EM 2021 | Italienische Titelträume: Kommt der Favorit ins Nachdenken?

Italien EM 2021
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Gegen Österreich hatten viele mit einer klaren Angelegenheit gerechnet. Nach einer beeindruckenden Vorrunde seitens Italien schien die Frage nicht zu sein, ob, sondern wie deutlich sie ins Viertelfinale der EM 2021 einziehen. Doch mehr oder weniger überraschende Österreicher zwangen den Favoriten zum Nachsitzen.

Italien beginnt dominant

45 Minuten lang sah es danach aus, dass die Italiener alle Erwartungen erfüllen würden. Zwar stand es zur Pause noch 0:0, aber mit 11:1 Torschüssen, einer dominanten sowie kontrollierten Leistung und mit einer stabilen Defensive schien das Weiterkommen im zweiten Durchgang nur noch Formsache zu sein.

Österreich begann zwar durchaus mutig, letztendlich aber viel zu unsortiert und wild, um den favorisierten Italienern Paroli bieten zu können. Immer wieder taten sich beim höheren Pressing eklatante Lücken auf. Vertikal – also zwischen den Verteidigungslinien – und horizontal – also in den Schnittstellen der Viererkette beispielsweise – fand Italien viel Angriffsfläche. Es haperte eher an kleinen Details als am Großen und Ganzen.

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Photo by Imago

Beispielsweise fehlte ihnen nach Angriffen über die Flügel immer mal wieder ein Spieler, der den Rückraum besetzt – man könnte es auch den „Locatelli-Raum“ nennen. Der in der Gruppenphase überzeugende Mittelfeldmann musste nämlich Platz machen. Marco Verratti (28) kehrte zurück in die A-Elf der Squadra Azzurra. Und das war trotz dieses kleinen Detailproblems gut so. Denn gegen vor allem im Zentrum aggressive Österreicher waren er und Jorginho (29) sehr wertvoll.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten rissen die beiden Taktgeber die Partie an sich und Österreich lief nur noch hinterher. Es ist schlicht beeindruckend, mit welcher Präzision und mit welchem Tempo die Italiener agieren können. Sie besetzen die Räume stets so, dass der ballführende Spieler mindestens zwei, oder gar drei Passoptionen hat. Das spart Zeit und führt beim Gegner dazu, dass das Pressing häufiger mal ins Leere läuft.

Einbruch in der zweiten Halbzeit: Spürbares Nachdenken

So weit, so erwartbar. Doch dann folgte eine zweite Halbzeit zum Vergessen für die Mannschaft von Roberto Mancini (56). Die erste für Italien bei der EM 2021. Je länger es 0:0 stand, desto unkonzentrierter und vor allem auch ungeduldiger wurde seine Mannschaft. Es schien fast so, als würden die Italiener plötzlich Selbstzweifel bekommen. Als würden sie daran zweifeln, dass ihr System sie zum Sieg tragen kann. Statt geduldig und kontrolliert weiter darauf zu warten, dass die Chance zum 1:0 kommt, ließen sie sich auf einen offenen Schlagabtausch mit den Österreichern ein.

All die Angriffs- und Ballzirkulationsmuster, die dieses Team auszeichnen, schienen plötzlich vergessen worden zu sein. Statt den Ball laufen zu lassen, sprintete Außenverteidiger Leonardo Spinazzola (28) mit ihm am Fuß plötzlich einmal über den gesamten Platz, um sich dann in einer Wand aus Österreichern festzulaufen. Statt abzustoppen und Österreich mit mehreren Pässen und Seitenverlagerungen auseinanderzuziehen, ging es nur noch mit der Brechstange nach vorn. Plötzlich war Italien nicht mehr die Summe aus in einem System gut funktionierenden Einzelteilen, sondern sie bestanden fast nur noch aus ihren Einzelteilen. Sie versuchten, ein Ergebnis zu erzwingen und gingen damit in ein Risiko, das sie nicht mehr kontrollieren konnten. Es schien fast so, als kämen sie ins Nachdenken darüber, ob der geduldige Ansatz das gewünschte Ergebnis bringt. 

