WM 2022 | Vorschau Gruppe D: Frankreich, Dänemark, Australien und Tunesien

WM-Spotlight

Die Ausgangssituation in Gruppe D der Fußball-WM 2022 in Katar scheint vermeintlich klar umrissen. Zwei europäische Schwergewichte aus den Top-10 der FIFA-Weltrangliste werden als Favoriten deklariert. Dennoch haben auch die Außenseiter besondere Charaktereigenschaften zu bieten.

Der Spielplan der Gruppe D

Dänemark – Tunesien (22. November, 14 Uhr)
Frankreich – Australien (22. November, 20 Uhr)

Tunesien – Australien (26. November, 11 Uhr)
Frankreich – Dänemark (26. November, 17 Uhr)

Tunesien – Frankreich (30. November, 16 Uhr)
Australien – Dänemark (30. November, 16 Uhr)

Alle Kader der Gruppe D in der Übersicht



Frankreich: WM 2022 – Mission Titelverteidigung

Aufgrund eines nahezu unerschöpflichen Reservoirs an Ausnahmetalenten hat der amtierende Weltmeister die Favoritenrolle wohl auch in Katar inne. Jedoch bleibt es abzuwarten, wie Trainer Didier Deschamps (54)- der durchaus auf einem wackeligen Stuhl sitzt – auf die nicht enden wollende Verletzungsmisere reagieren wird. So fehlt unter anderem in Paul Pogba (29) und N’Golo Kanté (31) die Schaltzentrale der 2018 erfolgreichen Equipe Tricolore beim anstehenden Turnier im Nahen Osten. Es bleibt abzuwarten, ob es gelingt und wie lange diese Ansammlung von individuell hoch veranlagten Spielern braucht, sich als Einheit zu formen. Ein besonderes Augenmerk liegt bei der Mission Titelverteidigung auf Ballon-d’Or-Gewinner Karim Benzema (34). Der Angreifer in Diensten von Real Madrid hat ist in den letzten Jahren weiter gereift und ist zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Les Blues avanciert. Allen voran das Zusammenspiel im kongenialen Offensivdreieck mit Kylian Mbappe (23) und Antoine Griezmann (31) wird über Wohl und Wehe der Franzosen entscheiden.

Die WM-Qualifikation bewältigte der Weltranglistenvierte ohne Niederlage, allerdings auch ohne Sieg gegen den vermeintlich ärgsten Konkurrenten Ukraine (jeweils 1:1). Auch in der Nations League respektive Europameisterschaft (Aus im Elfmeterschießen gegen die Schweiz) konnten wenige Erfolgserlebnisse gefeiert werden. Somit reist die Equipe Tricolore mit einem angeknacksten Selbstbewusstsein an den Persischen Golf.

(Photo by FRANCK FIFE/AFP via Getty Images)

Individuelle Klasse bestimmt das Geschehen im französischen Spiel

Nationaltrainer Deschamps, ein knorriger Charakter mit Heldenstatus in der Heimat, favorisiert ein 3-5-2-System mit offensiven Schienenspielern – zumeist Theo Hernandez (25) und Bayern-Akteur Benjamin Pavard (26). Allerdings wird auch eine Formation mit Viererkette durchaus in Erwägung gezogen. Das Offensivspiel ist geprägt von individuellen Qualitätsmomenten und einem temporär schnellen Passspiel. Alles in allem lässt sich die französische Mannschaft im Bereich Wundertüte verorten – von einem Vorrundenaus bis hin zum Titelgewinn scheint alles realistisch.

