Gruppenphase demonstrierte Italien großen Spielwitz und Torgefahr, wurde zur ersten Mannschaft, die die Vorrunde ohne Gegentor und Punktverlust abschließen konnte. Ab dem Achtelfinale zeigten sie, dass sie – trotz aller Dominanz – noch immer genau wissen, wie man ein Ergebnis sicher ins Ziel bringt. Tapfer kämpfende Österreicher mussten sich genauso 1:2 geschlagen geben, wie die mitfavorisierten Belgier. In Wembley behielten sie zweimal vom Punkt den kühleren Kopf.

Nicht zuletzt auch, weil Roberto Mancini (56) in Ermangelung von Topstars, wie es in der Vergangenheit Roberto Baggio, Alessandro Del Piero, Gianluigi Buffon, Gennaro Gattuso oder Andrea Pirlo waren, eine echte Mannschaft geformt hat. Aufbauend auf der Defensivzentrale aus Giorgio Chiellini (36) und Leonardo Bonucci (34) hatte die Mannschaft mit Jorginho (29) eine solide Schaltzentrale. Marco Verratti (28) und Nicolò Barella (24) sorgten für die nötige Kreativität im Mittelfeld. Vorne verfügt die Mannschaft über schnelle und technisch starke Stürmer, wie Lorenzo Insigne (30) und Federico Chiesa (23).

Mit Domenico Berardi (26), Manuel Locatelli (23) oder Matteo Pessina (24) gab auch die Bank einiges an Qualität her. Das nutzte Mancini auch. Mit Ausnahme des dritten Torhüters Alex Meret (24) kam jeder Spieler mindestens einmal zum Einsatz. Und auch das Toreschießen blieb nicht an einem Spieler allein hängen, denn keiner der Akteure in blau traf während des Turniers öfter als zweimal.

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Italien: Großer Fußball, aber auch noch große Defizite

Italien hat bewiesen, dass es nicht zwingend große Namen braucht, um großen und ansehnlichen Fußball zu spielen. Trotzdem bleiben für die nähere Zukunft Fragen offen. Den bei aller Gelassenheit, die die Mannschaft während dieser Europameisterschaft ausstrahlte, bei aller Abgezocktheit und Erfahrung, offenbarte man vor allem während der K.O.-Runde mehrmals eklatante Schwächen.

Photo Andrea Staccioli/Insidefoto/imago

Stammspieler können qualitativ nur schwer ersetzt werden. Als gegen Österreich Francesco Acerbi (33) für den verletzten Chiellini spielte, wirkte die Abwehr wesentlich unsicherer, gegen Belgien gestattete man beim Stand von 2:1 zwei hochkarätige Chancen, weil man in Kontersituationen den Sechserraum sträflich offen ließ. Auch Spanien hatte zwar mehrere klarste Torchancen, ihnen fehlte aber der offensive Punch, um diese angemessen zu nutzen.

Im Finale gegen England wirkte Italien – vor allem in der ersten Halbzeit – fahrig, ihnen unterliefen viele einfache Ballverluste im Mittelfeld. Bis zu Chiesas Einzelaktion in der 35. Minute hatten die Azzurri offensiv so gut wie nichts vorzuweisen und konnten von Glück sprechen, dass sich England mit der Führung im Rücken zurückzog, statt den Heimvorteil zu nutzen und aktiv darauf aufzubauen. Auch taktisch waren sie während dieser Phase eindeutig die zweitbeste Mannschaft auf dem Platz. Zudem ist fraglich, ob dieses Konzept, ohne echten Torgaranten zu spielen, auch ein zweites Mal aufgehen wird.

Für die WM 2022 werden die Karten neu gemischt. Roberto Mancini darf sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern muss die Mannschaft weiter entwickeln und vor allem geeignete Nachfolger für Chiellini und Bonucci finden. Ansonsten droht dieses Italien ein One-Hit-Wonder zu bleiben.

Copyright: Paul Chesterton/imago

Victor Catalina

 

Victor Catalina

Mit Hitzfelds Bayern aufgewachsen, in Dortmund studiert und Sheffield das eigene Handwerk perfektioniert. Für 90PLUS immer bestens über die Vergangenheit und Gegenwart des europäischen Fußballs sowie seine Statistiken informiert.

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