Österreich selbst hatte daran natürlich einen großen Anteil. Nach der eher schwächeren ersten Halbzeit passten sie sich auf das sehr linkslastige Spiel der Italiener an, indem sie auf der eigenen rechten Seite die Räume weiter verknappten. Konrad Laimer (24, Rechts im Mittelfeld), Xaver Schlager (23, rechter Achter) und Stefan Lainer (28, Rechtsverteidiger) machten hier einen überragenden Job. Immer wieder fingen sie die dynamischen Läufe des in der ersten Halbzeit noch stark aufspielenden Spinazzola ab und stellten die Räume zu, die der einrückende Spielmacher Lorenzo Insigne bespielen wollte.

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EM 2021: Italien verdient sich Viertelfinale durch bessere Verlängerung

Das kluge Verschieben der Österreicher dürfte dazu beigetragen haben, dass das Angriffsspiel der Italiener ins Stocken geriet. Auch die merklich schwindende Fitness von Verratti war ein Faktor für die Mancini-Elf. Dass die Italiener aber derart offensichtlich ins Nachdenken kommen und sich so aus der Bahn werfen lassen, ist angesichts der zuvor 30 ungeschlagenen Partien und einer starken ersten Halbzeit bemerkenswert.

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Beinahe hätte sie diese zweite Halbzeit das Turnier gekostet. Dass es letztendlich doch noch ein italienisches Happyend gab, ist dem VAR zu verdanken, der zurecht das Abseits von Torschütze Marko Arnautovic erkannte und den Führungstreffer der Österreicher zurücknahm. Doch es ist auch Mancini zu verdanken, dem es in der kurzen Phase zwischen dem Ende der zweiten Halbzeit und dem Anpfiff der Verlängerung schaffte, seine Mannschaft wieder zu beruhigen und sie zurück in die taktischen Muster zu bringen.

Denn in der Verlängerung waren die Italiener zunächst wieder genau das, was sie so stark macht: Sehr gut organisiert. Mit Druck nach vorn, ohne hinten etwas anzubieten. Mit Ballkontrolle, ohne an Vertikalität einzubüßen. Und mit der Geduld, auf die Torchancen zu warten, statt sich auf einen Schlagabtausch einzulassen. Diesmal allerdings mit der Belohnung zweier schneller Treffer.

Italien: Mancinis große Herausforderung

Als Österreich aber zum Anschlusstreffer kam, ging das Zittern erneut los. Wieder wirkten die Italiener unsicher. Wieder ließen sie sich aus ihrer taktischen Struktur bringen. Die Schlussphase der Verlängerung und die zweite Halbzeit bieten nun plötzlich doch Angriffsfläche bei einer Mannschaft, die lange keine Schwächen offenbarte.

Es schien fast so, als würden die Italiener in ihrer nahezu einmalig präzisen Organisation alles mit Leichtigkeit meistern können. Österreich aber zeigte, dass auch bei der Squadra Azzurra das Selbstvertrauen nicht unendlich ist. Mancini muss jetzt vor dem Viertelfinale die Phasen der Unsicherheit analysieren und das Vertrauen in die eigene Ausrichtung stärken.

Wenn die Italiener ihren vorher einstudierten und oft angewandten Handlungsmustern innerhalb ihrer Grundordnung folgen, sind sie nur schwer zu schlagen. Verlieren sie aber die Geduld, scheinen sie von eben jenen Mustern abzuweichen – und das macht sie schlagbar. Dieses Problem zu adressieren, es in nur kurzer Zeit anzupacken und schließlich auch zu lösen, wird die große Herausforderung für das Trainerteam sein. Die Qualität der Lösung könnte letztendlich darüber entscheiden, ob aus dem Favoriten auch ein Titelträger wird.

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