Player to Watch: Aurelien Tchouameni

Nach dem verletzungsbedingten Ausfall der arrivierten französischen Mittelfeldzentrale Kante und Pogba rückt in Katar ein 22-jähriger Shootingstar in den Mittelpunkt. Aurelien Tchouameni (22) wechselte vor der aktuellen Spielzeit für die viel beachtete Ablösesumme von 80 Millionen Euro von der AS Monaco zum Champions-League-Sieger Real Madrid. Viele KennerInnen erwarteten eine behutsame Integration des 1,88 Meter großen Abräumers in das Ensemble der Königlichen – weit gefehlt. Von Beginn an zeigte das Toptalent seine außergewöhnlichen Fähigkeiten im defensiven Mittelfeld. Vor allem seine Antizipationsfähigkeit, Zweikampfhärte und sein exorbitant genaues Passspiel ließen die Zuschauer im Estadio Santiago Bernabeu staunend zurück. Auch in Deschamps Team hat sich der 14-fache Nationalspieler mittlerweile einen nahezu unverzichtbaren Status erarbeitet.

Warum wir über die WM 2022 in Katar berichten

Dänemark: Mit Wir-Gefühl zur WM 2022-Überraschung?

Am 12. Juni 2021 stand der Atem der dänischen Fußballwelt still. Superstar Christian Eriksen (30) war im Europameisterschafts-Vorrundenspiel gegen Finnland auf dem Platz kollabiert. Mannschaftskameraden, ja die ganze Welt bangte um das Leben des heute 30-jährigen. Als sich die positiven Nachrichten über seinen Gesundheitszustand verbreiteten, entstand ein nahezu einmaliges Wir-Gefühl im Kader der Skandinavier.

Bei der kontinentalen Endrunde erreichte man überraschend das Halbfinale (Aus gegen England) und auch die Qualifikation für die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar wurde nahezu spielend leicht bewältigt. Nur eine Partie wurde auf diesem Wege nicht gewonnen (0:2 in Schottland). In Summe hat die Auswahl des dänischen Verbandes DBU seit der denkwürdigen multinationalen EM zehn von 13 Pflichtspielen erfolgreich bestritten. Zur Erleichterung aller Fußballfans ist auch Dreh- und Angelpunkt Eriksen, mittlerweile in Diensten des Premier League-Klubs Manchester United, wieder in den Kader von Danish Dynamite zurückgekehrt.

(Photo by LISELOTTE SABROE/Ritzau Scanpix/AFP via Getty Images)

Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern

Der in seinem Heimatland überaus populäre Nationaltrainer Kasper Hjulmand (50) hat es geschafft, eine Melange aus jungen (Andreas Skov Olsen, Jesper Lindström, Mikkel Damsgaard – alle 22) und erfahrenen Spielern (Thomas Delaney, 31; Kasper Schmeichel, 36; Simon Kjaer, 33) zu finden. Er interpretiert sein bevorzugtes4-2-3-1 oder 3-4-3-System taktisch flexibel, jedoch stets mit einem offensiven Fokus. Die dänische Herangehensweise ist geprägt von hohen Ballbesitzanteilen und enormer Aggressivität. Vor allem die Außenverteidiger kurbeln das Spiel fortwährend an. Des Weiteren wird konsequent mit inversen Außen agiert, die jederzeit gefährlich in die Mitte ziehen können. Zudem findet das Team meist auch das richtige Verhältnis zwischen Angriffspressing und abwartender Defensivarbeit. Eines kann sich der Europameister von 1992 immer sicher sein: Mentalität. Es fehlt im Kader jedoch ein Mittelstürmer mit eingebauter Torgarantie. Die Bundesliga-Akteure Yussuf Poulsen (28) und Jonas Wind (23) sollen diesbezüglich Abhilfe verschaffen. Dänemark ist eine Alles-oder-nichts-Mannschaft – Unentschieden sind eine Rarität. Dementsprechend wird auch der Weg bei der WM 2022 von vielen kleinen Faktoren abhängig sein.

Player to Watch: Jesper Lindström

Der amtierende Europa-League-Sieger ist eines der heißen Eisen bei der kommenden Endrunde in Katar. Lindström ist polyvalent im Offensivbereich einsetzbar und überzeugt durch eine unglaubliche Dynamik und Torgefährlichkeit. Gerade in puncto Abschluss hat sich der 22-Jährige in den letzten Monaten enorm verbessert. Seine Bilanz in der laufenden Saison: 22 Pflichtspiele, acht Tore und zwei Vorlagen.

Gerne zieht es den technisch versierten Eintracht-Frankfurt-Akteur vom Flügel ins Zentrum. Nicht von ungefähr steht der in der Bröndby-Jugendakademie ausbildete Spieler im Notizbuch vieler europäischer Topklubs.

Australien: Schnelle Heimkehr der Socceroos?

Nachdem die Socceroos während der Qualifikation zur WM 2022 in Katar keinen Sieg gegen die größten Konkurrenten Japan (0:2/1:2) und Saudi-Arabien (0:0/0:1) erreichen konnten, musste der Umweg über zwei K.O.-Spiele absolviert werden. Das Ticket zur Endrunde wurde durch einen Erfolg im Elfmeterschießen über den südamerikanischen Kontrahenten Peru in letzter Sekunde ergattert. Nichtsdestotrotz ist Australien einer der größten Außenseiter des bevorstehenden Turniers.

Zum einen musste man bei den letzten drei Teilnahmen an einer Weltmeisterschaft nach der Vorrunde die Segel streichen, zum anderen hat sich die individuelle Qualität zu 2018 nochmals verringert. Vor vier Jahren waren noch Altstars wie Tim Cahill aktiv, nun muss man sich als Kollektiv beweisen. Neben dem fehlenden Niveau der Einzelspieler tragen auch die geringen Einsatzzeiten diverser Akteure (Beispiel: Torwart Matthew Ryan, 30, beim FC Kopenhagen) zu wenig vielversprechenden Aussichten bei. Der Slogan „Das Team ist der Star“ trifft wohl für kaum eine Mannschaft so gut zu, wie für die Aussies. Trotzdem kann sich Australien durch Leidenschaft, Einsatzwille und Physis als unbequemer Gegner erweisen.

(Photo by Bradley Kanaris/Getty Images)

Wenige Legionäre in Europas Top-Ligen

Im Aufgebot von Trainer Graham Arnold (59) gibt es nur wenige Akteure, die in Europas Top-Ligen ihr Geld verdienen. Der torgefährliche defensive Mittelfeldspieler Jackson Irvine (29), derzeit im Trikot des deutschen Zweitligisten FC St. Pauli tätig, zählt schon zu erfahreneren Optionen des 59-jährigen Motivators an der Seitenlinie. Systematisch wird zwischen einer 4-1-4-1 und 4-3-3-Herangehensweise variiert. Vor allem Aaron Mooy (32) dient dabei als unermüdlicher Antreiber aus der Schaltzentrale. Davor agiert der Ex-Frankfurter Ajdin Hrustic (26) zumeist als omnipräsenter Spielgestalter. Probleme treten bei der fußballerisch eindimensionalen Mannschaft insbesondere in der Strafraumverteidigung auf. Nur wenn sich die körperbetonte Spielweise der Australier als erfolgsbringend offenbart, besteht eine kleine Chance auf das Erreichen des Achtelfinales.

Player to Watch: Garang Kuol

Der Sohn südsudanesischer Einwanderer gilt in Australien mittlerweile als eines der größten Talente aller Zeiten. Eigenwerbung muss der 18-jährige Mittelstürmer während der WM 2022 ebenfalls nicht mehr betreiben. Ab dem 01. Januar 2023 steht Garang Kuol beim neureichen Premier-League-Klub Newcastle United unter Vertrag. Ob er direkt in der ersten Mannschaft der Magpies zum Einsatz kommen wird, bleibt noch abzuwarten.

Jedoch hat der dribbelstarke, temporeiche Angreifer mit neun Scorerpunkten in zwölf Partien der australischen A-League bereits nachhaltig Spuren hinterlassen. Im Nationaldress wird er vor allem eine wichtige Jokerrolle übernehmen.

Tunesien: Schaffen die Adler von Karthago endlich den Sprung ins WM-Achtelfinale?

Die Adler von Karthago feiern bei der WM 2022 in Katar ihre sechste Teilnahme am kontinentalen Fußball-Wettstreit. Im Vergleich zu den vorhergehenden Turnieren soll sich eines ändern: Tunesien will erstmals den Sprung ins Achtelfinale schaffen.

Während der Qualifikation zur Endrunde am Persischen Golf musste man lediglich eine Niederlage hinnehmen (0:1 in Äquatorialguinea). Chefcoach Jalel Kadri (50) beerbte Vorgänger Mondher Kebaier (52) nach einem spielerisch enttäuschenden Afrika-Cup im Januar (Aus im Viertelfinale gegen Burkina Faso). Zu Beginn seiner Amtszeit ließ Kadri mit einer Serie von sieben Zu-Null-Partien aufhorchen. Generell liegt der Fokus der Nordafrikaner auf einer stabilen Abwehr. Zwei kompakte Viererketten tragen dazu bei, verhindern jedoch im Umkehrschluss eine nachhaltige Offensivpower.

(Photo by Justin Setterfield/Getty Images)

Die Null muss stehen

Systematisch wird im tunesischen Nationalteam die 4-4-2-Formation bevorzugt. Dabei spielt der Kölner Mittelfeldspieler Ellyes Skhiri (27) eine zentrale Rolle und sorgt für die notwendige Stabilität. Im Angriffsdrittel lebt der Kader von der individuellen Klasse des erfahrenen Wahbi Khazri (31), der aktuell in der Ligue 1 bei Montpellier HSC angestellt ist. Überdies fehlt es dem Aufgebot jedoch an torgefährlichen Akteuren. Vielmehr stehen körperliche Robustheit und ein risikoarmes Passspiel im Blickpunkt. Wenn sich der Teamspirit frühzeitig entwickelt, könnten die Adler von Karthago jedoch für die ein oder andere Überraschung sorgen.

Player to Watch: Hannibal Mejbri

Der 18-jährige Hannibal Mejbri hat alle Anlagen für eine zukünftige Weltkarriere. Seine Ballbehandlung, technischen sowie strategischen Fähigkeiten sind von außerordentlicher Qualität. Allerdings steht dem selbstbewussten Mann, der diverse Jugendnationalmannschaften Frankreichs durchlief, sein eigenes Ego und gelegentliche Unbeherrschtheiten noch im Weg. Aktuell ist der 1,84 Meter große offensive Mittelfeldspieler, der auch über den Flügel einsetzbar ist, von Manchester United an Zweitligist Birmingham City ausgeliehen. Dort scheint er an Reife zu gewinnen. In puncto Torgefährlichkeit (zwei Vorlagen in 15 Zweitligaspielen) und körperlicher Robustheit muss Mejbri noch zulegen.

WM 2022: Prognose Gruppe D

Wenn alles normal läuft, werden sich Frankreich und Dänemark in Gruppe D durchsetzen. Zu deutlich überwiegt bei diesen beiden Teams das individuelle Niveau im Vergleich zu den Konkurrenten aus Australien und Tunesien. Aufgrund der Ansetzungen – die Favoriten treffen schon am zweiten Spieltag im direkten Duell aufeinander – könnte es aber zumindest zu einem spannenden Finish kommen. Aufgrund der mannschaftlichen Geschlossenheit wird sich Dänemark vor Frankreich für das Achtelfinale der WM 2022 qualifizieren. Die Adler von Karthago dürften schöne Momente bereiten, aber am Ende zum sechsten Mal den Heimweg nach der Vorrunde antreten.

 

(Photo by BERTRAND GUAY/AFP via Getty Images)

Steven Busch

Die Außenristpässe eines Tomás Rosicky entfachten seinen Enthusiasmus für den Fußball und die Affinität zu den schwarzgelben Borussen aus dem Ruhrgebiet. WM-Held Mario Götze brach ihm mit dem Wechsel in den Süden der Republik einst sein Fanherz und der Glaube an die Fußballromantik musste leiden. Wenn sein persönlicher Traum von der professionellen Fußballkarriere schon platzen musste, entschied er sich dem Sport aus journalistisch-kritischer Perspektive erhalten zu bleiben.

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